Statement
29. Mai 2020

Nachhaltige Unternehmen schaffen Mehrwert

Interview mit Nader Purschaker, Head of Institutional Sales bei BNP Paribas Asset Management

Steht Best-in-Class im Widerspruch zum Zwei-Grad-Ziel und zu den SDG17?

Nicht wirklich. Sehen Sie, unsere Kunden (und deren Kunden) wollen verstehen, ­inwiefern ihre Portfolios zur Umsetzung der Sustainable Development Goals beitragen – gleichgültig, ob diese nun den Best-in-Class-Ansatz verfolgen oder nicht. Wir glauben daher, dass Research und Reporting entscheidend für jedes nachhaltige Investment sind. Im Rahmen unserer Nachhaltigkeitsstrategie haben wir unser Research deshalb auf über 15.000 Unternehmen erweitert, so dass wir keine Anlageentscheidungen treffen, bei denen der ESG-Blickwinkel fehlt.

Wir glauben weiter, dass institutionelle ­Anleger – Vermögensverwalter wie auch Vermögensinhaber – die Pflicht haben, Maßnahmen zu ergreifen, um zur Erreichung der 17 SDGs beizutragen. Diese Herausforderung nehmen wir an und wollen durch ­aktive Einflussnahme auf Unternehmen und Branchen den Trend hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft stärken. Wenn das gelingt und so alle 17 Ziele für nachhaltige ­Entwicklung umgesetzt werden können, dann gäbe es doch praktisch nur noch Best-in-Class-Unternehmen!

Nachhaltigkeitsratings sind statisch und schaffen Systemrisiken, da sich immer mehr Investoren auf die Rating-Urteile verlassen und somit Blasen entstehen. Was ist Ihre Meinung?

Erfolgreiche Investments hängen stets von der Qualität der verfügbaren Informationen ab – das gilt auch und gerade für ESG-­Investments. Nun gibt es zahlreiche Rating-Anbieter am Markt; laut Global Initiative for Sustainability Ratings (GISR) sind es mehr als 600 Unternehmen. Dazu gehören zum Beispiel Bloomberg, FTSE, MSCI, Thomson Reuters und andere renommierte Player. Doch jeder hat nun einmal seine ­eigenen Beschaffungsprozesse und Research-Methoden, so dass das Rating desselben ­Unternehmens von Anbieter zu Anbieter ­unterschiedlich ausfallen kann.

Deshalb haben wir ein eigenes, interdiszi­plinäres Sustainability Center, betreiben selbst intensives, qualitatives Research und stehen in regelmäßigem Kontakt mit ­Vorständen und Geschäftsführern. Die ­Erkenntnisse daraus werden all unseren ­Investmentteams zur Verfügung gestellt, die sie in ihren Anlageprozess einbinden und sich so nicht nur auf statische Ratings verlassen müssen.

Je größer, desto grüner? Wie kann man der Problematik begegnen, dass große ­Unternehmen mehr Ressourcen für die Erstellung von ESG-Daten ­beziehungsweise für Greenwashing als Small Caps haben (und letztere darum als weniger nachhaltig erscheinen)?

Mit Greenwashing ist niemandem geholfen. Wir wollen wissen, wie gut ein ­Unternehmen wirklich mit den ESG-Risiken umgeht, ­denen es ausgesetzt ist. Dazu hat unser Researchteam eine eigene, dreistufige Methode zur Wertpapieranalyse entwickelt: Auf Basis eines quantitativen Screenings wird für jedes Papier ein ESG-Wert auf einer Skala von 0 bis 100 berechnet. Der Governance-Score fließt dabei mit mindestens 30 Prozent ein, der Social-Score mit mindestens 20 und der Umwelt-Score muss mindestens zehn ­Prozent betragen. (Diese Zahlen spiegeln die Mindestanteile und variieren von Branche zu Branche. Im Bergbau- und Metallsektor beispielsweise lautet das Verhältnis 35/35/30.)

Anschließend wird die qualitative Bewertung berücksichtigt, so dass die Punktzahl um bis zu 30 Prozentpunkte steigt oder fällt. Dann erst erhält jedes Unternehmen seine finale ESG-Platzierung zwischen 1 und 10, wobei die 1 die beste Note ist. Sie sehen schon, die Bewertung eines Unternehmens hängt nicht allein an seiner Größe!

Wir schauen da buchstäblich hinter die ­Kulissen: Dank unserer weltweiten Exper­tise – mit Standorten in Europa, Asien und den US – verfügen wir über tiefe Einblicke und sind so in der Lage, in allen Markt­segmenten erstklassige Unternehmen mit nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen zu finden. Wir nutzen also die große Vielfalt des globalen Anlageuniversums, um ein diversifiziertes Portfolio erfolgreicher ­Unternehmen zusammenzustellen, deren Geschäfts­modelle auf aussichtsreiche An­lagethemen ausgerichtet sind.

Es geht dabei weder um die Größe, noch um Ratings oder Noten, sondern um fundamentale Daten – was macht ein erfolgreiches ­Unternehmen aus? Danach suchen wir. Denn: Gut geführte Unternehmen mit überzeugenden, zukunftsorientierten Geschäftsmodellen werden potenziell höhere und nachhaltigere Anlageerträge generieren.

Was wird die Taxonomie schlussendlich bringen? Was werden die Folgen für regulierte Anleger sein? Wird sich deren Anlageuniversum reduzieren?

Die EU-Taxonomie ist ein Instrument, das wirtschaftliche Aktivitäten und Leistungskriterien festlegt, um ein Ziel zu erreichen: Bis 2050 will Europa CO2-Emissionen auf Netto-Null reduzieren und so dem Klimawandel langfristig aktiv entgegenwirken. Die Taxonomie stellt dazu Spielregeln für die Branche auf: Sie gibt einen klaren Weg hin zu einem klimaverträglichen Wirtschaften vor. Damit unterstützt sie Unternehmen und Investoren bei der Planung ihrer ­Maßnahmen und bei der Berichterstattung zu dem konkreten Beitrag, den sie zu einer kohlenstoffarmen und nachhaltigeren Wirtschaft leisten.

Für Vermögensverwalter, wie auch BNP ­Paribas Asset Management, ist die Taxonomie deshalb ein wertvolles Instrument bei der Konstruktion eines nachhaltigen Port­folios und in der Zusammenarbeit mit den Unternehmen. Sie ermöglicht zudem eine konsistente Berichterstattung für jeden Fonds, der als nachhaltig klassifiziert ist. Das schafft Transparenz für Anleger, die nun tatsächlich „Äpfel mit Äpfeln” ver­gleichen können.

Bisher gab es keine einheitliche Definition, welche Kriterien eine nachhaltige Anlage ­erfüllen muss. Nachhaltige Finanzierungen spielen jedoch eine entscheidende Rolle ­dabei, dringend benötigte Finanzmittel zu mobilisieren, um Europa bis 2050 klima­neutral zu machen. Klare Instrumente und Leitlinien geben Unternehmen und ­Investoren die notwendige Orientierung und das Vertrauen, um entschlossen zu handeln. Damit setzt die EU im globalen Kampf ­gegen den Klimawandel auch ein wichtiges ­Zeichen für andere Märkte. Schlussendlich wird die Taxinomie das Anlageuniversum für Investoren damit eher erweitern statt reduzieren.

Impacts und Engagements sind ­Nachhaltigkeitsschwerpunkte bei ­skandinavischen Investoren. Sind diese ein Trendsetter für deutsche Investoren?

Schon möglich, die deutschen Investoren sind ja eher zurückhaltend: 2019 haben wir mit Kantar TNS eine Studie in Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien und den Niederlanden durchgeführt und folgendes fest­gestellt: Die Mehrheit der Investoren aus ­allen fünf untersuchten Ländern ist grundsätzlich bereit, wenigstens einen Teil ihres Portfolios in nachhaltige Anlageformen zu stecken – viele haben diesen Schritt aber noch nicht getan.

In Deutschland ist die Lücke besonders groß. Das hat auch mit rechtlichen, regulatorischen Rahmenbedingungen zu tun. ­Ermutigend ist aber, dass 65 Prozent der ­Befragten SRI-Investments offen gegenüber stehen, allerdings haben nur fünf Prozent sie tatsächlich im Portfolio. Und mehr als drei Viertel sagen, sie müssen persönlich von dem Investment überzeugt sein. Dazu kommt, dass nur jeder fünfte Deutsche glaubt, dass SRI ähnliche Renditen wie ­konventionelle Anlageformen liefern kann. Es ist also noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten.

Nachhaltigkeit hat sich mit „Paris“ stark auf Ökologie und Klimawandel fokussiert. Droht, dass Governance und Soziales vernachlässigt werden?

Sie erinnern sich noch an unsere dreistufige Methode zur Wertpapieranalyse? Der Governance-Score fließt mit mindestens 30 Prozent ein, der Social-Score mit mindestens 20 Prozent und der Umwelt-Score muss mindestes 10 Prozent betragen – insofern müsste es bei uns eher GSE als ESG heißen!

Doch ganz im Ernst: Der Schwerpunkt auf Ökologie und Klimawandel hat durchaus seine Berechtigung. Damit er aber nicht übermächtig wird, basiert unsere Nachhaltigkeitsstrategie auf insgesamt drei ­wichtigen Themen: Energiewende, Umwelt und Gleichberechtigung, die „3E“ (Energy Transition, Environment und Equality). Damit ver­folgen wir ganz konkrete Ziele, wie etwa weniger CO2, den Schutz der Wälder, ­sauberes Trinkwasser – aber auch die ­Erhöhung des Frauenanteils in den Vorstandsetagen.

Es geht doch immer darum, Downsides zu vermeiden beziehungsweise Upsides zu schaffen. Und Unternehmen, die sich durch einen hohen Grad an Diversität ­auszeichnen, sind mit höherer Wahrscheinlichkeit auch überdurchschnittlich profitabel. Das war 2018 Ergebnis der Studie „Delivering Through Diversity” von McKinsey. ­

Besonders groß ist dieser Zusammenhang beim Frauenanteil im Topmanagement ­(Vorstand und zwei bis drei Ebenen ­darunter). Unternehmen, die hier sehr gut abschneiden, haben eine um 21 Prozent ­größere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich erfolgreich zu sein. Hierzulande ist dieser Effekt besonders deutlich: Bei deutschen Unternehmen mit einem hohen Anteil weiblicher Führungskräfte im Topmanagement verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit eines überdurchschnittlichen Geschäftserfolgs sogar. In solchen Firmen liegt also enormes Upside-Potenzial – und das wollen wir für unsere Anleger heben.

Fühlen Sie sich von den Staaten und den Unternehmen, in die sie investieren wollen, bezüglich von nachhaltigen Aspekten gut informiert?

Die aktive Vermögensverwaltung steht im Mittelpunkt der Anlagephilosophie von BNP Paribas Asset Management, wir legen Wert auf eine langfristige Wertschöpfung. Dazu nutzen wir alle verfügbaren Quellen: Dazu gehören internationale Institutionen, wie die Vereinten Nationen, die Weltbank oder die WHO, ebenso wie spezialisierte ­externe Anbieter, etwa Sustainalytics, ­Trucost oder Carbone 4. Und wir betreiben selbst intensives, qualitatives Research. ­Unsere Portfoliomanager und die Experten unseres 25-köpfigen Sustainability Centers stehen in regelmäßigem Kontakt mit den ­Beteiligungsgesellschaften.

Darüber hinaus treffen wir uns immer ­wieder mit Ländervertretern, um nationale Klimaschutzverpflichtungen und -politiken sowie verschiedene ESG-Überlegungen zu diskutieren. Wir arbeiten eng mit unseren Wettbewerbern und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen, um unsere ­Vision einer langfristigen, nachhaltigen Wertschöpfung umzusetzen, zum Beispiel durch unsere Beteiligung an der Initiative Climate Action 100+. Außerdem sind wir Mitglied im Beirat internationaler Gremien wie der PRI Association, der Task Force on Climate-related Financial Disclosures (FCFD) und der Institutional Investors Group on Climate Change (IIGCC).

Wie haben sich die Nachhaltigkeits-­Diskussionen mit Investoren verändert?

Gerade institutionelle Anleger integrieren zunehmend ESG-Ansätze in ihre Investmentprozesse, denn sie haben verstanden: Der Unternehmenswert wird heute vielfach von langfristigen, nicht-finanziellen und ­immateriellen Werttreibern bestimmt. Die Beachtung von SDG-Kriterien ist für viele Unternehmen nicht nur eine Frage der Haltung, sondern längst ein Wettbewerbsfaktor. Wir wissen zum Beispiel von der UN Global Sustainability Index Institute (UNGSII) Foundation, dass ihre Mitgliedsstädte etwa bei Großaufträgen auch danach entscheiden, welche Firmen den SDG-Kriterien ­entsprechen. Nun gehört die UNGSII ­Foundation zur Avantgarde, sie vereinigt in Zusammenarbeit mit den Vereinten ­Nationen 25 Städte und Gemeinschaften aus allen Kontinenten, um gemeinsam alle 17 Nachhaltigkeitsziele schon bis Dezember 2025 umzusetzen.

Aber sie ist nicht allein: So hat die Allianz 2019 angekündigt, bis 2050 ihr gesamtes Vermögen von rund 650 Milliarden Euro klimaneutral anlegen zu wollen. Und sogar Blackrock fordert von Unternehmen mehr Einsatz gegen den ­Klimawandel und will bei seinen Investments stärker auf Themen wie Klimaschutz, Umweltschutz und Energiewende achten. Warum? Eben darum, weil die Investoren in Nachhaltigkeits-Diskussionen zunehmend Druck machen!

Sind Engagements die beste Strategie, um Wertsteigerungen zu erzielen?

Engagements sind eine Chance und eine Verpflichtung zugleich. Und diese Verpflichtung nehmen wir sehr ernst: Im Jahr 2019 haben wir rund 1.500 Jahreshauptversammlungen besucht, wovon nur bei etwa einem Drittel allen Punkten zugestimmt wurde. Bei über 1.000 Versammlungen haben wir ­mindestens gegen einen Punkt gestimmt.

Im Research zeigt sich, dass Firmen, die ­gesellschaftlich verträglich und umwelt­gerecht handeln, seltener in die Pleite ­rutschen oder ihre Schulden nicht bezahlen als andere. Wir sind daher fest überzeugt, dass Unternehmen, die einen nachhaltigen Ansatz verfolgen, verantwortungsvoller handeln und somit langfristig einen ­Mehrwert für unsere Anleger generieren können – und darauf wollen wir hinwirken. Es geht uns dabei nicht darum, uns in das ­operative Geschäft einzumischen. Allerdings glauben wir bei BNP Paribas Asset Management, dass eine ­Zusammenarbeit grundsätzlich effektiver ist als Ausschlüsse.

Wie stehen Sie zu Kohle-Investments?

Ein gutes Beispiel ist hier wohl unsere ­Ausschlussrichtlinie für Kohleförderer und Kohleverstromer. Zum Hintergrund: Die Verbrennung von Kohle ist die größte ­Einzelursache der globalen Erwärmung. Sie macht 29 Prozent der gesamten vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen und 44 Prozent der gesamten vom ­Menschen verursachten CO2-Emissionen aus. Die meiste Kohle wird im Energiesektor verbrannt, wobei die Stromerzeugung aus ­Kohle 20 Prozent der gesamten vom ­Menschen verursachten Treibhausgas­emissionen und 30 Prozent der gesamten vom Menschen verursachten CO2-Emissionen ausmacht. Gleichzeitig steht die Kohle unter Investi­tionsgesichtspunkten vor einer zunehmend riskanten Zukunft, da weniger kohlenstoffintensive Brennstoffquellen, insbesondere Erneuerbare Energien, immer wettbewerbsfähiger werden.

Der Ausschluss von ­Steinkohlebergwerken und kohle­befeuerten Kraftwerken hat daher zwei Gründe: Einerseits kommen wir damit ­unserem Ziel, unsere Portfolios bis 2025 auf das Pariser Klimaschutzabkommen hin auszurichten, einen bedeutenden Schritt ­näher. Andererseits wird so das wirtschaftliche ­Risiko in unseren Portfolios verringert, da Kohle als Brennstoff für die Stromerzeugung zunehmend nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Aus Portfolio-Sicht ist die Abkehr von der Kohle daher sinnvoll und nachhaltig, um das Risiko von sogenannten „stranded Assets“ zu vermeiden.

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