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10. Juli 2026

Mehr Substanz für Nachhaltigkeitsfonds: Wie die SFDR 2.0 Vertrauen zurückbringt

Rund 84 Milliarden US-Dollar haben Anleger im vergangenen Jahr aus Nachhaltigkeitsfonds abgezogen. Doch wer das Ende von ESG in der Geldanlage ausruft, denkt zu kurz. Die Entwicklung ist vielmehr Ausdruck eines Reifeprozesses: Anleger erwarten heute transparente und nachvollziehbare Produktmerkmale statt vager Versprechen. Diesem Anliegen will die EU-Kommission mit der geplanten Reform der Sustainable Finance Disclosure Regulation gerecht werden. Bei KPMG sind wir davon überzeugt: Die Reform ist ein Wendepunkt und kann zu einer Renaissance von nachhaltigen Investments führen.

Von 2018 bis 2024 konnten Nachhaltigkeitsfonds weltweit jedes Jahr zwei- bis dreistellige Milliardensummen von Anlegern einsammeln. 2025 endete dieser Boom. Das hat mehrere Ursachen. Erstens hat sich das politische Klima seit der Wiederwahl von Donald Trump gewandelt, Nachhaltigkeitsambitionen haben an Bedeutung verloren. Zweitens schnitten ESG-orientierte Assets bei der Rendite zuletzt schlechter ab als klassische. Das dürfte viele Investoren zum Umschichten bewegt haben. Und drittens haben Meldungen über Greenwashing-Fälle und die EU-Offenlegungsverordnung, die Auslegungsspielräume bei Begriffen wie „nachhaltigen Investments“ bot, insbesondere Privatanleger verunsichert.

Dennoch ist die ESG-orientierte Geldanlage kein Tabuthema geworden: Eine Umfrage des Morgan Stanley Sustainability Institute aus dem vergangenen Jahr ergab, dass 88 Prozent der privaten Anleger weltweit an nachhaltigen Anlagen interessiert sind. Allerdings müssen sich Nachhaltigkeitsinvestments im aktuellen Marktumfeld neu beweisen. Private und institutionelle Investoren achten längst nicht nur auf die Rendite, sondern zunehmend auch darauf, dass Asset Manager ihre Nachhaltigkeitsversprechen belastbar und konsistent belegen können.

SFDR 2.0: Ein neuer Standard für echtes Vertrauen

Genau hier setzt der aktuelle Gesetzesvorschlag der EU-Kommission an: Die Sustainable Finance Disclosure Regulation 2.0 (SFDR 2.0) zielt darauf ab, Greenwashing-Risiken zu reduzieren, nachhaltige Finanzprodukte besser vergleichbar zu machen sowie die Vorgaben aus der EU-Taxonomie und der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) besser miteinander zu verknüpfen. Um Auslegungsspielräume bei Begrifflichkeiten zu verringern und Rechtssicherheit zu schaffen, wird die bisherige Artikel-8/9-Systematik durch vier Produktkategorien abgelöst:

  • „Sustainable“ (Artikel 9): Produkte mit nachhaltigkeitsbezogenem Ziel
  • „ESG Basics“ (Artikel 8): Produkte mit einer Vielfalt möglicher ESG-Investmentansätze
  • „Transition“ (Artikel 7): Transformationsprodukte
  • Nicht-kategorisierte Produkte (Artikel 6): Produkte ohne nachhaltige Merkmale oder Ziele, für die Anbieter aber erklären müssen, warum sie nicht kategorisiert sind und wie sie Nachhaltigkeitsrisiken berücksichtigen.

Besonders hervorzuheben ist die neue Transitions-Kategorie. Sie berücksichtigt erstmals Investitionen in Unternehmen oder Projekte, die aktuell noch nicht nachhaltig sind, dieses Ziel jedoch nachvollziehbar und messbar verfolgen. Etwa ein Autohersteller, der seine Flotte in den kommenden zehn Jahren komplett elektrifizieren will. Das einzige Manko sind die derzeit vorgesehenen Ausschlüsse bestimmter Branchen. Dazu zählen unter anderem Unternehmen aus dem Energiesektor, die fossile Brennstoffe nutzen. Dabei hat gerade dieser Sektor großes Transformationspotenzial.

Die neuen Produktkategorien haben einen gemeinsamen Rahmen: Mindestens 70 Prozent des Portfolios müssen die jeweiligen Kriterien erfüllen, bestimmte Branchen wie Rüstung und Kohle sind ab bestimmten Grenzwerten ausgeschlossen (verpflichtende Mindestausschlüsse), zudem existiert eine einheitliche Liste zulässiger Vermögenswerte. So ist klar zu unterscheiden, ob ein Fonds nachhaltige Projekte finanziert, den Übergang unterstützt oder ESG-Faktoren lediglich integriert. Und die 70-Prozent-Quote bringt eine neue Verbindlichkeit. Begriffe wie „nachhaltig“, „grün“ oder „ESG“ dürfen nur verwendet werden, wenn die Mindeststandards der jeweiligen Kategorie erfüllt sind – für Produktnamen wie auch für sämtliche Marketingmaterialien.

Strategische Weichenstellung für Asset Manager

Aktuell wird über den Gesetzesvorschlag der EU-Kommission noch beraten. Vorgesehen ist, dass Institute nach Inkrafttreten rund ein Jahr Zeit für die Umsetzung haben. Asset Manager sollten zuerst prüfen, inwieweit das aktuelle Produktangebot mit neuen Kategorien vereinbar ist. Daraus ergeben sich zwei Handlungsoptionen: Asset Manager können entweder ihre Fonds so umstrukturieren, dass sie die Kriterien erfüllen. Oder sie kommen zum Ergebnis, dass die neuen Vorgaben nicht zur Strategie passen. Dann ist die Umkategorisierung der logische Schluss. In beiden Fällen empfiehlt sich der frühzeitige Dialog mit den institutionellen Investoren, um Erwartungen, Umsetzbarkeit und strategische Entscheidungen transparent zu erläutern.

Entscheiden sich die Institute zur Neuausrichtung der Produktpalette im Sinne der SFDR 2.0, dann sind als nächstes die internen Abläufe zu überarbeiten. Offenlegungs-, Marketing-, ESG-Governance-, Kontroll- und Beratungsprozesse müssen grundlegend neu konzipiert werden. Das bedeutet zwar zunächst neue Aufwände. Doch ist die Umstellung einmal vollzogen, profitieren die Institute von weniger Bürokratie und schlanken Reporting-Prozessen. So werden beispielsweise in den Fonds-Prospekten die sehr umfangreichen Anhänge mit bis zu 18 Seiten auf zwei bis drei Seiten reduziert. Auch müssen Asset Manager künftig nicht mehr jährlich auf Unternehmensebene einen detaillierten Bericht in Gestalt des Principal Adverse Impact Statement (PAI) über die Nachhaltigkeitsauswirkungen ihrer Investitionen veröffentlichen. Stattdessen reduziert sich die PAI-Berichterstattung auf die Fonds, die unter die SFDR-Kriterien fallen.

Chancen und neue Dynamik: Investieren auf Augenhöhe

Für Anleger bedeutet die SFDR 2.0 einen spürbaren Qualitätsgewinn: Die neue Regulierung schafft langfristig die ersehnte Klarheit und Einfachheit, indem sie den Markt von der bloßen Transparenzverordnung hin zu einem echten Produkt-Standard führt. Die Dynamik zwischen Asset Managern und Investoren wandelt sich dabei grundlegend hin zu einem Dialog auf Augenhöhe. Statt Marketing-Labels rücken belastbare Fakten in den Fokus. Diese neue Ehrlichkeit stärkt das Vertrauen und bereitet den Boden für eine Renaissance nachhaltiger Investments. Anleger können nun präzise steuern, ob sie bereits „grüne“ Ziele verfolgen oder gezielt Branchen finanzieren wollen, die sich transformieren.

Regionale Anker: Vertrauen durch Sichtbarkeit

Ein oft noch zu wenig genutzter Hebel für die Akzeptanz von Nachhaltigkeitsfonds ist der regionale Bezug. Erfahrungen aus den Bereichen der Alternatives und Eltifs zeigen, dass Investments in örtliche Projekte auf positive Resonanz stoßen. Wenn Anleger sehen, dass ihr Kapital direkt in die Transformation der lokalen Infrastruktur wie etwa in umweltfreundliche Busflotten fließt, schafft dies eine Identifikation, die über abstrakte ESG-Kennzahlen hinausgeht. Solche greifbaren Projekte können gerade in Zeiten volatiler Märkte als stabilisierende Komponente im Portfolio und in der Kundenkommunikation dienen.

Fazit: Bereit für die Renaissance

Nachhaltigkeit ist kein kurzfristiger Trend, der durch politische Zyklen oder temporäre Renditeentwicklungen verschwindet. Die strukturellen Herausforderungen der Transformation bleiben bestehen und erfordern erhebliche Kapitalströme. Die SFDR 2.0 kann dazu beitragen, die Qualität nachhaltiger Finanzprodukte deutlich zu erhöhen. Wer diese Chance zur Professionalisierung nutzt, positioniert Nachhaltigkeit nicht als Marketing-Add-on, sondern als belastbares Fundament einer zukunftsorientierten Anlagestrategie.

Über die Autoren: Kevin Naumann ist Partner, Nils Bartsch Senior Manager im Bereich Financial Services bei KPMG Financial Services.

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