Kummer’s Corner: Episode 6 – Tischlein, deck dich!
Ein Märchen im Stil der Gebrüder Grimm – mit ökonomischer Präzision von Jens Kummer.
Es war einmal ein Königreich der verschlossenen Unternehmen. Dort kauften Schatzverwalter Anteile an fernen Werkstätten, Mühlen und Handelsstuben. Diese Unternehmen wurden nicht jeden Tag verkauft wie Äpfel auf dem Markt. Oft blieben sie viele Jahre in verschlossenen Truhen.
Darum führten die Schatzverwalter ein großes Register. Darin stand, was jede Truhe heute wohl wert sei.
Viele Bürger gaben dem Schatzverwalter ihr Gold.
Er versprach: „Ich kaufe damit Unternehmensanteile. Wenn sie später mit Gewinn verkauft werden, gewinnen wir alle.“
Eines Tages kaufte der Schatzverwalter viele Truhen auf dem Zweitmarkt. Weil andere Händler schnell Gold brauchten, bekam er sie mit Abschlag. Dann stellte er die Truhen auf sein Tischlein und sprach:
„Tischlein, bewert dich!“
Am Jahresende zeigten die Hofrechner folgende Tafel:
Die Bürger jubelten: „Aus 100 Goldstücken wurden 116,39!“
Doch der jüngste Müllerssohn, der den Knüppel im Sack trug, fragte: „Wie viel davon kam aus geöffneten Truhen?“
Die Hofrechner senkten den Blick.
| Frage | Antwort |
| Beitrag aus realisierten Verkäufen | – 0,12 % |
| Beitrag aus unrealisierter Bewertung | +18,07 % |
| Wertzuwachs insgesamt | +16,39 % |
Da sagte der Müllerssohn: „Der große grüne Balken ist Buchgold. Die Truhen wurden höher bewertet. Der kleine rote Balken zeigt sogar: Aus den tatsächlich verkauften Truhen kam kein Gewinn, sondern ein kleiner Verlust.“
Dann kam der Goldesel. Immer wenn das Tischlein Gewinn zeigte, durfte er echte Goldstücke für den Schatzverwalter ausspucken.
Der Schatzverwalter sprach: „Goldesel, zahl dich!“
Und der Esel rechnete:
| Beschreibung | Goldstücke |
| Wertzuwachs insgesamt | 16,39 |
| Anteil des Schatzverwalters | 10 % |
| Gebühr auf Buchgewinn | 1,64 |
Der Müllerssohn fragte: „Wurde dieser Gewinn schon durch Verkäufe bewiesen?“
„Nein“, sagte der Schatzverwalter. „Aber das Register zeigt ihn.“
Da zeigte der Müllerssohn auf einen zweiten Futtertrog neben dem Goldesel.
„Und das ist nicht alles“, sagte er. „Wenn das Tischlein heute einen höheren Wert zeigt, wächst nicht nur die Erfolgsgebühr. Auch die laufende Gebühr des Schatzverwalters wird künftig auf einer größeren Grundlage berechnet. So nährt Buchgold den Goldesel nicht nur einmal, sondern Jahr für Jahr.“
Da zog der Müllerssohn den Knüppel aus dem Sack und sprach: „Ein Abschlag beim Kauf kann eine kluge Strategie sein. Wer Truhen günstig erwirbt, darf hoffen, dass daraus eines Tages echtes Gold wird. Doch zwei Fragen muss jeder Bürger stellen:“
| Prüffrage | Bedeutung |
| 1. Soll eine Truhe sofort höher bewertet werden, wenn es gerade einen beobachtbaren Kaufpreis mit Abschlag gab? | Bewertungsfrage |
| 2. Soll der Goldesel Gebühren zahlen, bevor Verkäufe den Gewinn bestätigt haben? | Gebührenfrage |
Und er schrieb an das Tor des Königreichs:
- Ein Tischlein kann Werte zeigen.
- Ein Goldesel kann Gebühren zahlen.
- Doch erst der Verkauf zeigt, ob aus Buchgold echtes Gold geworden ist.
Darunter stand in kleiner Schrift:
In jungen Secondary-Fonds kann der frühe Glanz fast vollständig aus unrealisierter Bewertung stammen. Das ist nicht zwingend falsch. Aber wer Gebühren auf Buchgewinne zahlt, sollte wissen, ob er für echtes Gold bezahlt — oder nur den Schein des Tischleins.
Autoren: Jens KummerSchlagworte: Kummer’s Corner
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