Strategien
3. November 2026

Mit voller Überzeugung

Mit High-Conviction-Ansätzen können erfolgreiche Manager echten Mehrwert liefern. Doch für Investoren schwingt neben dem Upside immer auch das potenzielle Downside mit. Wer starke Meinungen vertritt, kann eben auch mal ziemlich schiefliegen. High Conviction ist damit immer auch eine Wette auf die Prognosefähigkeit eines Managers.

Der Trend zu passiven Aktienstrategien schreitet fort. Nach jüngsten BVI-Zahlen gingen im ersten Halbjahr 2026 rund 76 Prozent aller Nettozuflüsse im gesamten Publikumsfondsmarkt in ETFs. Natürlich gibt es auch immer mehr aktive Strategien im ETF-Mantel, doch deren Anlagevolumen ist noch relativ gering. Wer sich der passiven Dominanz als aktiver Manager entgegenstellen will, muss den eigenen Mehrwert nach Kosten also umso eindrucksvoller unter Beweis stellen. High-Conviction-Ansätze setzen dazu typischerweise auf eine begrenzte Zahl von Aktien, denen der Manager besonders hohes Aufwärtspotenzial zutraut. Häufig weichen solche Portfolios deshalb deutlich von ihrer Benchmark ab.

Spielraum für konzentrierte Ansätze

Während Asset Owner auf der einen Seite verstärkt passive oder Low-Discretion-Ansätze nutzen, kann das theoretisch Spielraum für eine Art Barbell-Ansatz eröffnen: einen großen Anteil kostengünstig passiv abbilden und einen kleineren Teil gezielt hochaktiv investieren. Wo man den Beginn von High Conviction verortet, ist dabei subjektiv, sagt Peter Dombeck von Novovest Asset Consulting.

Oft werde auf die Konzentration des Portfolios abgestellt. „Wenn mehrere Einzelpositionsgrößen oberhalb von fünf Prozent des Portfolios liegen oder die Top-10-Gewichtungen zusammen mehr als 40 bis 50 Prozent des Portfolios ausmachen, kann man gewiss von einem High-Conviction-Ansatz sprechen“, sagt er. Auch an Kriterien wie Tracking Error und Active Share werden die Trennlinien zu High Conviction oft festgemacht.

Einen solchen High-Conviction-Ansatz fährt etwa RBC Blue Bay mit der EM Equity Focus Strategy. Der Go-anywhere-Ansatz setzt auf 25 bis 35 ausgewählte Aktien – und das bei einem Universum von 24 Ländern mit Tausenden von Aktien. Gerade EM-Aktien bieten sich mit seinen Ineffizienzen und geringer Analystenabdeckung für solche Fokusstrategien an, sagt Produktmanagerin Dijana Jelic. Im Fall von RBC hat sich das bislang für Investoren gelohnt: Der Fonds lieferte seit Auflage 2018 eine starke Outperformance gegenüber dem MSCI EM-Referenzindex, bei deutlich geringerem historischen Risiko und geringerer Volatilität im Vergleich zur Peergroup.

Etwa zwei Drittel des Alphas und des aktiven Risikos seien auf unternehmensspezifische Faktoren zurückzuführen, ein Drittel auf Top-down-Themen, so Jelic. Gerade die Positionen mit der höchsten Überzeugung hätten dabei langfristig den größten Teil zur Alpha-Generierung der Strategie beigetragen. Jelic sieht darüber hinaus weitere Vorteile: „Der Ansatz ermöglicht es uns, Benchmark-Bereiche mit schwachen Fundamentaldaten oder erhöhten Risiken zu meiden.“ Ebenso könnten Gelegenheiten außerhalb des Referenzindex zur Alpha-Generierung genutzt werden wie etwa Small-Cap-Unternehmen in Schwellenländern.

Auf starke Meinungen setzt auch BIT Capital, dessen BIT Global Technology Leaders sowohl in etablierte als auch aufstrebende Technologiesegmente investiert, und das bei geringer Überlappung und Korrelation zu klassischen Technologiefonds. High-Conviction-Positionen erhalten dabei überproportional große Gewichtungen im Portfolio, kalibriert auf maximalen potenziellen Alpha-Beitrag, erklärt Ingo Lupatelli, Director Research & Portfolio Management bei BIT Capital.

Überrenditen sollen durch die Qualität der einzelnen Entscheidung erzielt werden. Der Ansatz ermöglicht es laut Lupatelli, sich auf jene Unternehmen zu konzentrieren, bei denen die eigene Analyse das attraktivste, relative Rendite-Risiko-Profil ergibt. „Dadurch können unsere erfolgreichen Investmentthesen einen spürbaren Beitrag zur Fondsentwicklung leisten.“

Das Risiko der starken Meinung

Die Datenlage ist für High Conviction durchaus gemischt. Wer sich eine starke Meinung zutraut, kann eben auch gehörig daneben liegen. Wie schwer es vielen High-Conviction-Fonds fällt, echte Mehrrendite zu erzielen, zeigt bereits eine einfache Auswertung auf Basis der Information Ratio, des Quotienten aus der Überrendite eines Fonds gegenüber der Benchmark und der Volatilität dieser Überrendite. Die Information Ratio setzt die aktive Rendite eines Fonds ins Verhältnis zu seinem Tracking Error und misst damit, wie viel Mehrrendite ein Manager pro Einheit aktiven Risikos erzielt hat. Eine positive Information Ratio steht für eine positive aktive Rendite; Werte über 0,4 gelten als gut, oberhalb von eins als hervorragend. Bei den meisten aktiven Fonds – und auch bei vielen High Conviction Fonds – liegt die Information Ratio über drei Jahre aber unter der 0,4er-Marke und oft sogar im negativen Bereich. Das aktive Management hat hier also sogar Performance gekostet im Vergleich zu einem rein passiven Ansatz.

In einer Studie auf Basis aktiv gemanagter Long-only-Aktienstrategien für den US-Aktienmarkt von 2013 bis 2023 fand auch der US-Vermögensverwalter Acadian keine Hinweise darauf, dass konzentrierte Strategien insgesamt höhere aktive Renditen oder mehr Alpha erzielen als Strategien mit einer größeren Zahl von Positionen. Allerdings konnten die Autoren eine deutlich höhere Streuung der Anlagekennzahlen nachweisen. Sprich: Hochkonzentrierte Ansätze finden sich häufig am oberen Ende der Renditeverteilung, aber eben auch am unteren Ende. Zudem sehen die Autoren die Herausforderung für Asset Owner, mehrere konzentrierte externe Manager selbst zu einem Portfolio zusammenstellen.

Die Acadian-Studie bezieht sich freilich mit dem US-Markt auf einen sehr transparenten Aktienmarkt. Eine aktuelle Morningstar-Auswertung kommt zu einem ähnlichen Befund: „Hoch konzentrierte Fonds zeigen eine größere Streuung der Renditen, stärkere Drawdowns und eine höhere Volatilität als weniger konzentrierte Fonds.“ Auch die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern falle bei größer aus. Und: Je konzentrierter, umso teurer sind die Fonds tendenziell. Höhere Fees führen aber nicht automatisch zu einer besseren Wertentwicklung. „Historisch erzielten konzentrierte Fonds in den meisten Regionen im Durchschnitt sogar etwas niedrigere Renditen als ihre stärker diversifizierten Vergleichsgruppen.“

Gerade die potenzielle Volatilität der Rendite und mögliche Phasen schwächerer Performance sind nicht nur ein Risiko für die Fondsmanager, sondern immer auch ein potenzielles internes Problem. Wenn die Prognosegüte eher gering ist, lohnt es kaum, ein Risiko gegenüber den internen Gremien einzugehen und sich für einen hoch konzentrierten Ansatz stark zu machen, der zwar einzelne erfolgreiche Investmentthesen besonders stark betonen kann, der die Erwartungen aber dennoch enttäuschen kann.

Andererseits sind Konzentrationsrisiken nicht nur ein Thema bei High-Conviction-Fonds, sondern auch bei passiven Strategien auf Standardindizes längst omnipräsent. „Anleger machen sich in unseren Augen oft nicht bewusst, wie konzentriert Indizes heutzutage sind“, so Novovest-Berater Dombeck. Zudem seien aktuell sogar die Verbindungen von Developed und Emerging Markets hoch korreliert.

So sei die Konzentration des sogenannten KI-Trades im S&P 500 und Nasdaq 100 ähnlich ausgeprägt wie im MSCI Emerging Markets Index aufgrund der hohen Gewichtung von Firmen wie TSMC, Samsung und SK Hynix. Dombeck: „Das erfreut Investoren, solange die Kurse steigen, birgt aber erhebliche Diversifikationsprobleme, wenn dieser Trend einmal unter Druck gerät und dann alle damit verbundenen Unternehmen über diverse Märkte hinweg massiv korrigieren.“ Die hohe Konzentration vieler Indizes bedeutet für Dombeck im Endeffekt, dass passive Anleger häufig unbewusst High-Conviction-Ansätze nutzen.

High Conviction in der Nische

Asset Owner können nach Meinung von Dombeck selbst bei der Beimischung eines aktiven und von der Benchmark stärker abweichenden Portfolios ein insgesamt ausgewogeneres Rendite-Risko-Profil über alle Aktienanlagen hinweg erzielen. Er verweist zudem darauf, dass nicht immer alle Stile gleichermaßen funktionieren und manchen Strategien mitunter temporär einem Index bei der relativen Wertentwicklung hinterherlaufen können. Seiner Einschätzung nach nimmt auch die Markteffizienz aufgrund der immer stärker werdenden Passivallokationen von Investoren deutlich ab. Dombeck sieht auch in Aktienrückkäufen einen zusätzlichen Faktor, der die Preisbildung beeinflussen kann, weil die dadurch entstehende Nachfrage nicht unmittelbar aus den fundamentalen Anlageentscheidungen klassischer Investoren resultiert.“ Sprich: Die Kombination verschiedener Faktoren unterstützt seiner Meinung nach eigentlich das Argument für aktive Ansätze bis hin zu stark konzentrierten Strategien.

Die Aufgeschlossenheit institutioneller Anleger gegenüber solchen hochkonzentrierten Ansätzen variiere aber von Investor zu Investor deutlich, so Dombeck. Während sich einige Häuser eher eng an Benchmarks orientieren, seien andere für besonders aktive Ansätze durchaus offen, dabei könnten die Strategien teils sogar bis in den Hedgefonds-Bereich hineinreichen. „Grundsätzlich gilt, dass dort besonders aktive Positionierungen vielversprechend sind, wo Informationsineffizienzen am höchsten sind.“ Das sei etwa im Mid- und Small-Cap-Bereich der Fall. Hier habe man zuletzt in diversen Suchaufträgen auch etliche High-Conviction-Ansätze in der Analyse berücksichtigt, sagt Dombeck.

Ob so ein Ansatz letztlich einem Kunden dann auch ins Konzept passe, müsse dieser individuell entscheiden. Statt des einen besten Asset Manager gehe es ohnehin eher darum, den für die jeweiligen Bedürfnisse bestgeeigneten Investment Manager zu identifizieren. Für Investoren und Berater rückt damit die Selektion umso stärker in den Fokus. Die Information Ratio ist dabei freilich nur ein Auswahlkriterium. Mit Maßstäben wie Upside- und Downside-Capture-Ratio untersuchen sie zudem, wie sich Fonds in unterschiedlichen Marktumfeldern behaupten. Für Dombeck ist auch der Active Share eines Ansatzes wichtig: „Wir wollen nicht, dass unsere Kunden aktive Gebühren für semi-passive Ansätze bezahlen.“

Auch Carl-Theodor Toerring, beim Verband der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie (VBM) für Kapitalanlagen zuständig, sieht nur begrenzten Spielraum für hochkonzentrierte Ansätze: Diese müssten nach Kosten einen nachhaltigen Mehrwert bringen. Der Mehrwert für den Kunden liege einfach ausgedrückt darin, dass dessen Anlageziel erreicht wird. „Institutionelle Anleger überwachen und steuern ihre Anlagen im Rahmen der strategischen Asset Allokation. Sie werden und sollen nicht belohnt werden für die Generierung eines eher kurzweiligen Tracking Errors und können auch bei besserer Ressourcen-Ausstattung oftmals kostengünstigere Anlagestrategien umsetzen“, so Toerring.

Folgerichtig seien viele Institutionelle eher in passive Strategien investiert. „Natürlich sollen alle Anleger in ihrem Portfolio High-Conviction-Ideen abbilden“, sagt Toerring. In den letzten Jahren sei der passive Markt aber so stark gewachsen, dass es mittlerweile auch gute Small-Cap-ETFs oder auch starke ETFs auf Schwellenländer gebe, die sehr breit diversifiziert und wesentlich billiger als aktiv verwaltete Fonds sind. Er ist daher überzeugt, dass der Markt für passive Strategien weiter in den nächsten Jahren steigen wird.

Die Präferenz institutioneller Anleger für passiv hat neben der dürftigen Erfolgsbilanz vieler aktiver Manager noch weitere praktische Gründe. Auf gängige Indizes wie S&P 500, Russell oder Euro Stoxx lassen sich passgenaue Absicherungen einfach umsetzen. Je flexibler und aktiver ein Aktienmanager agiert und je höher der Tracking Error, umso komplexer und herausfordernder wird die Absicherung. Gerade für verpflichtungsorientierte Anleger, die mit fester Wertuntergrenze und entsprechenden Absicherungen agieren, bieten sich daher passive Ansätze besonders an.

Insgesamt spricht also viel dafür, dass stark konzentrierte und flexible Aktienansätze bei den meisten Investoren auch in Zukunft eher eine Nebenrolle spielen dürften. Dennoch lohnt es sich, diese Fonds genauer zu beobachten. Denn gerade in Spezial- und Nischensegmenten können hochwertige High-Conviction-Fonds sicher eine Bereicherung fürs Portfolio sein.

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