Strategien
26. Mai 2021

Natur-Kapital braucht Kapitalerhöhung

Die Vermögenswerte steigen, das Natur-Kapital sinkt. Doch der Raubbau an Mutter Natur, erkennbar am Rückgang der Biodiversität hat Folgen – auch für die Kapitalanlage und deren Regulierung. Wie der Klimawandel, so wird nun die Biodiversität eine wichtige Größe für Investoren. Biodiversität ist aber nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Opportunität.

Diversifikation ist das A und O der Kapitalanlage. Ebenso wie aber ein Anlageportfolio für seine Stabilität eine möglichst breite Diversifikation benötigt, gilt dies auch für Mutter Natur. Nur spricht man in diesem Fall von Biodiversität. „Biodiversität ermöglicht es der Natur, produktiv, widerstandsfähig und anpassungsfähig zu sein“, ist im im Februar erschienenen Dasgupta Review, der sich mit den „Economics of Biodiversity befasst, zu lesen. „Genauso wie die Vielfalt innerhalb eines Portfolios von finanziellen Vermögenswerten das Risiko und die Unsicherheit reduziert, erhöht die Vielfalt innerhalb eines Portfolios von natürlichen Vermögenswerten die ­Widerstandsfähigkeit der Natur gegenüber Schocks und reduziert die ­Risiken für die Leistungen der Natur. Reduziert man die ­biologische Vielfalt, leiden die Natur und die Menschheit“, so Wirtschaftswissenschaftler Partha Dasgupta.

In der Biologie ist Biodiversität ein Bewertungsmaßstab für die ­Fülle an unterschiedlichem Leben. Unterschieden werden dabei laut Wikipedia drei Teilbereiche: die genetische Zahl der Varianten, die Artenvielfalt und die Menge der Ökosysteme. Die Fülle an ­Vielfalt hat jedoch dramatisch abgenommen. Dem Review zu ­entnehmen ist, dass sich die zwischen 1992 und 2014 pro Person produzierte Kapitalmenge verdoppelt hat, das „Natur-Kapital“ ­jedoch um fast 40 Prozent zurückging. Wirtschaftswachstum ­wurde also mit Raubbau an der Natur bezahlt. Um den aktuellen Lebensstandard zu wahren, bräuchte es 1,6 Erden. Nie in der Menschheitsgeschichte sei die Biodiversität schneller zurück­gegangen. Dies wiederum birgt Risiken für Ökonomie und ­Wohlstand. Zudem wird auch die Gefahr von Pandemien mit ­weiteren Biodiversitätsverlusten steigen. „Die verheerenden Auswirkungen von Covid-19 und anderen neu auftretenden Infektionskrankheiten – bei denen neue Landnutzungen und die Ausbeutung von Arten die Haupttreiber sind – könnten sich als nur die Spitze des Eisbergs erweisen, wenn wir unseren derzeitigen Weg fort­setzen“, warnt Dasgupta. Genauso wie für den Klimawandel gilt: Je länger man mit Gegenmaßnahmen zögert, desto teurer wird es. Apropos Klimawandel: Auch dieser ist ein bedeutender Verur­sacher für den Verlust an Biodiversität. „Der Klimawandel belastet Ökosysteme“, konstatiert Milena Bertram von Finance in Motion. Ein Grund mehr, gegenzusteuern.

Für die Gesellschaft ist die wirtschaftliche und soziale Bedeutung von Biodiversität von enormer Bedeutung. Beispielsweise ist Biodiversität als Reservoir für potenzielle Arzneimittel oder als Genpool für Nahrungsmittelpflanzen wichtig. Wie Wikipedia informiert, stammen 96 Prozent der globalen Nahrungsmittelpflanzen ursprüng­lich aus den tropischen und subtropischen Regionen, wo die Biodiversität besonders hoch ist. Insofern sei davon auszu­gehen, dass aus diesen Regionen auch künftig wertvolle genetische Ressourcen stammen. Eine aktuelle Studie widmete sich jedoch der Artenvielfalt in der Ostsee, genauer gesagt den dortigen Lachspopulationen. Diese seien sich im Laufe der Jahre immer ähnlicher geworden. Ursächlich hierfür dürften ausgesetzte ­Zuchtlachse sein. Künstliche Aufstockungen dieser Fische sind ­nötig, um auf Umweltzerstörungen und Wasserkraftanlagen zu ­reagieren, die die natürlichen Bestände dezimieren. Der Genpool wurde jedoch nicht aufgestockt. Das Problem, das Spiegel Online schildert: Die genetische Vereinheitlichung mindere womöglich die Fähigkeit der Lachse, sich an wechselnde Umweltbedingungen anzupassen. Denkbar sei, dass beispielsweise lokale genetische ­Anpassungen an höhere Wassertemperaturen verloren gehen könnten. Solche Anpassungen könnten sich jedoch in Zeiten des Klimawandels noch als wichtig erweisen.

Zumindest einige wenige Finanzinvestoren haben die Risiken aus Biodiversitätsverlusten bereits ebenfalls erkannt – auch für sich selbst: „Mittlerweile ist weithin akzeptiert, dass klimabezogene ­Risiken eine Quelle für Finanzrisiken sind. Allerdings sind sich bislang zu Wenige der finanziellen Risiken bewusst, die aus Biodiversitätsverlusten entstehen“, mahnt Frank Elderson, Executive Board Member der Nederlandsche Bank, also der Zentralbank der Niederlande. J. Safra Sarasin ist im September 2020 als erstes Schweizer Institut der Initiative ‚Finance for Biodiversity‘ beige­treten. Gemeinsam mit 25 anderen Finanzinstituten ist man damit Gründungsmitglied des Finance for Biodiversity Pledge. Wer hierzulande Biodiversität zumindest am Rande auf dem Radar hat, ist die Versicherungskammer. Anlässlich einer 150-Millionen-Euro-Aufstockung ihres Engagements in einem Renewables-Fonds von Encavis, die den Erwerb eines niederländischen Solarparks ermöglichte, wurde bekannt, dass zu diesem auch „Flächen für Blaubeer- und Blumenbepflanzung zur Unterstützung der Biodiversität“ ­gehören. Allerdings bezeichnet die Versicherung selbst die örtliche Biodiversität des Solarparks nur als ein „angenehmer Nebeneffekt“. Dieser sei, so die Versicherung, „nicht unmittelbarer Aspekt unserer Anlagestrategie“. Im Vordergrund stehe das Investment, also in diesem Fall der Solarpark. „Dabei ist die Rendite das wesentliche Argument – positive Nebeneffekte nehmen wir natürlich gern mit“, teilt die Versicherungskammer mit. Selbst ist das Unternehmen bezüglich Biodiversität aber ebenfalls bereits aktiv geworden: Auf den Dächern der Bürogebäude in München und Saarbrücken ­produzieren über 500.000 Bienen Honig für die Mitarbeiter.

Operativ, also auf der Versicherungsseite, ist die Swiss Re in ­Sachen Biodiversität unterwegs. Die Rückversicherung hat zum Schutz ­eines Korallenriffs vor dem mexikanischen Cancun zusammen mit der The-Nature-Conservancy-Organisation und staatlichen, lokalen Stellen eine Versicherungslösung auf die Beine gestellt. Diese sieht vor, dass nach Stürmen Geld zur Verfügung gestellt wird, um das Riff wieder aufzupäppeln. Dies trägt zum Schutz der Biodiversität beziehungsweise dieses Ökosystems sowie zur CO₂-Bindungsfunktion des Riffs bei. Völlig uneigennützig ist die Swiss Re dabei vermutlich nicht. Denn das Riff schützt auch den Sandstrand vor Erosion und damit den Tourismus und damit wiederum die Versicherungen, die mit Hotels und Reiseveranstaltern abgeschlossen wurden.

Wie auch das Lachs-Beispiel zeigt, liegt es nahe, die Artenverlustproblematik vor allem mit Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft zu verbinden. Darum hat man bei der Meag gerade auch bei den Forst- und Agraranlagen Biodiversität auf dem Radar. Primär gilt, dass sich die Biodiversität auf keinen Fall verschlechtern darf. „Der Erwerb von Flächen, auf denen noch Urwald steht, ist für uns ausgeschlossen. Wir investieren auch nur in Regionen, wo wir ­sicherstellen können, dass vor unserem Erwerb kein Urwald ­gerodet wurde“, erläutert Wendelin von Gravenreuth, Senior Manager Global Forest Investments der Meag. „Darum investieren wir vor allem in den USA, Neuseeland und Australien. Dort besteht Rechtssicherheit und Zertifizierungen sind etabliert.“ Über ­einzelne Projekte will die Munich-Re-Tochter aber auch die Biodiversität gezielt unterstützen. „Wir haben Projekte zur Förderung der Artenvielfalt. So kaufen wir in den USA Flächen mit dem Ziel, diese an Biobauern zu verpachten“, sagt Dr. Hinrich Schulte, der die Agrar-Investments der Meag managt. Sein Kollege von Gravenreuth erwähnt ein Aufforstungsprojekt, bei dem Longleaf Pines im Südwesten der USA gepflanzt werden, eine alte Kiefernart, die dort vor der Besiedlung die Landschaft prägte. „Es ist eine Abwägung: Andere Baumsorten hätten mehr Ertrag gebracht. Andererseits ­haben wir aber auch eine Verantwortung als Eigentümer.“

Artenverlust betrifft alle Sektoren

Die Gefahr von Biodiversitätsverlusten ist aber auch für andere Sektoren nicht zu unterschätzen – und damit von Relevanz für klassische Aktien- und Anleiheportfolios. Bei den von SD-M ent­wickelten Key Performance Indicators taucht Biodiversität in den Sektoren ‚Oil, Gas & Consumable Fuels‘, ‚Biotechnology‘, ‚Pharmaceuticals‘ und ‚Life Sciences Tools & Services‘ auf. Große ­Risiken hat auch der Mining-Sektor, der, auch mit Chemikalien, sehr große Flächen deformiert. „Ebenfalls betroffen sind der ­Tourismus oder die Biotechnologie- und Pharmabranche, die einen großen Teil ­ihrer Wirkstoffe aus der Natur bezieht“, erklärt Nico Frey. Der ­Direktor Sustainable Investment Research bei der Bank J. Safra ­Sarasin erläutert die Auswirkungen von Unternehmen auf die Biodiversität anhand der von den CO2-Emissions-Analysen ­bekannten Scope-Kategorisierungen. Beim ­erwähnten Bergbau ist vor allem Scope 1 bedeutend, weil sich Mining sehr direkt auf die Artenvielfalt auswirkt. Sektoren, bei denen Scope 2 im Vordergrund steht, sind diejenigen, die über ihren ­Energiebedarf die Biodiversität ­beeinflussen. Scope 3 betrifft die ­indirekten, außerhalb einer ­Unternehmensorganisation liegenden vor- oder nachgelagerten Auswirkungen auf die Biodiversität. Scope 3 ist beispielsweise für den verarbeitenden Lebensmittelsektor relevant, da dessen Einkaufs­politik in der Regel für eine besonders intensive Landwirtschaft sorgt. „Beachten sollten Investoren aber nicht nur die ­Auswirkungen von Unternehmen auf die Biodiversität, sondern auch die Abhängigkeiten der Unternehmen von Ökosystemleistungen beziehungsweise ihre Betroffenheit von einem Rückgang der Biodiversität“, rät Frey. „Für Unternehmen mit hohen negativen­ Auswirkungen auf die Biodiversität werden vor allem Transitionsrisiken, beispielsweise durch neue Regulierungen, schlagend. Dagegen sind ­Unternehmen mit starken Abhängigkeiten von der Biodiversität eher durch die physischen Risiken aus dem Biodiversitätsverlust betroffen. Für manche Sektoren, wie zum Beispiel die Landwirtschaft, trifft beides stark zu.“ Ein bekanntes Transitionsrisiko ist die Dekarbonisierung, Beispiele für physische Risiken sind ­ausgelaugte Böden, die sich nicht regenerieren können, oder eine aufgrund des Insektensterbens geringere Pflanzenbestäubung.

Die Food-Giganten Danone und Nestlé dürften sich in den meisten Portfolios finden. Ökosysteme, die reich an biologischer Vielfalt sind, sind widerstandsfähiger und Danone informiert, dass das Erdreich voll von lebenden Mikroorganismen ist, die ein Viertel der weltweiten Artenvielfalt ausmachen. Das heutige System der Nahrungsmittelproduktion mittels intensiver Landwirtschaft erschöpft jedoch die natürlichen Ressourcen und reduziert die Artenvielfalt. Die Bodendegradation schreitet voran und Wasserknappheit nimmt zu. Danone spricht darum selbst von der dringenden Notwendigkeit, die natürliche und landwirtschaftliche Biodiversität wiederherzustellen und ruft nach EU-Maßnahmen. Aus Sicht von Nestlé ist die Gesundheit des Natur-Kapitals, insbesondere von ­Boden, Bäume und Wasser für den langfristigen Unternehmens­erfolg entscheidend. Darum fördere man die Vielfalt an Nutzpflanzen, Pflanzen und Tieren, um Ökosysteme stark und gesund zu halten. Als konkrete Maßnahme erwähnt Nestlé die hauseigenen Aufforstungsprogramme. „Die Wiederaufforstung unseres Planeten ist entscheidend, um den Verlust der Artenvielfalt umzukehren und die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern. Mehr Bäume bedeuten mehr Schatten für Nutzpflanzen, mehr Kohlenstoff, der aus der Atmosphäre entfernt wird, höhere Erträge und eine verbesserte Artenvielfalt und Bodengesundheit“, informiert der Nahrungsmittelkonzern. „Auf Dauer kann die Natur nur Leistungen bringen, wenn die Menschheit nicht vom (Natur-)Kapital lebt, sondern von den Zinsen der Natur“, mahnt Nico Frey. „Nun ist das Kapital bald aufgebraucht und es braucht dringend eine ­Kapitalerhöhung. Das können zum Beispiel Aufforstungen sein.“

Stark in die Biodiversitätsthematik involviert sind neben ‚Food‘ auch alle anderen Sektoren, deren Wertschöpfung zu einem ­großen Teil auf dem Verbrauch oder der Nutzung von Wasser beruht. Dies gilt beispielsweise für die Textilbranche oder für Wasserkraftwerke, deren Bau in der Regel einen massiven und dauerhaften Eingriff in Ökosysteme darstellt. Letzteres gilt natürlich auch für Immobilien. „Biodiversität wirkt sich auf jeden Sektor aus“, erklärt Caroline Le Meaux, Head of ESG Research, Engagement and Voting Policy bei Amundi. „Immobilieninvestoren drohen aus der Biodiversitäts­debatte Reputationsschäden.“ Hierzulande erinnert man sich noch an die Kritik des Grünen Anton Hofreiter an Einfamilienhäusern, die auch auf die Zersiedelung der Landschaft abzielte. „Zweitens“, so Le Meaux, „kann der Schutz der Biodiversität zu höheren Kosten beim Bau und bei der Materialbeschaffung führen. Weiter ist es möglich, dass die Ansprüche der Immobiliennutzer steigen.“ Die Deka schreibt, dass die Ausbreitung der Städte für einen Verlust an Lebensraum für Flora und Fauna sorgt. Darum, so der Immobilienmanager, werden Anforderungen an die Außenanlagen wichtiger, Dächer zunehmend großflächig begrünt oder ­Baumpflanz­­initia­tiv­en ins Leben gerufen. Eine Maßnahme der Deka bei einem Projekt in Luxemburg ist die Ansiedelung von Bienenstöcken.

„Indirekt, nämlich über seine Investments und Kreditgeschäfte, ist zudem auch der Finanzsektor betroffen“, so Frey. „Der Finanz­sektor muss aber nicht nur auf physische Risiken achten, die sich meist eher langsam materialisieren, sondern insbesondere auch auf Transitionsrisiken.“ Geschäftsmodelle können nämlich nicht nur wegen der Dekarbonisierung auf der Kippe stehen. Bekanntes Beispiel sind die Glyphosat-Rechtsrisiken für Bayer, bei denen es auch um den Vorwurf geht, dass der Glyphosat-Einsatz der ­Artenvielfalt schadet. Große Aufmerksamkeit erfuhr auch ein­ peruanischer Bauer, der RWE verklagte, da der Konzern für Umwelt­katastrophen mitverantwortlich sei.

Regulator läuft sich warm

Absehbar ist, dass diese Transitionsrisiken zunehmen. Der Regulator läuft sich nämlich bereits warm. Vom 17. bis 30. Mai findet in China die UN Biodiversitätskonferenz COP15 statt. Diese 15. Vertragsstaatenkonferenz will „die Erreichung und Umsetzung des Strategischen Plans zur biologischen Vielfalt 2011 bis 2020 der Convention on Biological Diversity – CBD überprüfen“. Erwartet wird, dass ein globales Rahmenwerk für die biologische Vielfalt nach 2020 zusammen mit Entscheidungen zu verwandten ­Themen wie Kapazitätsaufbau und Ressourcenmobilisierung getroffen wird. Analogien zu den Pariser Klimazielen sind nicht zufällig und Investoren dürften bereits ahnen, wer zur Erreichung dieser Ziele eingespannt werden soll. „Nach ‚Paris‘ findet nun im Mai der Biodiversitätsgipfel statt. Es ist damit zu rechnen, dass auf dem Gipfel Zielvorgaben beschlossen werden“, kündigt Sylvia Wisniwski von Finance in Motion Investoren an. Auf EU-Ebene kam im März die Offenlegungsverordnung. In dieser nimmt die Offenlegung der nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeit, also die Principal Adverse Impacts on Sustainability (PAIs), eine besondere Rolle ein. Die Europäischen Aufsichtsbehörden schlagen eine Liste von 32 verpflichtenden Indikatoren sowie 18 optionalen Indikatoren aus den Bereichen Treibhausgasemissionen, Energieeffizienz, Biodiversität, Wasser, Abfall, Soziales und Mitarbeiter, Menschenrechte und Korruption vor. Generell sehe die Esma jede positive Aus­prägung eines PAIs als schädlich für Nachhaltigkeit an. Auch die Bafin hat bereits das Terrain vorbereitet. Im 2019 veröffentlichten Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken mahnt die ­Bafin, dass sich Nachhaltigkeit „nicht in Klimafragen erschöpfen“ darf. Vielmehr können auch andere ökologische und soziale Trends „gravierende Finanzrisiken für beaufsichtigte Unternehmen darstellen. So sind zum Beispiel eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, viele davon innerhalb weniger ­Jahrzehnte. Dieser Verlust der Biodiversität könnte ähnlich schwerwiegende ­finanzielle Auswirkungen haben wie der Klimawandel“. Als ­Beispiel erwähnt die Bafin die Landwirtschaft, welcher durch den Verlust von Bestäubern ein jährlicher Schaden von über einer ­halben Billion Dollar drohe.

„Biodiversität ist nicht isoliert von anderen ökologischen Faktoren zu betrachten. Die Biodiversität findet gar Einzug in den EU-­Aktionsplan für Sustainable Investments und dessen Taxonomie“, bestätigt auch Nico Frey. „Ein großes Rad setzt sich aufgrund der akuten ökologischen Probleme in Bewegung – und je schneller es sich dreht, desto grösser und akuter werden Transitionsrisiken.“ Die Bank Safra Sarasin hat im vergangenen Jahr ihr Augenmerk für die Artenvielfalt deutlich geschärft. Angeschlossen hat man sich zum Beispiel – gemeinsam unter anderen mit Aegon, Axa, Mirova, Robeco, NN – wie schon erwähnt dem Finance for Biodiversity Pledge. Ziel dieser Vereinigung ist, neben der Sensibilisierung von Öffentlichkeit und Weltpolitik, Daten-, Ziele- und Reporting-Frameworks zu entwickeln. „Insbesondere bezüglich Daten von Unternehmen muss noch mehr passieren. Hierfür setzen wir uns auch in Form von ­Engagements ein“, so der ESG-Experte.

Getrieben werden Politik und Regulator auch von der Angst um die zunehmend bekannten physikalischen Tipping Points. „Öko­systeme können nicht nur ihre Leistung verlieren – beispielsweise Sauerstoff produzieren –, sondern sogar ins Negative drehen“, ­erläutert Frey. „Wird der Regenwald trockener, nimmt er nicht nur weniger CO₂ auf, sondern er kann sogar anfangen mehr abzu­geben, als aufzunehmen.“ Ein anderes Beispiel sind die Gletscher, die sich nicht mehr selbst erneuern können, sondern von Jahr zu Jahr schwinden, was die Wasserpegel und somit weitere Ökosys­teme negativ beeinflusst. Das Schmelzen der Gletscher wirkt sich auch auf die eigentlich als sichere Energiequelle geltenden Wasserkraftwerke aus.

Klimawandel und Biodiversität

Orientierung für Investoren bietet die Erkenntnis, dass ein ­Großteil der Sektoren, die primär für den Klimawandel mitverantwortlich gemacht werden, dieselben sind, die sich auch der Biodiversitätsproblematik stellen müssen. „Der Klimawandel beeinträchtigt die Biodiversität und die Biodiversität verstärkt den Klimawandel. ­Beides hängt eng miteinander zusammen“, so Nico Frey. Letzteres beispielsweise dadurch, dass mit dem Verlust von Ökosystemen auch deren Kühlungsfunktion verloren geht. Allerdings muss nicht alles, was den Klimawandel eindämmt, auch gut für die Biodiversität sein – und auch dies trägt wie die Messung zur Komplexität des Themas bei. Windparks sind zwar gut für das Klima, nicht aber für den Rotmilan. Ein Staudamm trägt zwar dazu bei, den Bedarf an fossilen Energieträgern zu reduzieren. Eine meterhohe ­Betonmauer in der Natur, die die Wanderbewegungen von Fischen einschränkt, Wasserpegel verändert und gerade in Schwellenländern auch ­soziale Folgen haben kann, reduziert aber auch offensichtlich die Artenvielfalt. Im Falle von Solarparks kann der Abbau des für die Solarzellen benötigten Siliziums kritisch sein.

Ob Renewables möglicherweise der Biodiversität abträglich sind, ist also nicht nur eine Standortfrage, sondern auch eine Frage der vorgelagerten Lieferkette. „Man muss genau hinschauen, welche negativen Konsequenzen eine Energieproduktion hat. Der Verlust von Biodiversität muss geprüft und gegebenenfalls gemildert ­werden“, so Milena Bertram von Finance in Motion. Ebenfalls ­seien soziale Risiken zu prüfen. Eine einfache Übung ist dies allerdings nicht. „Es gibt Fortschritte bei der Qualifizierung der negativen Auswirkungen einer Energieproduktion auf die Artenvielfalt. Die Quantifizierung ist aber extrem schwierig“, erklärt Bertram. ­Finance in Motion stützt sich darum bei Investments in ­Erneuerbare Energien immer auf eine externe Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung. „Und manches machen wir dann eben nicht. Gerade bei Wasserkraft sind wir sehr zurückhaltend.“ Grundsätzlich bevorzugt Finance in Motion kleinere Anlagen, da diese einen begrenzteren Einfluss auf Ökosysteme haben. Eine ähnliche Sicht hat Amundi. „Grundsätzlich trägt der Klimaschutz auch zum Schutz der Biodiversität bei. Es kann aber auch Fälle geben, bei denen ­dieser Zusammenhang nicht besteht“, so Caroline Le Meaux. Dies sei zum Beispiel bei Biomasse möglich. „Schlussendlich ist die Art der Umsetzung entscheidend. Generell ist es möglich, eine ­Balance zwischen Klimaschutz und Schutz der Biodiversität zu finden.“

Wie Finance in Motion betont auch Amundi die Komplexität der Biodiversitäts-Messung. „Biodiversitäts-Reportings sind im Vergleich zu CO₂-Reportings anspruchsvoller“, berichtet Caroline Le Meaux. „Wir sind noch dabei, passende Messungen und Reportings zu erarbeiten.“ Bereits heute werden aber über Gespräche die ­Unternehmen für die Biodiversitäts-Problematik sensibilisiert. „Wir arbeiten mit den Unternehmen zusammen, damit wir mehr Daten bekommen“, sagt Le Meaux. Intensiver mit Biodiversität ­beschäftigt sich Amundi seit dem vergangenen Jahr. 2020 war ­‚Deforestation‘ ein größeres Engagement-Thema. Grundsätzlich braucht es jedoch für das Umweltthema Artenvielfalt einen strukturierteren Ansatz, man sollte nicht nur fallweise vorgehen. Auch Safra Sarasin bezeichnet eine gründliche Analyse der Biodiversitätsrisiken als „nicht einfach“. Im Anlageprozess richte man den Fokus auf bestimmte Kennzahlen wie Recyclingquoten, Wasser­management oder Umweltverschmutzung. Allerdings würden nach wie vor Vergleichsdaten fehlen.

Was nun, Investor? Da sich Probleme leichter angehen lassen, wenn man diese messen kann, haben sich in den Niederlanden ­Finanzinstitute zur Partnership for Biodiversity Accounting Financials (PBAF) zusammengeschlossen. Verpartnert hat man sich in der PBAF, um gemeinsam die Möglichkeiten und Herausforder­ungen im Zusammenhang mit der Bewertung und Offenlegung der Auswirkungen der biologischen Vielfalt bezüglich Krediten und Investitionen zu untersuchen. Durch Diskussionen, den ­Austausch von Erfahrungen und Fallstudien wollen die PBAF-Partner an der Entwicklung einer Reihe harmonisierter Prinzipien ­arbeiten, die der Biodiversitätsfolgenabschätzung dienen. Mit ­diesen Grundsätzen möchte PBAF zur Entwicklung eines harmonisierten Biodiversitätsbilanzierungsansatzes im Finanzsektor beitragen. Eine Orientierungsgröße für PBAF ist die Partnership for Carbon Accounting Financials und analog zu dieser bastelt man nun an Biodiversitäts-Fußabdrücken. 2019 gestartet, zählt PBAF nun 21 Mitglieder die insgesamt fast sechs Billionen an Assets ­managen. Der Partnerschaft gehören beispielsweise ABN Amro, Robeco, Achmea, BNP Paribas, NN Investment Partners, Rabobank oder die Triodos Bank an. Im März kamen unter anderen auch der Pensionsfonds-Dienstleister APG und der Impact Asset Manager Finance in Motion als Supporter hinzu.

Neben den Niederlanden beschäftigt man sich auch in Schweden bereits mit der Artenvielvalt. Im hohen Norden hat das Ethik-Council der vier großen ­nationalen AP-Pensionsfonds Biodiversität auf die Agenda genommen und will sich in 2021 mehr mit dieser Thematik beschäftigen. Als Beispiel nannte das Council gegenüber IPE den Dialog mit Palmölproduzenten. Bereits 2018 suchte der Ethikrat das Gespräch mit Bayer und Syngenta ­bezüglich der ­Auswirkungen von deren Pestiziden auf das Bienensterben. Als ­Bestäuber haben Bienen eine wichtige Funktion in Ökosystemen für die Reproduktion von Pflanzen.

Die Chancen von Agri-Photovoltaik

Doch wie kann Biodiversität nicht nur ein Risiko, sondern auch ­eine Chance sein? Caroline Le Meaux rät analog dem Umgang mit dem Klimawandel vorzugehen: „Welche Unternehmen kreieren passende Lösungen? Das können dann beispielsweise Aktien von Unternehmen sein, die sich mit Kreislaufwirtschaft oder Recycling beschäftigen. Aber auch Green Bonds können passende Assets oder Vermögensgegenstände sein.“ Aktuell entwickelt Amundi ein Produkt für Biodiversitäts-Investoren. Eine eigentlich simple ­Möglichkeit für Besitzer von PV-Anlagen ist, künftig die Module höher zu installieren. „In unseren Solarparks hätten wir quasi zwei Kulturen: die Module und darunter Blühpflanzen“, erklärt Hubert Loick, Landwirt aus Leidenschaft und Vorstandsvorsitzender der Loick AG, die unter anderem acht PV-Freiflächen-Parks in Deutschland betreibt – und ebenfalls 27 Biogasanlagen, welche übrigens auch mit Hypothekendarlehen von Pensionskassen finanziert ­werden. Auch im Sinne der Kreislaufwirtschaft können ­abgeerntete Pflanzen dann den Biogasanlagen zugeführt werden (und deren Rückstände wiederum als Dünger für den Agrarbetrieb genutzt werden). Je weiter die Klimaerwärmung fortschreitet, desto sinnvoller ist es „Schattenspender“ auf Agrarflächen zu haben. In ­Südeuropa sind vor Austrocknung schützende Folien Usus. Zu schattig darf es aber in hiesigen Breitengraden nicht sein. Darum muss für mehr Biomasseertrag auf etwas Stromertrag verzichtet werden, indem man die Module weniger eng stellt. Eine solche ­Agri-Photovoltaik trägt nicht zuletzt zur Entschärfung der Flächenkonkurrenz bei. Eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts hält als Vorteile fest, dass Obst- und Sonderkulturen, die von zunehmenden Hagel-, Frost- und Dürreschäden betroffen sind, von einer Schutzfunktion durch die Teilüberdachung mit PV-Modulen profitieren können. Weitere Synergiepotenziale zwischen der Photovoltaik und Landwirtschaft in einem Agri-PV-System bestünden unter anderem durch die Reduktion des Bewässerungsbedarfs und die Möglichkeiten der Regenwassersammlung für Bewässerungs­zwecke. Das wesentliche Untersuchungsergebnis: der kombinierte Ertrag aus Strom und Landwirtschaft ist höher, als wenn das Feld ent­weder für Photovoltaik oder für Agrar genutzt wird.

Der Agrarbetrieb von Loick erstreckt sich auf 150 Hektar. Um die Biodiversität im Acker zu erhalten und Bodenerosionen zu ver­meiden, setzt Loick auf die pfluglose Bodenbearbeitung, vermeidet also das Wenden des Bodens. „Der Verzicht auf den Pflug erhöht den Humusgehalt des Bodens. Nicht zu pflügen und die Minimalbearbeitung durch Streifensaat ist auch wegen des Klimawandels wichtig, um Feuchtigkeit im Boden zu halten. Mein Boden ist ganzjährig grün“, erklärt Hubert Loick. Auf einem Prozent dieser Fläche unterstützt Loick die Biodiversität durch den Anbau von Wild­pflanzen auch direkt. Dies sorgt jedoch für Opportunitätskosten. Auch wenn als Nebenprodukt noch Honig produziert wird: „Der Deckungsbeitrag aus dem Verkauf der Wildpflanzen an die Biogasanlagen ist mit 500 Euro je Hektar nur halb so hoch wie bei der konventionellen Landwirtschaft.“ Mehr Ertrag wäre möglich, so die Idee von Hubert Loick, wenn diese Anbauflächen als Ausgleichs­flächen für zum Beispiel den Straßenbau deklariert würden. Eine weitere, künftige Ertragsquelle könnten Kompensationen für die CO₂-Speicherung sein. Schließlich wurzeln diese Pflanzen auf Dauer über einen Meter tief und speichern dort Kohlendioxyd.

In den USA können Landbesitzer im Rahmen von Conservation Easements für den Verzicht auf Baurechte oder auf sonstige ­Nutzungsrechte mit steuerlichen Vorteilen entschädigt werden. In Neuseeland bekommt die Meag eine Kompensation für Aufforstungen. „Wir forsten Brachflächen auf und bekommen dafür vom Staat CO₂-Zertifikate“, sagt Wendelin von Gravenreuth. Ausgleichszahlungen für ‚Conservation‘, ‚Reforestation‘ oder ‚Storage‘ von CO₂ zu bekommen, wäre ökologisch betrachtet besonders für die ­Biodiversity Hotspots in den Emerging Markets interessant. „Ausgleichszahlungen sind in den entwickelten Staaten üblich, nicht aber in den Schwellenländern“, erklärt Sylvia Wisniwski. Die ­Geschäftsführerin von Finance in Motion hält aber Änderungen für möglich: „In Costa Rica existiert bereits ein System für Ausgleichszahlungen. Künftig könnte es weitere Beispiele geben.“ Die Hürde für Ausgleichszahlungen besteht aber nicht nur in der finanziellen Lage des jeweiligen Staates. „Voraussetzung für ­Ausgleichszahlungen sind Quantifizierungen“, so Sylvia Wisniwski. Dies wäre auch für den Eco Business Fund der von dem Impact Asset Manager beraten wird, interessant. Dieser Fonds hat mittlerweile über 600 ­Millionen US-Dollar in nachhaltige Forst- und Landwirtschaft investiert, ­indem er vor allem in Lateinamerika Renaturierungen von für ­extensive Weidebewirtschaftung gerodete Urwaldflächen finanziert. „Wir finanzieren die Umstellung von abgegrasten, ­versteppten Weideflächen auf silvopastorale Systeme. Baumpflanzungen ­sorgen für Bodenverbesserungen, schützen den Boden vor Austrocknung und Erosion, schaffen Lebensräume für beispielsweise Vögel und Schmetterlinge. Nicht zuletzt bieten Blätter und Rinde der Bäume den Rindern auch ein vielfältigeres Speiseangebot, was wiederum die Fleischqualität erhöht“, erläutert Sylvia Wisniwski die Vorteile einer halboffenen Weidewirtschaft. Weiter ist unter ­sozialen Gesichtspunkten interessant, dass die lokale Gemeinschaft nachhaltig Holz einschlagen darf. Ein anderes Beispiel ist die Pflanzung von Bäumen als Schattenspender für die temperatur­empfindlichen Kaffee- und Kakao-Sträucher. Das wiederum erhöht nicht nur die Qualität der Früchte und bindet CO₂, sondern hat auch noch den ökologisch besonders wertvollen Nutzen, dass Baumkorridore entstehen, die übrig gebliebene Primärwaldflächen miteinander verbinden. Somit tragen zum Beispiel die Finanzierungen in El Salvador dazu bei, dass Brüllaffen auf Wanderschaft gehen und ihren Genpool auffrischen können.

Wie die Beispiele zeigen, kommt die Rendite also nicht aus der Biodiversität, sondern dass die Bauern vor Ort über den Verkauf von Rindfleisch oder von Agrargütern die Kredite bedienen. Dadurch wird aber wiederum die Mission des Fonds erfüllt, die biologische Vielfalt zu erhalten, die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen zu fördern und den Klimawandel abzumildern und sich an ihn anzupassen. Der direkte Weg zu Biodiversitätsrenditen würde – wie bereits erwähnt – über Ausgleichszahlungen führen. Der Biodiversität dienlich können aber auch noch weitere Finanzierungen sein. „Mit was wir uns ebenfalls beschäftigen sind Kreislaufwirtschaft oder Technologielösungen wie die Tröpfchenbewässerung. Weniger Input spart Kosten und erhöht die Rendite“, so Wisniwski. Die Rendite ist für institutionelle Investoren, die sich laut Wisniwski mehr und mehr für den Fonds interessieren, aber nicht der einzige Grund zu investieren. „Institutionelle Anleger nutzen unseren Fonds auch zum Lernen, wo die Chancen von Biodiversität liegen.“

Bislang war Nachhaltigkeit vergleichsweise wenig komplex. Beim Kürzel ESG ist vor allem das E relevant und beim E wiederum das Klima und beim Klima fixiert man sich auf den CO₂-Ausstoß. ­Biodiversität ist dagegen deutlich komplexer – dies betrifft die Messung aber auch Wechselwirkungen wie zum Beispiel zwischen Bäumen und Weidewirtschaft oder zwischen schattenspendenden Modulen und Agrarwirtschaft sowie die Kreislaufwirtschaft. ­Zudem muss, was gut für das Klima ist, nicht unbedingt gut für die Biodiversität sein. Für die Nachhaltigkeitsstrategie stehen also weitere Überlegungen an. Eine Motivationshilfe: Emotional bieten ­Naturerlebnisse eine viel höhere Rendite als CO₂-Emissionsdaten.

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