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16. Februar 2026

Kummers Corner und das zerbrochene Dreieck

Das Märchen vom zerbrochenen Dreieck und dem Zauberer. Eine Geschichte im Stile Tolkiens von Jens Kummer.

Es geschah vor langer Zeit, in einem Reich zwischen Nebelbergen und schweigsamen Tannenwäldern, wo die Menschen „Hüter“ genannt wurden, weil sie ihre Schätze mehr bewahrten als verwendeten. Ihre Truhen waren mit grauen Steinen und Pergamenten gefüllt und verriegelt mit Schlössern, so schwer, dass man sie kaum heben konnte. „Felsfrieden“ sagten sie dazu, und wer eine solche Truhe besaß, galt als weise.

Doch älteren Chroniken zufolge hatte das Reich einst ein Artefakt von großer Macht besessen: ein Dreieck aus Licht, genannt das Magische Dreieck. Seine Seiten hießen Rendite, Sicherheit und Liquidität; und solange alle drei im Gleichgewicht standen, gediehen die Felder, wuchsen die Gärten und vermehrten sich die Vorräte. Die Alten erzählten, dass die Menschen früher keine Angst vor den Gesetzen der Zeit hatten, denn wer das Dreieck hielt, konnte mit den Jahreszeiten gehen, ohne an Kraft zu verlieren.

Doch dann kam ein Zeitalter der Furcht. Die Seite der Rendite begann zu flimmern, zu zittern, und schließlich zerbrach sie mit einem Klang wie dünnes Eis. Die Hüter erschraken. „Wenn eine Seite bricht“, riefen sie, „dann meiden wir sie. Was schwankt, gefährdet uns; nur das Feste ist verlässlich!“ So trugen sie das zerbrochene Dreieck in die tiefste Kammer des Berges, wo nur selten ein Lichtstrahl hineinreichte, und erklärten feierlich, dass fortan nur noch die Sicherheit herrschen solle.

Von jenem Tage an mieden sie alles, was lebte und wuchs. Sie vertrauten nur noch auf starr geschnitzte Pergamente, auf steinerne Versprechen mit winzigen Erträgen, und sie behüteten sie so eifersüchtig, dass kein Hauch des Wandels sie berühren durfte. Rendite aus Wachstum galt ihnen als unberechenbar, ja fast als gefährlich — und so nahmen sie Jahr für Jahr weniger davon, bis kaum mehr als ein Fingerhut voll Leben in ihren Truhen blieb.

Doch während sie die eine Seite des Dreiecks verbannt hatten, begannen sie unbemerkt, an einer zweiten zu zerren. Um sich gegen jede Unruhe zu wappnen, banden sie ihre Schätze an die Zeit selbst. Sie schufen Versprechen mit so langen Laufzeiten, dass ein Menschenleben kaum reichte, ihren Anfang vom Ende zu unterscheiden. „Je länger die Bindung“, sagten sie, „desto ruhiger der Schlaf.“

Doch der Schlaf war trügerisch. Denn diese langen Fesseln brachten kaum mehr Ertrag als die kurzen Wege zuvor. Die Zeit, die sie opferten, schenkte ihnen keinen Lohn. So wuchsen die Truhen nicht – sie wurden nur sicherer verschlossen und schwerer zu bewegen.

Und langsam, fast lautlos, begann die Seite der Liquidität zu reißen. Nicht mit einem Knall wie die Rendite, sondern mit dem dumpfen Knirschen von Stein auf Stein. Die Hüter bemerkten es kaum, denn nichts stürzte ein. Doch als sie ihre Truhen wenden wollten, als neue Wege sich auftaten und alte versperrt waren, stellten sie fest, dass ihre Schätze fest im Boden verankert lagen – sicher vielleicht, aber unbeweglich.

So standen sie nun vor einem Dreieck, dem nicht nur die Kraft des Wachstums fehlte, sondern auch die Fähigkeit, sich zu drehen, zu wenden und dem Lauf der Zeit zu folgen.

Doch jenseits der Berge, in den Reichen Niederstrand, Fjordmark und Dänenlicht, glaubte man an andere Dinge. Dort legten die Menschen ihre Schätze in Wachstumsjuwelen an, die im Licht funkelten und in der Dunkelheit glühten; sie scheuten Schwankungen nicht, denn sie wussten, dass nur das Bewegte wächst und nur das Wachstumsfähige Früchte trägt. Und ihre Schatzkammern füllten sich stetig, während jene der Hüter langsam erschöpften wie Böden, denen man die Ernte nimmt, aber nie etwas zurückgibt.

Doch im Reich der Hüter gab es einen Fremden, der die alten Wege kannte. Er war ein Zauberer, ein Wandernder, dessen Mantel von Wind und Jahren gegerbt war. Seine Augen waren klar wie Wasser im Winter. Manche nannten ihn den Zauberer der Schwankungen, andere den Propheten des Gleichgewichts. Er selbst trug keinen Namen, den man im Gedächtnis behielt — nur die Wahrheit, die an seinem Stab hing wie ein unsichtbares Licht.

Eines Abends, als der Rat der Hüter im Hallensteinpalast tagte und sich wieder einmal über die flüchtigen Bewegungen der Wachstumsjuwelen beklagte, trat der Zauberer ein. Ein Schweigen legte sich über die Halle, denn seine Anwesenheit war selten und sein Wort schwer.

„Ihr fürchtet die falschen Dinge“, sagte er leise, und doch hallte seine Stimme wie ein ferner Donner. „Die wahren Gefahren liegen nicht im Flackern des Augenblicks, sondern im Erstarren der Jahre.“

Einige Hüter wollten widersprechen, doch der Zauberer hob nur die Hand.

„Ihr habt eine Seite des Dreiecks verbannt“, sprach er,
„und glaubt nun, es stünde noch.
Doch ein Dreieck ohne drei Seiten ist kein Schild –
es ist ein Schatten.“

Die Hüter blickten auf ihre starren Truhen und ihre grauen Pergamente, doch sie sahen nicht, was er sah — dass die wachsenden Reiche im Norden ihnen davonzogen wie ein Schiff, das den Wind versteht, während sie selbst den Anker im Meeresgrund vergruben.

Der Zauberer beugte sich zu einem der Hüter und sprach fast flüsternd: „Sicherheit ohne Rendite ist die Illusion jener, die dem Winter trauen, aber den Frühling vergessen.“

„Doch ihr habt nicht nur das Wachstum verbannt“, fuhr er fort. „Ihr habt eure Schätze an die Zeit gekettet und nennt lange Bindung Sicherheit. Wenn aber die Zeit keinen höheren Ertrag schenkt, wird sie zur Fessel und raubt euch die Beweglichkeit.“

 

Er erzählte ihnen von den Rechenmeistern, die tief in den Kellern des Palastes lebten und Tag und Nacht Tabellen ausrollten, um die Zukunft in Zahlen zu bändigen. Doch ihre Modelle waren wie Laternen im Nebel — sie schienen hell, zeigten aber nur den nächstgelegenen Stein.

„Eure Rechenmeister“, sagte der Zauberer, „sehen die Bilanz von heute. Doch sie übersehen die Wirklichkeit von morgen. Sie glauben, die Welt folge ihren Zahlen, das nur in ihren Rollen existiert.“

Ein frösteln ging durch die Halle, doch wieder blieb niemand stehen, um zuzuhören.

Und so geschah, was geschehen musste.

Eines Morgens erhob sich ein Wind, der von den nördlichen Bergen herabstürzte — ein Wind so hart und kalt, dass er die jahrzehntelangen Wege der Hüter erzittern ließ. Der Große Zinswind fegte durch das Land. Er rüttelte an den grauen Truhen und ließ die steinernen Versprechen bröckeln wie Sand.

Die Nachbarreiche, die ihre Schätze in lebendige Juwelen gelegt hatten, standen fest; ihre Gärten blühten weiter. Doch im Reich der Hüter bebten die Hallen. Manche Truhen gaben nach, manche brachen, manche verloren still ihre Kräfte.

Und in diesem Moment erinnerte man sich an die Worte des Wanderers:

„Je länger der Horizont,
desto kleiner die Schwankung,
und desto größer die Ernte.“

Doch als die Hüter nach ihm suchten, war der Zauberer längst verschwunden, und niemand wusste, ob er je wirklich dagewesen war oder nur eine Stimme der Zukunft, die in den alten Steinen widerhallte.

Man sagt, der Wind trägt noch heute manchmal seinen Flüsterton über die Hügel des Landes. Und wenn ein junger Hüter innehält, weil ein Juwel in seiner Hand flackert, glaubt er manchmal, eine Stimme zu hören, die sagt:

„Fürchte nicht, was lebt.
Fürchte, was niemals wächst.
Was bedeutet Sicherheit,
wenn die Zukunft Nahrung braucht?“

Und wer die Gedanken dieses Märchens nicht nur lesen, sondern den Stimmen lauschen möchte, die ihm zugrunde liegen, der kann die Reise weiterführen: In einer Video-Podcast-Folge sprechen Jens Kummer und Dr. Wolfram Gerdes ausführlich über all das, was hier in Bildern erzählt wurde — über die Angst vor Schwankungen, das zerbrochene Dreieck aus Sicherheit, Liquidität und Rendite, über Felsbriefe und Wachstumsjuwelen, über Mut, Verantwortung und die Frage, wie man Vermögen in einer Welt voller Wandel bewahrt.

Wer dem Zauberer der Schwankungen und seinem Gegenüber beim Denken zuhören möchte, findet den Weg hier entlang:

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