Kummer’s Corner: Episode 3 – Dornröschen

In einer Video-Podcast-Folge sprechen Jens Kummer und Dr. Bernd Kreuter ausführlich über all das, was hier in Bildern erzählt wird.
Ein Märchen im Stil der Gebrüder Grimm – mit ökonomischer Präzision von Jens Kummer. Passend dazu eine Video-Podcast-Folge: Jens Kummer im Gespräch mit Bernd Kreuter.
Es war einmal ein wohlgeordnetes Königreich inmitten Europas, reich an Werkstätten und Wissenschaft, an Erfindungskraft und Exportglanz. Seine Städte waren wohlgebaut, seine Maschinen begehrt in aller Welt, und seine Bürger rühmten sich ihrer Stabilität.
Doch wer genauer hinsah, bemerkte feine Risse im Gemäuer.
Brücken knarrten.
Schienen ächzten.
Und in manchem Dorf rauschte das Datennetz wie ein schwacher Wind, wo es hätte fließen sollen wie ein kräftiger Strom.
Nicht aus Mangel an Wissen.
Nicht aus Mangel an Kapital.
Sondern aus Mangel an kontinuierlicher Erneuerung.
Seit Jahren flossen nur zwei von hundert Talern der Wirtschaftsleistung in die öffentliche Infrastruktur, während andere Reiche vier gaben.
Und so fiel das Land – ohne es recht zu merken – in einen sanften, rational begründeten Schlaf.
Der Dornröschenschlaf
Wie einst Dornröschen hinter der Dornenhecke, so lag die Infrastruktur hinter Gestrüpp aus Zuständigkeiten, Haushaltslogiken und politischer Vorsicht.
Nicht tot.
Nicht marode.
Aber unterinvestiert.
Investitionsentscheidungen wurden vertagt.
Budgets wurden gedeckelt.
Risiken wurden betont – Chancen relativiert.
Die Dornen hießen:
Regulatorisches Risiko.
Politische Eingriffe.
Unklare Projektstrukturen.
Und man gewöhnte sich daran, dass öffentliche Güter von gestern noch für heute reichten.
Die drei Schatzkammern
Im Land standen große Schatzkammern.
Versorgungswerke.
Pensionskassen.
Versicherungen.
Sie hüteten langfristiges Kapital – gebunden an ebenso langfristige Verpflichtungen.
Dieses Kapital suchte Stabilität, planbare Cashflows und eine angemessene Risikoprämie.
Doch es zog hinaus.
Es finanzierte Projekte für Erneuerbare Energien in Skandinavien, Spanien und Italien.
Es beteiligte sich an Netzen in England.
Es investierte in Datencenter jenseits des Meeres.
„Dort sind die Rahmenbedingungen bewährt“, sagten die Hüter.
„Dort ist die Infrastrukturindustrie seit Jahrzehnten etabliert.“
Und das war das Paradoxe:
Wenn sie Aktien kauften, bevorzugten sie heimische Unternehmen.
Sie kannten deren Geschäftsmodelle, Bilanzlogiken und Marktpositionen.
Doch bei Infrastruktur verhielt es sich umgekehrt.
Was vor der eigenen Tür lag – reguliert, politisch eingebettet, föderal komplex – erschien riskanter als die Ferne.
So entstand das Paradox des umgekehrten Home-Bias.
Nicht aus Unwissenheit.
Sondern aus institutioneller Gewohnheit.
Die Fremden im Rosengarten
Während die heimischen Hüter zögerten, kamen internationale Investoren.
Große Staatsfonds.
Globale Infrastrukturfonds.
Langfristig orientierte Pensionsvermögen.
Sie betrachteten die Stromnetze des Landes.
„Hier gelten klare Regulierungsmechanismen“, sagten sie.
„Die Eigenkapitalverzinsung ist definiert,
die Kapitalstruktur anerkannt,
die politische Stabilität hoch.“
Sie sahen:
Einen Spread gegenüber dem risikofreien Zins.
Eine kalkulierbare Duration.
Eine Regulierung mit historischer Verlässlichkeit.
Und sie investierten.
Da wunderten sich die Einheimischen:
„Warum sehen die Fremden Stabilität, wo wir Eingriffsrisiko vermuten?“
Die Angst vor dem eigenen König
Im Rat des Landes sprach man oft vom politischen Risiko.
„Ein Regierungswechsel“, sagten manche, „kann Vergütungsmechanismen verändern.“
„Ein Federstrich kann Netzentgelte senken.“
Und gewiss – politische Einflussnahme existiert.
Doch die Fremden rechneten anders.
Sie bewerteten nicht nur das Risiko des Eingriffs, sondern auch das Risiko institutioneller Instabilität in anderen Ländern.
Sie sahen:
Moderate Staatsverschuldung.
Rechtsstaatlichkeit.
Regulatorische Kontinuität über Legislaturperioden hinweg.
„In manch anderem Land“, sagten sie,
„ist die Rendite höher –
doch die Volatilität politischer Entscheidungen ebenfalls.“
Und so erkannten sie in der deutschen Regulierung nicht Willkür,
sondern einen Rahmen.
Was den Fremden als Stabilität erschien, galt den Einheimischen als Eingriffsrisiko.
Der Glasfaser-Wald
Am Rande des Landes wuchs ein Wald aus parallelen Projekten.
Viele Bauherren traten zugleich an.
Wettbewerb war zum Selbstzweck geworden.
Sie warben zunächst um dieselben Kunden und beschäftigten zahlreiche Kräfte in Marketing und Planung.
Sie kalkulierten mit steigender Nachfrage und günstiger Refinanzierung.
Schließlich gruben sie nebeneinander.
Dann änderte sich das Umfeld.
Die Zinsen stiegen.
Die Baukosten erhöhten sich.
Banken finanzierten nicht mehr erschlossene Haushalte, sondern nur noch aktive, zahlende Anschlüsse.
Die Projekte wurden kapitalintensiver, die Refinanzierung anspruchsvoller.
Die Hüter der Schatzkammern zeigten auf diese Entwicklungen:
„Zu strukturell unsicher.“
Doch der Infrastrukturmeister sprach:
„Ein natürliches Monopol ist kein Markt mit vielen Ständen.
Parallele Netze erhöhen nicht den Nutzen – nur die Kosten.“
In anderen Ländern hatte man Regionen exklusiv vergeben, mit klaren Fördermechanismen und langfristiger Planungssicherheit.
Hier aber hatte man Wettbewerb ohne Koordination zugelassen – und nannte die Folgen Markt.
Der große Schatz des Königs
Eines Tages öffnete die Krone eine gewaltige Truhe.
Fünfhundert Milliarden Taler sollten in Straßen, Netze und Energie fließen.
Ein fiskalischer Impuls historischen Ausmaßes.
Doch der Meister sprach:
„Öffentliche Mittel sind Anschub.
Kein Ersatz für langfristiges institutionelles Kapital.“
Denn der Investitionsbedarf überstieg den staatlichen Spielraum.
Kapital war im Land vorhanden.
Nur floss es anderswo leichter.
Das Erwachen
Langsam begann das Land zu begreifen.
Nicht durch Euphorie.
Sondern durch Vergleich.
Die Fremden waren nicht risikofreudiger.
Sie bewerteten Risiken differenzierter.
Sie unterschieden zwischen:
Regulatorischem Risiko und regulatorischem Rahmen.
Politischem Eingriff und politischer Stabilität.
Komplexität und Unberechenbarkeit.
Und manche Hüter der Schatzkammern erkannten:
Vielleicht war das heimische Risiko nicht höher – nur weniger vertraut im eigenen Bewertungsmodell.
Die Dornenhecke war nicht verschwunden. Doch sie war transparenter geworden.
Und Dornröschen schlief nicht mehr. Es begann zu prüfen.
—
Und wer diese Geschichte nicht nur als Märchen lesen, sondern die Stimmen der Beteiligten selbst hören möchte, der kann die Reise fortsetzen:
In einer Podcast-Folge sprechen Jens Kummer und Dr. Bernd Kreuter ausführlich über den Investitionsstau, die Rolle privaten Kapitals, regulierte Netze, Glasfaser – und vor allem über das Paradoxon des umgekehrten Home-Bias.
Wer wissen will, wohin dieses Erwachen führt, der findet die Antwort dort.
🎧 Zur Podcast-Folge:
YouTube: https://youtu.be/7DsLOA5jrV8?si=_DF6A_tI-jgL0vBr
Spotify: https://open.spotify.com/episode/2deJExspnpkgsP3WooQ50w?si=3bd9217625074970
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Autoren: Jens KummerSchlagworte: Infrastructure Debt | Infrastruktur / Infrastructure Equity | Kummer’s Corner
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