Alternative Anlagen
30. Juni 2020

Kreislaufwirtschaft beginnt zu laufen

Strategien der Kreislaufwirtschaft, die auf Re-Use, Recycling, Reduktion und Ressourceneffizienz abzielen, eröffnen interessante Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten. Darüber diskutieren Axel-Rainer Hoffmann vom Volkswohl Bund, Martin Seitle, Markus Steinhauser und Holger Stromberg von ­Organic Garden, Venture Capitalist Michael Brandkamp sowie die Berater Reinhard Liebing und Detlef Mackewicz mit Patrick Eisele.

Was ist Ihr Verständnis von Kreislaufwirtschaft, Herr Brandkamp? Durch den ­European Circular Bioeconomy Fund (ECBF) haben Sie den breitesten Horizont.

Dr. Michael Brandkamp: Im Wesentlichen eben, dass Materialströme im Kreis geführt werden und nicht mehr linear aus dem ­Boden geholt, verbraucht und nachher auf der Müllkippe landen oder thermisch verwertet werden – und damit 95 Prozent der Wertschöpfung innerhalb einer Nutzung verlieren. Der ECBF zielt vor allem auf die biobasierte Kreislaufwirtschaft ab, bei der es primär um Abfallströme geht, die man ­wieder einer Nutzung zuführt, oder darum, fossile durch nachwachsende Rohstoffe zu ersetzen. Die Materialströme im Kreis zu führen, erfordert neue Geschäftsmodelle und ein neues Wirtschaften. Das ist für mich letztendlich die große Herausforderung, die mit der Kreislaufwirtschaft in ­Verbindung steht.
Erst seit 200 Jahren holt die Menschheit ­regelmäßig alle Dinge aus dem Boden und verbraucht sie. Zuvor waren wir Teil der ­Natur und haben uns damit zufrieden­gegeben, was uns die Natur gegeben hat. Da müssen wir wieder hin – aber trotzdem ­einen hohen Lebensstandard erhalten.

Also Re-Use und Recycling? Wobei Re-Use nur eine Nutzungsverlängerung ist.

Brandkamp: Wir müssen schrittweise ­vorgehen. Zunächst geht es darum, Dinge länger im Kreislauf zu halten. Statt den 95 Prozent Vernichtung auf eine Halbierung zu kommen, wäre ein gewaltiger Schritt. Diese Transformation ist wie gesagt eine große Herausforderung, führt aber auch zu vielen neuen Geschäftsmöglichkeiten.
Dr. Markus Steinhauser: Kreislaufwirtschaft hat mit Sicherheit ihren Ursprung im Recycling. Auf diesem Gebiet ist Deutschland schon seit Jahrzehnten ein Vorreiter. Die Entwicklung ist nun, dass man nicht mehr ein einzelnes Gut betrachtet, sondern sich um die komplette Wertschöpfungskette und deren Modifizierung kümmert. Dies beinhaltet, dass man den Abfall eines Produktes als Rohstoff für die Erzeugung eines neuen Produktes nutzt – und so von einem ­linearen zu einem zirkulären System kommt.
Axel-Rainer Hoffmann: Bezüglich Kreislauf­wirtschaft allgemein besteht das Zielbild, dass am Ende eines Prozesses, idealerweise CO₂-neutral, genauso viele Ressourcen wie am Anfang da sind. Wichtige Schritte auf dem Weg dahin sind die Abfallvermeidung und die Langlebigkeit von Produkten. Der Verbraucher sollte verstehen, dass es sinnvoller sein kann, hochwertigere Produkte zu erwerben, die man auch reparieren kann. Konsumverhalten sollte bewusster sein, Zusammenhänge besser verstanden werden.

Als Sie sich Ihren ersten Stern erkocht ­haben, Herr Stromberg, haben Sie sich da schon mit Kreislaufwirtschaft befasst?

Holger Stromberg: In einer Sterneküche wird in der Regel nichts weggeschmissen. Das ist aber noch keine aktive ­Beschäftigung mit einer wirklichen Kreislaufwirtschaft, die sich aus der Natur ableitet. Heute, auch weil wir immer mehr Menschen werden, ­merken wir verstärkt, dass manche Dinge endlich sind. Corona ist quasi nur ein „Amuse-gueule“ für eine Zukunft mit knapper ­werdenden Ressourcen und den Folgen.
Auch Wasser ist endlich und es gilt jetzt, wirklich jeden Tropfen zu sparen und auch zu recyceln. Wasserverbrauchende Lebensmittel wie Gurken, ­Tomaten, Avocados, Mangos oder Papaya müssen wir außerhalb der Saison oder aufgrund der langen Lieferwege unter Glas herstellen können oder aufhören, sie zu ­essen. Darum brauchen wir leistungsfähige Systeme, in denen wir Wissen und Technologie nutzen – darum Organic Garden, ­darum Kreislaufwirtschaft.
Ökologie muss aber auch endlich sexy sein. Den geschmackstechnischen Aspekt sehe ich als meine Aufgabe an. Damit es mit der Menschheit noch möglichst lange weitergeht, braucht es eine „Umbegeisterung“ der Verbraucher in Bezug auf die Wahl ihrer ­Lebensmittel, auch mittels Role Models.
Wir können die Menschheit nicht von heute auf morgen auf Algenöl trimmen, müssen aber vermitteln, was man eigentlich zur ­Ernährung ­benötigt. Und jeder sollte so viel von Ernährung verstehen, dass man nicht nur nach Preis und lächerlichen Tierwohlkennzeichnungen entscheidet, sondern weiß, was wirklich gut für sich und die Umwelt ist. Seit Jahrzehnten ist Gemüse doch nur da, um die Teller bunt zu gestalten.

Wasser sparen lässt sich bei der Lachszucht mit dem ­Recirculating Aquaculture System, die der Volkswohl Bund finanziert.

Axel-Rainer Hoffmann: Passend zu Über­legungen zur Kreislaufwirtschaft kamen wir zur landbasierten Lachsaufzucht, die uns von Anfang an begeistert hat. Uns war zu Beginn nicht klar, mit welch großem CO₂-Footprint eben auch der Lachs verbunden ist, den wir konsumieren. Der Transport zum Verbraucher erfolgt aus Norwegen oder gar aus Chile. Auch wird das Meer verschmutzt, es bestehen Parasiten- und in der Folge Antibiotikaprobleme. Zudem können die Lachse auch in die Natur entweichen, wo diese Raubfische zumindest in Chile auf natürlichem Wege gar nicht vorkommen. Für Verbraucher bedenklich ist auch, dass die Lachse Mikroplastik schlucken, welches die Meere verschmutzt.
Alle diese Probleme lassen sich durch die landbasierte Lachsaufzucht vermeiden. Bei unserer Unternehmung Pure Salmon steuern und kontrollieren wir Wasser- und Nahrungszufuhr und können Exkremente als Dünger oder Biomasse weiterverwenden.

Handelt es sich um ein 100-prozentiges Kreislaufsystem?

Hoffmann: Nein. Das Wasser wird zwar ständig gefiltert und ­gereinigt, aber da Wasser verdunstet, braucht es immer wieder etwas Frisch­wasserzufuhr. Naturschonend ist aber vor allem – Stichwort CO₂-Abdruck – dass wir näher am Verbraucher sind.
Unsere erste Anlage steht in der Nähe von Warschau und dient uns als Entwicklungs- und Research-Center. Nun beginnen wir mit dem Bau der ersten großen Anlagen in den USA, in Japan und in Europa in der Normandie. Dann lassen sich in einem relativ überschaubaren Umkreis die Abnehmer erreichen, ohne Schiffe oder Flugzeuge zu benötigen. Das passt nicht nur zu unseren Nachhaltigkeitszielen, sondern hat auch den positiven wirtschaftlichen Nebeneffekt, preiswerter als die übliche offshore-Käfigzucht produzieren zu können.

Findet sich der Gedanke der Kreislaufwirtschaft auch an anderer Stelle im Portfolio?

Hoffmann: Es ist nicht einfach, ­Investitionen mit überschaubarem Risiko und auskömmlicher Rendite zu finden, die tatsächlich nachhaltig sind. Wir investieren zwar seit langem in Erneuerbare Energien, haben aber ein zur Lachsaufzucht vergleichbares Investment noch nicht gefunden. Wir sind aber auf der Suche. Man muss jedoch sehr aufpassen, nicht auf ein Greenwashing hereinzufallen. Bei der landbasierten Lachsaufzucht sind wir aber nach reiflicher Überlegung zum Schluss gekommen, dass diese dem Zielbild wirklich sehr nahekommt.
Auf der liquiden Seite sind Anleihen und Aktien von Unternehmen, die Nachhaltigkeit ernst nehmen, meist die interessanteren Papiere für uns. Wir fangen aber auch bei uns selbst an: Wir wollen in unseren ­Büros auf Papier- und Wasserbrauch besser achten und Solar­panels installieren.

Könnte denn auch ein Aktien-Themenfonds auf Kreislaufwirtschaft interessant sein?

Hoffmann: Wir sehen uns viele Dinge an. Grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass diejenigen Unternehmen, die gar nicht erst in den Dunst von Greenwashing kommen, für die Zukunft gut positioniert sind.

Überzeugt Organic Garden nur ökologisch und geschmacklich oder auch ­ökonomisch?

Martin Seitle: Ich gehe davon aus, dass ­Projekte mit ökologischem Hintergrund grundsätzlich immer ökonomischer ­werden. Bestimmte Güter, die früher äußerst günstig zu erwerben waren – und entsprechend behandelt wurden –, ­verteuern sich durch den Klimawandel. ­Beispielsweise bringen Ackerflächen durch Übersäuerung und Austrocknung weniger Erträge. Darum verteuern sich gute Äcker. In manchen ­Regionen wird es für die Lebensmittel­produktion zu warm und zu trocken. ­Bekannt ist auch, dass die Meere so überfischt sind, dass die Reproduktion nicht mehr gegeben ist. Das führt zu steigenden Lebensmittelpreisen.
Wegen des Klimawandels ist es schon rein wirtschaftlich sehr sinnvoll, jetzt in Technik und Konzepte zu ­investieren, die zur ­Ressourcenschonung beitragen. Das schont im Endeffekt Umwelt und Geldbeutel.
Reinhard Liebing: Heute befinden sich im Meer geschätzt 150 Millionen Tonnen Plastik­abfall. Darum wurde im Rahmen von Recycling-Maßnahmen begonnen, Plastik zu sammeln – und heute erkennt man ­immer stärker die von Herrn Hoffmann und Herrn Seitle erwähnte ökonomische Seite: Reststoffe haben einen Wert.
Eine Verknüpfung von Ecosystemen ist eine sinnvolle Lösung. Das gilt insbesondere für Ernährung. Wie man bei Organic Garden sieht, wird das nährstoffhaltige „Fischwasser“ nicht entsorgt, sondern als Gieswasser in den Gewächshäusern genutzt.

Wie offen sind Family Offices für ­Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft?

Liebing: Wir sprechen hier nicht mehr von einem Nischenthema. Nachhaltigkeits-Vorreiter sind heute auch große Konzerne wie Google, die CO₂-neutral sein wollen. Die machen sich bezüglich des Energie-Lastenmanagements Gedanken, ob sie in ihren Rechenzentren Algorithmen dann durchführen, wenn Solar- und Windparks besonders viel Energie produzieren. So gibt es auch Überlegungen, die ­Abwärme von ­Rechenzentren für Fisch-, Garnelen- oder Algen-Farming zu nutzen.
Bezüglich entsprechender nachhaltiger Investments sind Family Offices und Familien­unternehmer eher als regulierte Anleger ­bereit, Risiken einzugehen. Häufig sind bei Direktinvestments institutionelle ­Investoren erst dann bereit zu investieren, wenn der Proof of Concept vorliegt und wir über ein skalierbares Geschäftsmodell sprechen.
Unternehmerfamilien, die ich kenne, ­haben den Großteil ihres Vermögens in unternehmerische Beteiligungen und Private ­Equity investiert. Das sind die Innovatoren, die mit eigenem Geld und eigenen Ideen in nachhaltige Investments gehen. Im folgenden Schritt, nämlich der Wachstumsphase, ­werden dann gerne als Partner ­institutionelle Investoren integriert.

Gibt es schon eine Rechenzentrum-Fisch-Kombination? Existiert Power-to-Garnele?

Liebing: An der Kombination von Rechenzentrum und Fischzucht wird noch ­gearbeitet, die Kombination von „Power to Garnele“ wird von einer großen Privat­stiftung mit umfangreichem Renewables-Portfolio bereits erfolgreich umgesetzt.
Detlef Mackewicz: Für nachhaltige Anlage­themen sehe ich sowohl bei Family Offices als auch bei Institutionellen eine große ­Offenheit. Im ersten Schritt ging es darum, nicht-nachhaltige Investments zu vermeiden. Nun kommt der nächste Schritt, Gutes anzustoßen. Unter Impact Investments summieren sich Anlagen, mit denen man auf bestimmte positive Effekte und manchmal sogar auf eine Überrendite ­abzielt.
Ob nun institutionelle Kapitalsammelstelle oder Family Office ist weniger entscheidend als der Faktor Mensch. Auch ist kein Family Office wirklich mit dem anderen vergleichbar. Feststellen kann ich aber, dass Family Offices, die einen Hintergrund im Lebensmittelsektor haben, bezüglich Kreislaufwirtschaft besonders aufgeschlossen sind.

Der ETF von BNP Paribas zu Kreislaufwirtschaft kostet 30 Basispunkte. Warum sollten Investoren für den ECBF eine Management Fee von 2,15 Prozent bezahlen?

Brandkamp: Unsere Fee ist Standard für Venture Capital. Unsere Tickets sind ­kleiner, die Innovationspotenziale aber viel größer. Man kann auch sagen, dass unser Chancen-Risiko-Profil etwas ambitionierter als das von konventionellen Aktienstrategien ist. Wir suchen Innovationen, die gute Geschäftsmodelle ermöglichen und zu ­einer besseren Welt beitragen. In eine Schuhherstellung aus Spinnenseide zu investieren braucht Mut und die Bereitschaft, intensiv an der Entwicklung eines solchen Unternehmens zu arbeiten. Und am Ende ­werden wir ja auch gute Renditen abliefern.

Eine Ziel-IRR von 23 Prozent ist nicht zu verachten. Der Fonds will in ­Biomasse, Biologicals für die Ersetzung von chemischen Produkten und in Technologie investieren. Wie sind diese drei Segmente abzuwägen?

Brandkamp: Ernährung und Futtermittel sind besonders sexy. Wir erwarten viel von pflanzenbasierten Proteinen, von neuen Produktionsverfahren für Fisch, Fleisch und Futtermitteln. Letzteres kann beispielsweise aus Insekten hergestellt werden.
Viel Potenzial hat aber auch die biobasierte Herstellung von Verpackungen und Texti­lien. Eine Unmenge an Textilien wird entsorgt und im Wesentlichen nur thermisch verwertet. Zudem erfordert der Einsatz von Baumwolle einen ­unglaublichen Verbrauch von Bioressourcen. Biobasierte Materialien lassen sich aber im Kreis f­ühren. Hier tätige Unternehmen schaffen neue Wertschöpfungsketten und ­tragen so dazu bei, dass sich die Welt ­wirklich verändert. Sie können dann auch sehr hohe Renditen abwerfen.

Ist die Idee auch, ein Unternehmen zu ­bauen, das Biomasse, Biologicals und ­entsprechende Technologien verknüpft und so einen großen Kreislauf kreiert?

Brandkamp: Solche Verbünde sind eine ­hervorragende Idee und entsprechen genau dem Sinn von Kreislaufwirtschaft. Dazu ­suchen wir aber Partnerunternehmen. ­Organic Garden ist ein Beispiel für ein Unternehmen, das solche Verbünde schafft.

Warum braucht es pflanzenbasierte ­Ernährung und Futtermittel aus Insekten?

Brandkamp: Mit der Bevölkerung wächst auch der Fleischkonsum. Fleischproduktion benötigt aber fünfmal so viel Landfläche wie pflanzenbasierte Proteine. Deswegen muss der Produktionsprozess umgestellt werden. Insekten sind attraktiv, weil sie auf organischen Abfällen wachsen und Soja ersetzen können, das viel Fläche verbraucht. Bis ­Insekten auch auf unserem Teller landen, braucht es noch etwas Zeit.
Stromberg: Das kann ich nur ­unterstreichen. Für Monokulturen wie Soja als Futtermittel wird der Regenwald abgeholzt. Sehr bedenk­lich in Verbindung mit der ­Fleischproduktion sind vor allem die antibiotikaresistenten Keime, die sich nahezu überall in konventio­nellem Fleisch finden. Im Vergleich zu ­diesen mutierenden Bakterien wird Corona, wie gesagt, nur ein „Amuse-gueule“ sein.
Eigentlich bräuchte es Verbote der Politik. Das ist jedoch aussichtslos. Darum muss Kreislaufwirtschaft – um die Politik ins Boot zu holen – auch immer bezüglich Arbeitsplätze diskutiert werden.
Insekten wären eine bessere Alternative. Meine Befürchtung ist aber, dass die ­Massenproduktion von Insekten zu den gleichen Fehlentwicklungen führt wie in den vergangenen Jahrzehnten bei der Zucht von Hühnern und Schweinen. In der Tierwelt produzieren wir damit, abgesehen von Tierleid, immer mehr Viren-Bakterien-Monster. Eine Lösung sehe ich eher in ­Algen, effektiven Mikroorganismen und in pflanzenbasierten Proteinen.
Hoffmann: Pure Salmon verzichtet auf ­Antibiotika. Natürlich kann man nicht ­ausschließen, dass es einmal mit einer Lachskohorte ein Problem gibt. In unseren Anlagen stehen aber mehrere, voneinander getrennte Becken. Das reduziert das Risiko.

Die TMT-Bubble, aus der die Luft von 2000 bis 2002 die Luft gewichen ist, war für ­deutsche Investoren prägend. Lassen sich diese wieder für Venture Capital begeistern?

Mackewicz: Venture Capital hatte in Deutschland lange einen schwierigen Stand. Aber seit zwei, drei Jahren sehe ich bei ­deutschen Institutionellen steigende VC-­Investitionen. Derzeit sind 3.500 Private-Equity-Fonds im Fundraising, davon zählen 1.000 oder 1.500 zum Venture-Lager.
Bei diesen Fonds ist aber der Unterschied zwischen Gut und Schlecht sehr groß. Und es sind nur die Top-5-Prozent, die Renditen von 30 bis 40 Prozent pro Jahr erzielen. ­Darum bevorzugen institutionelle Investoren das Buyout-Segment, in dem sich relativ konstant pro Jahr Returns von zwölf bis 15 Prozent erzielen lassen.
Die Innovationsstärke von Venture-Unternehmen haben aber auch deutsche Investoren dazu bewegt, sich wieder mehr mit ­Venture Capital zu ­beschäftigen. Die Entwick­lung von Beyond Meat, das auch mit Venture Capital finanziert wurde, hat hier ebenfalls Impulse gegeben.

Hilft es, um VC-Bedenken zu überwinden, wenn beim ECBF staatliche Institutionen und strategische Investoren an Bord sind? Oder schreckt das Finanzinvestoren ab?

Brandkamp: Das hängt von der Struktur und der Governance des Fonds ab. Beim ECBF hat die European Investment Bank keinen Einfluss auf ­Entscheidungsprozesse. Das ist wichtig. Die Überlegung ist, dass es, um die mit dem Fonds verbundenen Ziele der Politik erreichen zu können, einen markt- und renditeorientierten Fonds braucht. Neue Arbeitsplätze und das Ziel, Europa eine Spitzenposition bei Innova­tionen zu sichern, lassen sich am besten über gute Renditen umsetzen. Diese locken andere Investoren an, die die Projekte weiterentwickeln. Einzige Besonderheit ist die Struktur, die für Investoren das Risiko reduziert, was deren Einstieg ­erleichtern soll.

Kommt dem Volkswohl Bund Venture ­Capital ins Haus?

Hoffmann: Das ist schon im Haus. Pure Salmon ist zum Beispiel Venture Capital. Im Fundraising wurden über 300 Millionen Euro eingeworben, davon stammen über 50 Millionen Euro aus Commitments des Volkswohl Bunds. Sind wir von einem ­Thema überzeugt, dann trauen wir uns auch größere Investments zu. Aber auch generell ist Private Equity, und hier wiederum Venture Capital als Subsegment, für uns ein wichtiger Bestandteil der Asset-Allokation.
Schön ist, dass die für uns interessanten ­Beteiligungsfonds diejenigen sind, die aus unserer Sicht die spannenden Zukunfts­themen besetzen. Das sind Erneuerbare Energien, die sich stark mit Private Equity überschneiden, oder auch andere Nachhaltigkeitsthemen wie Kreislaufwirtschaft.
Wichtig ist für uns, die Risiken selbst ­bewerten zu können. Wenn diese einigermaßen überschaubar sind – wie bei der Lachsaufzucht und bei Erneuerbaren ­Energien – sind wir gerne auch mit ­größeren Volumina dabei. Eine Herausforderung ist allerdings die Risikokapital-Unterlegung und die Einordnung nach Solvency II.

Was sind die Ziele der Lachsaufzucht?

Hoffmann: Mit Pure Salmon wollen wir die landbasierte Lachsaufzucht global ­ausrollen. Der Asset Manager plant hierfür vier bis fünf Fonds aufzulegen. In der Endausbaustufe kommen wir auf eine Produktion von 280.000 Tonnen Lachs. Das klingt viel, liegt aber deutlich unter zehn Prozent des ­heutigen weltweiten Lachskonsums.

Was macht die Konkurrenz?

Hoffmann: Wir begrüßen, dass auch andere Anbieter mit ähnlicher Technologie zum Beispiel in Ostdeutschland eine Anlage ­bauen wollen. Wenn der Verbraucher die Vorteile der landbasierten Lachsaufzucht ­erkannt hat, ist der Markt groß genug für ­alle. Neue Anbieter bringen eine neue ­Dynamik rein. Wir gehen davon aus, dass sich mehr als zehn Prozent davon über­zeugen lassen, ein besseres Produkt zum vergleichbaren Preis zu erwerben. Wenn wir dann in großem Stil produzieren, dann liegen unsere Produktionskosten unterhalb der der Käfighaltung im Meer.
Liebing: Wir haben mit Aqua-Maof einen Weltmarktführer für Kreislaufanlagen in der Aquakultur als Branchenpartner integriert und auch beteiligt. Wir begleiten die Finanzierung einer landbasierten Lachsaufzucht, die langfristig eine jährliche Produktion von etwa 15.000 Tonnen anstrebt. An der Gesellschaft sind derzeit neben der industriellen ­Familie, die dieses Projekt maßgeblich entwickelt hat und vorantreibt, zwei weitere Family ­Offices beteiligt. Zudem sind wir mit weiteren Family Offices und auch anderen Institutionellen in engem Dialog.

Aber das Risiko sind nicht nur der Ver­braucher und Gestehungskosten, sondern auch die Abhängigkeit vom Einzelhandel?

Seitle: Unser Vorteil sind die kurzen Wege. Einzelhändler können nachmittags ­bestellen und haben den Frisch-Fisch am nächsten Morgen. Bei Lachs aus Norwegen ist diese Planbarkeit nicht gegeben. Der kommt, wann er kommt und hält dann nur noch fünf Tage. Unser Fisch lässt sich etwa doppelt so lang verkaufen, weil er nicht zuvor tagelang transportiert wird. 40 Prozent des Frisch-Fisches werden weggeschmissen.

Was hinten rauskommt ist auch im Becken wichtig. Bleibt der Fischkot im ­Kreislauf?

Liebing: Bei unserer landbasierten Lachs­aufzucht wird darüber nachgedacht – Stichwort ­Aquaponik. Die „Fischgülle“ ließe sich für den Anbau von Gemüse nutzen. Hierfür werden bereits Gespräche mit Universitäten geführt, um auch neueste Erkenntnisse der Forschung in die Prozesse zu integrieren.
Hoffmann: Auch wir planen die ­Exkremente als Dünger insbesondere für den Gemüseanbau zu nutzen. Möglich ist auch, diese Biomasse an Heizkraftwerke abzugeben. Die Verwendung ist standortabhängig.

Herr Seitle, der Organic-Garden-Kreislauf besteht aus Energieversorgung, Lebens­mittelproduktion und Bodenkultivierung. Wo kommen Umsätze und Gewinne her?

Seitle: Alle drei Bereiche sind gleich wichtig und unterstützen sich gegenseitig. Mit dem Ökostrom versorgen wir uns selbst, können diesen aber auch ins öffentliche Netz einspeisen oder Industriebetriebe versorgen. Mit dem „Abfallprodukt“ Wärme versorgen wir den Lebensmittelbetrieb. Wir haben für alle drei Segmente, also Energie, Lebensmittel und Bodenkultur, exakte ­Preis­definitionen. Uns ist klar, dass der ­Verbraucher in Deutschland, auch wenn wir eine hohe ­Qualität anbieten, preissensitiv ist. Darum müssen wir die Produkte zu ­marktkonformen Kosten produzieren.

Wie gelingt das?

Seitle: Indem wir mit technologischer Hilfe die Produktionskosten reduzieren. Beispiel Champignons: Auf dem Markt werden nicht mehr als 1,47 Euro bezahlt und die konventionelle Produktion schlägt mit 1,44 Euro zu Buche. Der Gewinn pro Kilo liegt also bei nur drei Cent. Wir können aber ­bestimmte Effizienzen beim Ressourceneinsatz ­nutzen, um die Produktionskosten auf 1,35 Euro zu senken – und dies ­ganzjährig und bei ­höherer Qualität. Diese wirtschaft­lichen Vorteile entstehen, weil sich Energie, Bodenqualitäten und ­Lebensmittelproduktion in einem Kreislaufsystem unterstützen.

Was ist an Bodenkultur so relevant?

Seitle: Kultur-Schwarzerde wird immer wichtiger. Grund ist der Klimawandel, der die Böden austrocknet. Darum macht es Sinn, die Schwarzerde auf landwirtschaft­lichen Flächen auszubringen. Hierfür ­bekommen wir nun deutlich höhere Preise ­bezahlt. Zuvor lief dieser Kompost als typisches Abfallprodukt. Der Trend zum Home-Gardening ist aber auch ein Treiber.
Wir sehen auch von der Politik die Unterstützung, die Bodenqualitäten zu ­verbessern. Die EU hat Programme zur Renaturierung aufgelegt. Ansonsten verlieren die Böden die Fähigkeit, CO₂ zu speichern.

Die Energieversorgung basiert auf Holz. Was ist aber mit CO₂-Freisetzung, Mono­kulturen, Lieferproblematik oder Feinstaub?

Seitle: Wir haben Feinstaubfilter und ­bringen die zertifizierte Holzasche in die Schwarzerde ein. Wir wirtschaften CO₂-neutral. Für unsere Bioheizkraftwerke verwenden wir keine schnellwachsenden Hölzer aus Mono­kulturen. Unsere Quellen sind einmal das Abfallholz aus der ­Forstindustrie, also Baumkronen oder Äste, für die die ­Möbel- und Papierindustrie keine Verwendung hat. Zweite Quelle ist die Landschaftspflege wie der Ausschnitt von Autobahnen oder Bahngleisen und der kommunale Ausschnitt. Soviel wie da anfällt, können wir gar nicht abnehmen. Dritte Quelle sind Wertstoffhöfe, auf denen die Bevölkerung ihren privaten Schnitt abgibt. Die Bundeswaldinventur zeigt uns das Holzvolumen sehr gut an. Alle Holz-Lieferquellen – und auch die Lebensmittel-Konsumenten – sind in unserem Konzept nie weiter als 200 Kilometer vom Organic-Garden-Standort entfernt.

Wie waren Ihre Erfahrungen mit Organic Garden als Investor, Herr Steinhauser?

Steinhauser: Insgesamt waren die Erfahrungen vielschichtig und sehr gut. Zu ­Beginn hatten wir die Notwendigkeit, einen Abnehmer für die Energie unserer Kraftwerke zu finden, um profitabel zu sein. ­Dieser Druck ist heute weg. Dafür sind in den vergangenen Jahren die Überzeugung und sogar die Begeisterung für das Projekt gewachsen. Schließlich leisten wir hier ­einen Beitrag zur Umwelt und schaffen ein Konzept, das langfristig nützlich ist.
Die Produkte erfahren am Markt eine hohe Nachfrage und aus Investorensicht rennen wir offene Türen ein. Die Resonanz, ob nun von Family Offices oder von institutionellen Investoren, ist einfach ­überwältigend.

Und wo hakt’s?

Seitle: Momentan nirgends. Eigenkapital aufzutreiben war unproblematisch. Wir sind aber auch erst vor einem Jahr mit ­diesem Konzept gestartet. Jetzt kommt der Zeitpunkt, das Projekt auf ein anderes Level zu heben. Dafür sind wir auf das Kapital großer, finanzstarker Investoren ­angewiesen. Wir wollen in den nächsten drei Jahren drei Standorte umsetzen und brauchen pro Standort in der Vollausbaustufe mit Fischzucht, Gewächshäuser und Heizkraftwerk 55 Millionen Euro. Diese etwa 160 Millionen wollen wir auch mit einem Green Bond ­finanzieren. Ich kann mir vorstellen, dass allein in Bayern 15 Standorte möglich sind.
Voraussetzungen der Standorte sind Boden- und Wasserqualität, Infrastruktur und Nähe zum Konsumenten sowie eine ­Gesamtfläche von 20 Hektar. Im Burgenland in Österreich haben wir bereits ein Gewerbegebiet mit Bioheizkraftwerk und eigenen Wasserquellen. Der Eigentümer dieses Gewerbeparks bietet uns die benötigten ­Grundstücke mit 35 Euro pro Quadratmeter auch günstig an. Dort startet nun mit einer Garnelenzucht das erste Modul.
Die Suche nach weiteren geeigneten Grundstücken erweist sich leichter als gedacht. In den vergangenen drei Monaten sind viele Grundstückseigentümer auf uns zugekommen. Das betrifft Flächen in Bayern und der Lausitz. Wir bekamen auch schon eine ­Anfrage aus der Champagne. Corona gibt uns auch politischen Rückenwind, weil wir ganzjährige Versorgungssicherheit bieten.

Wie aufwendig ist für die Investorenseite die Due Diligence für ein solches Projekt?

Mackewicz: Das Thema ESG ist seit zwei, drei Jahren fester Bestandteil einer Due ­Diligence. Was ESG-Reports betrifft, hat sich bei den Fondsanbietern sehr viel getan. In diesen Reports finden sich für die ­einzelnen Buchstaben von ESG zahlreiche Kriterien – und nach diesen werden die Portfoliounternehmen laufend beurteilt. Die Private-Equity-Gesellschaften arbeiten auch darauf hin, dass sich ein Unternehmen bei den einzelnen Kriterien verbessert. Die Prüfung dieser Kriterien macht aber ­natürlich die Due Diligence aufwendiger.
Hoffmann: Je komplexer die Investments, desto aufwendiger die Due Diligence. Wir gehen so vor, dass wir die traditionellen ­Asset-Klassen selbst verwalten und in ­unserem eigenen Front Office abbilden. Bei neuen Themen – mit Private Equity haben wir vor etwa vier Jahren angefangen – arbeiten wir mit Partnern zusammen und ­machen unsere Lernkurve. Unser Ziel ist, sehr nah an den Investments dran zu sein.
Das Lachsinvestment inklusive Due Diligence hat mein Team selbst bewerkstelligt. Das war natürlich aufwendig und dauerte viele Monate. Es machte aber auch Spaß.

Ist das Organic-Garden-Konzept skalierbar?

Seitle: Für einen wirtschaftlichen Betrieb brauchen wir eine bestimmte Größe. Die Größe eines jeden Standorts müssen wir aber beispielsweise an das jeweilige ­Flächen- und das Wasserangebot anpassen.

Wäre ein wirtschaftlicher Betrieb mit Schweinen und Rindern möglich?

Seitle: Nein. In unserem Konzept ist die Fleischproduktion komplett außen vor. Ein Beispiel: Für ein Kilo Rindfleisch werden bis zu 15.000 Liter, für ein Kilo Zander 300 Liter Wasser benötigt. Ein solcher Ressourceneinsatz ist mit unserem Konzept nicht ­darstellbar. Mit Unterstützung von Holger Stromberg wollen wir auch die generelle ­Ernährungsphilosophie ändern. Der ­heutige hohe Fleischkonsum ist problematisch. Wir werden das Verbraucherverhalten nicht komplett ändern können, wollen aber eine hochwertige Alternative bieten.

Was passiert mit den Tomatenstängeln oder den Gurkenblättern?

Seitle: Es gibt keinen Abfallstoff, der nicht auf dem Standort komplett verwertet wird. Alle Abfallstoffe, die mit der Ernte ­anfallen, kommen in das sogenannte ­Erdenwerk und werden dort mit anderen Kleinstteilen wie Rinden und Zweigen sowie mit Asche und Fisch-Kot vermengt. Dann kommt es wie in privaten Gärten im Kompost zum Gärungsprozess. Da wir noch Wärme zugegeben, produzieren wir hochwertige Komposterde innerhalb von sechs bis acht Wochen und brauchen nicht drei bis vier ­Monate.

Könnte man aus den Abfallstoffen auch ­Verpackungen herstellen? Für die Konsumgüterindustrie ist die Substitution von ­Plastikverpackungen durch Materialien, die sich für eine Kreislaufwirtschaft eignen, ein großes Thema.

Seitle: Bei uns bleibt nichts übrig, was noch weiter verwertbar wäre.
Liebing: Für unser Lachsprojekt interessiert sich auch eine sehr große Familienstiftung, die selbst Garnelen züchtet. Wir sehen hier große Synergien. Denkbar ist, die Fertigungstiefe gemeinsam zu optimieren und dabei auch Plastikverpackungen durch natürliche Stoffe zu ersetzen. Es braucht sinnvollere Lösungen als Plastik oder Styropor.

Wie entscheidet man sich eigentlich ­zwischen Garnelen, Zander oder Lachs?

Seitle: Das ist vor allem eine Frage der Cashflow-Ziele. Garnelen brauchen von der ­Larve bis zur Ernte fünf Monate, Lachs hat Vorlaufzeiten von bis zu vier Jahren. Die ­benötigte Technologie ist auch ein Aspekt und am Ende auch die ­Nachfragepräferenzen rund um den Produktionsstandort. Lachs ist ein sehr gängiger Fisch, Zander ist ­hochpreisig und gut zu verarbeiten, aktuell kommen aber rund 90 Prozent aus kasachischen Zuchtanlagen von zweifelhafter ­Qualität. Die Nachfrage ist, wie auch nach Garnelen, hoch.

Bei so viel Begeisterung und auch guten ­Argumenten könnte man meinen, dass es sich bei Kreislaufwirtschaft mitnichten um ein exotisches Nischenthema handelt.

Liebing: Die nachhaltige Ernährung von bald zehn Milliarden Menschen ist kein ­Nischenthema. Und für diese Ernährung braucht es Ressourceneffizienz sowie ­Lösungen, die Ökonomie und Ökologie ­miteinander versöhnen. Hier wird uns die Digitalisierung unterstützen. Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung müssen zusammen betrachtet werden.
Was das Anlegerverhalten betrifft: Vor über zwölf Jahren waren Forstinvestments für deutsche institutionelle Investoren und ­Family Offices exotisch. Vor zehn bis zwölf Jahren waren Erneuerbare Energien ein ­Nischenthema und sind heute Standardinvestments. Jetzt reden wir über landbasierte Fischzucht und werden feststellen, dass wir in Zukunft nachhaltige Investments im Bereich der Aquakultur häufiger sehen. Denn in der Nische stecken attraktive Chancen.

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