Schwarzer Schwan
23. Oktober 2015

Mit Google auf Renditejagd

Die Wertentwicklung von Aktien lässt sich anhand unzähliger Renditefaktoren aufdröseln. Wer hätte gedacht, dass Google auch in diesen Bereich vordringt.

Die institutionelle Kapitalanlage ist ziemlich kompliziert. Fachartikel aus der Feder von Juristen belegen das bei jeder Gelegenheit. Man denke nur an die neue Anlageverordnung für Versicherungen und Pensionskassen (AnlV) beziehungsweise die Anlageverordnung für Pensionsfonds (PFKapAV); wenn Sie die neue portfolio institutionell in diesen Tagen in den Händen halten und auch unsere Beilage „Statement“ lesen, wissen Sie, wovon wir sprechen. Oder hätten Sie aus dem Stehgreif gewusst, welcher Paragraf die Anlageklasse für Darlehen an Unternehmen mit einer Bonität unterhalb des Investment-Grade-Bereichs regelt? Kann man von einem Investor erwarten, dass er die bisherigen Anforderungen an Unternehmensdarlehen aus dem Effeff kennt? Und wie war das doch gleich, verlangt die neue Kategorie für High-Yield-Unternehmensdarlehen tatsächlich keine bestimmte Form der Besicherung, sondern allein eine „ausreichende“ dingliche oder schuldrechtliche Besicherung? Juristen wissen so etwas! 
Sie sehen schon, das ist alles gar nicht so simpel. Ein gescheites Maß an Komplexität kommt heute aber aus einer Richtung, auf die Sie – darauf wetten wir – nie im Traum gekommen wären: Die Rede ist vom „Factor Investing“. Nach Einschätzung des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock hat sich Factor Investing zu einer etablierten Form des Investierens entwickelt. Wer in den vergangenen Jahrzehnten nicht pausenlos auf Bloomberg-Terminals gestarrt, sondern etwas Vernünftiges gemacht hat, weiß, dass die Faktoren „Value“, „Growth“, „Size“ und „Momentum“ eine wichtige Rolle in der akademischen Fachliteratur spielen. Doch seit der Identifikation dieser Faktoren ist viel Zeit vergangen. Dutzende, ja sogar hunderte neuer „Renditefaktoren“ wurden identifiziert, mit denen sich die Wertentwicklung von Aktien gewissermaßen aufdröseln lässt. 
Google, der Weltbeglücker
Die jüngsten wissenschaftlichen Studien gehen inzwischen so weit, die Anzahl von „Google-Klicks“ für eine Aktie als einen Faktor von Aktienrenditen zu betrachten. Anders gesagt: Larry Page und seine Firma Google helfen Ihnen bei der Titelselektion! Wenn es Sie jetzt vor Euphorie ob dieser neuen Renditequelle vom Bürostuhl reißt, sollten Sie sich folgenden Termin vormerken: Blackrock veranstaltet am 1. Dezember eine Konferenz zum Thema „Factor Investing – Die DNA von Wertpapieren entschlüsseln“. Man darf gespannt sein. Möglicherweise wird dann auch über die Vorteile des Twitterns gesprochen: Laut einem Bericht auf etf.com soll bald ein Indexfonds aufgelegt werden, mit dem man in einen aus Tweets erzeugten Index (!) investieren kann. Darauf hat die Welt gewartet! – na ja, zumindest Google und Twitter. Diese beiden sind schließlich als erstes über Entwicklungen des Google-Klick-Faktors und des Tweet-Index informiert. In der „Datenschutzerklärung“ gibt Google als Ziele der Datenverarbeitung unter anderem treuherzig an:
– anhand Ihrer aus diesen Daten ermittelten Interessen nützlichere und personalisierte Inhalte in unseren Diensten bereitzustellen, wie zum Beispiel relevantere Suchergebnisse
– die Qualität unserer Dienste zu verbessern und neue Dienste zu entwickeln
– Analysen und Messungen durchzuführen, um besser zu verstehen, wie unsere Dienste genutzt werden
Mit Ihren Daten helfen Sie also, nach Google-Lesart, die Welt ein Stück besser zu machen. Der Suchmaschinengigant, der sich neuerdings übrigens Alphabet nennt, dankt. Schließlich profitiert auch er – wieder einmal ganz uneigennützig – mit einem Kursgewinn von 15 Prozent nach den Q3-Zahlen.

Der US-Dienstleister S&P Capital IQ hat übrigens schon mehr als 400 Signale – im Sinne von Renditefaktoren – ausgemacht, mit denen, wie es heißt, neue oder bestehende Anlageprodukte „dramatisch“ verbessert werden könnten. Das führt uns zu dem folgenden Fazit: Wenn sich die Anzahl der Renditefaktoren der Anzahl der an einer Börse notierten Aktien nähert wie in diesem Fall, ist das Ende der Fahnenstange nicht mehr weit. 

In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion von portfolio ein schönes Wochenende. 

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