Traditionelle Anlagen
1. Oktober 2020

Krise drückt auf Kreditwürdigkeit

Hoher Norden, hohe Bonität. Fitch warnt vor Staatsbankrotten in Afrika.

Das unabhängige Schweizer Kreditresearch-Unternehmen Independent Credit View (ICV) analysierte in der Länderstudie 2020, welche seit dem Jahr 2009 jährlich erstellt wird, die fundamentale Kreditqualität von 51 Staaten. Vor dem Hintergrund, den größten Schock für die Weltwirtschaft seit 75 Jahren zu verkraften, wurden die Länder einer vielschichtigen Bonitätsprüfung unterzogen. Ziel war, die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Covid-19 Pandemie auf die Länderbonitäten zu verifizieren.

Wie die Autoren schreiben, hängt die Dauer und die Tiefe der Rezession sowie Auswirkungen auf die Bonität von der individuellen Ausgangslage und Widerstandsfähigkeit der einzelnen Staaten ab. Bereits vor der Krise überstrapazierte Bilanzen (Staaten, Unternehmen, Haushalte) und trotz positivem Wirtschaftsumfeld nicht erfolgte Reformen bieten dabei vielerorts für ICV eine prekäre Ausgangslage.

Finanzmärkte von realer Welt entkoppelt

„Die erfolgreiche Bewältigung der Krise erfordert rigorose Anpassungen bei überschuldeten Unternehmen, Haushalten und Staaten zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit nach der Krise“, so René Hermann. Der Lead-Autor der ICV-Länderstudie fordert aber auch Anpassungen der Investoren. Die Finanzmärkte hätten sich nämlich derzeit komplett von der realen Welt entkoppelt. „Viele Investoren glauben, dass sie in Krisensituationen stets von Notenbanken und Regierungen gerettet werden und gehen deshalb höhere Risiken ein. In diesem Umfeld war der Blick unserer Länderstudie 2020 auf die Entwicklungen herausfordernder denn je und führte zu zehn Downgrades.“

Hoher Norden, hohe Bonität

Die ICV-Länderstudie 2020 weist Nordeuropa mit Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden als Safe Havens aus. Diese Staaten gingen mit einer tiefen Verschuldung in die Krise und die Aussichten auf eine rasche Rückkehr zu Wirtschaftswachstum sind intakt. „Deutschland kratzt an diesem Status, aber der starke Schuldenanstieg, hohe Eventualverpflichtungen und eine lediglich moderate Wirtschaftserholung verhindern ein zu positives Bild“, sagt Hermann. „Erwartungsgemäß verzeichnen wir in diesem Umfeld kein Upgrade, während zehn Staaten eine Abstufung erhielten. Darunter beispielsweise Kanada, Mexiko sowie die Türkei, welcher wir schon letztes Jahr eine problematische Entwicklung attestierten“, so Hermann.

Resümierend und ausblickend meint Hermann: „Die aus Bonitätssicht negativen Konsequenzen für Unternehmen, Haushalte und Länder werden sich im kommenden Jahr materialisieren. Wir erwarten einen Anstieg der Kreditausfälle – insbesondere, wenn die Sondermaßnahmen auslaufen – und steigende Arbeitslosigkeit, was den Konsum belasten wird. Länder mit hoher Gesamtverschuldung (Staat, Unternehmen, Haushalte), einseitiger Wirtschaft und schwachen Institutionen haben Mühe, dem Schuldensumpf zu entkommen (Italien, Griechenland). Hier bleiben tiefe Zinsen entscheidend für die Tragbarkeit. Für den reibungslosen Kapitalmarktzugang sind wirtschaftliche Reife, robuste Institutionen und vertrauenswürdige Governance wichtige Voraussetzungen. Investoren sollten daher Staaten mit einer relativ tiefen Gesamtverschuldung, intaktem Erholungspotenzial und stabilen politischen Verhältnissen, wie zum Beispiel die genannten Safe Havens, bevorzugen. Generell glauben wir, dass die Beruhigung der Märkte nur temporärer Natur sein wird. Es wird wieder zu heftigen Ausschlägen kommen.“

Afrikanische Emittenten schwächeln

Für die Ergebnisse der ICV-Länderstudie sprechen die jüngsten Entwicklungen in Afrika. Die jüngste Herabstufung des Ratings von Sambia von CC auf C könnte eine Reihe von Staatsbankrotten in Subsahara-Afrika (SSA) einläuten, warnt Fitch Ratings. In Afrika hätten mehrere mit einem Rating versehene Staaten akuten Liquiditätsdruck und sehr hohe Schuldenstände. Zudem sei die Schuldenlast der meisten Staaten in den vergangenen zehn Jahren stark angestiegen. Sambia blieb jüngst die Zinszahlungen auf Anleihen schuldig.

Laut Fitch wurde in diesem Jahr wurde bereits „eine Rekordzahl von Staatsbankrotten“ verzeichnet, darunter im Libanon, in Ecuador, Surinam und Argentinien. „Die Auswirkungen der Pandemie waren in den meisten dieser Fälle nicht der ausschlaggebende Faktor, obwohl sie den Druck auf die Liquidität und die Schuldentragfähigkeit in vielen Schwellenländern, darunter auch in einigen SSA-Ländern, erheblich verstärkt hat“, schreibt die Ratingagentur.

Zusätzlich zu Sambia mit „C“ bewertet Fitch vier SSA-Länder mit „CCC“, was darauf hinweist, dass ein Zahlungsausfall eine reale Möglichkeit ist. Dabei handelt es sich um Angola, die Republik Kongo, Gabun und Mosambik.

 

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