Corporates
27. April 2016

Negativzinsen und andere Sorgen im Treasury

In der vergangenen Woche fand das inzwischen 28. Finanzsymposium statt – für Treasurer ein Highlight im Kalender. Experten von Siemens und BMW waren mit von der Partie.

Augenscheinlich hatte der Veranstalter, das österreichische Beratungshaus Schwabe, Ley und Greiner (SLG), keine allzu großen Mühen, die Adressaten seiner Veranstaltung davon zu überzeugen, in den Rosengarten nach Mannheim zu kommen. Dazu sind die brennenden Themen der Gegenwart viel zu groß, als dass man sie nicht in großer Runde diskutieren müsste. Nach Angaben von SLG-Partner Thomas Schörner hatten sich erstmals mehr als 2.000 Besucher angekündigt, darunter geschätzte 1.000 Vertreter von Corporates. Die Resonanz ist im Grunde genommen kaum überraschend, wenn man sich die Fülle von Themen vor Augen hält, mit denen die Treasury-Abteilungen heute konfrontiert sind. Und dabei reden wir nicht nur von der immer weiter um sich greifenden Negativverzinsung von Bankguthaben. 
Wie am Rande der Konferenz zu vernehmen war, werden immer mehr Gesellschaften von ihren Hausbanken zu Nachverhandlungen aufgefordert. Thema: Welchen Strafzins das Unternehmen auf seine Guthaben zu entrichten hat. Manche Geldhäuser beschränken sich dabei auf eben jene 40 Basispunkte, die die EZB für Übernachteinlagen verlangt, andere Häuser, so hört man, setzen noch einen drauf, um zusätzliche interne Kosten an den Kunden weiterzugeben. Dass ein gewisser Sockelbetrag nicht mit Zinsen belastet wird, ist da nur ein schwacher Trost. Wohl dem, der heute nicht mit übermäßiger Liquidität hantieren muss.
Zurück zur Aufgabenflut im Corporate Treasury: Denn die Schatzmeister der Unternehmen auf die Themen „Zinsen“ und „Wechselkursabsicherung“ zu beschränken, wird der Fraktion keinesfalls gerecht. Vielmehr stehen heute so komplexe Themen wie die European Market Infrastructure Regulation (Emir) ebenso auf der Agenda, wie die Optimierung globaler Finanzprozesse. Eine nicht minder große Rolle spielen natürlich das Liquiditätsmanagement, der Zahlungsverkehr im weitesten Sinne, die Weiterentwicklung des Cash Pooling bis hin zum Berichtswesen. 
Altersvorsorge unter Druck 
In Mannheim ging es nicht nur um Treasury, um die Frage nach kurzfristigen Geldanlagen sowie Alternativen im Negativzinsumfeld, sondern auch um Fragestellungen rund um das Thema Renten; wobei die Diskussion auch der Zinsmisere geschuldet ist. Einen interessanten Einblick in das Management von Pensionsverpflichtungen im Niedrigzinsumfeld gab der Workshop der Commerzbank. Das Bankhaus erläuterte gemeinsam mit einem Firmenkunden (Südstärke GmbH, Schrobenhausen), wie sich fest definierte Pensionszusagen (Leistungszusagen) aus der Vergangenheit in einen CTA auslagern lassen, welche Vorteile das im Vergleich mit einer Versicherungslösung (niedrigere Kosten!) hat und wie sich Mittelständler mit Blick auf stark steigende Rentenzahlungen in der Zukunft schon heute wappnen können. Beim Einblick in dieses für neue Arbeitnehmer längst geschlossene Versorgungswerk der Südstärke GmbH wurde deutlich, dass die „Pension Challenge“ nicht nur eine hohle Marketingfloskel ist, mit dem Anbieter Geschäft generieren wollen. Vielmehr muss das Treasury mit allen Beteiligten im Unternehmen ein komplexes Aufgabenkonstrukt rund um Bilanzierung, Zinsniveau, Inflation und Langlebigkeit austarieren, um einerseits die Finanzierung der Renten auf sichere Füße zu stellen und andererseits das Überleben für das Unternehmen sicherzustellen, bis schließlich – in der fernen Zukunft – der letzte Anspruchsberechtigte das Lebensende erreicht hat. Der Lösungsansatz hier lautet: Das Unternehmen muss, soweit es die Ertragslage zulässt, bereits heute mehr Gelder in den CTA einschießen, um sich für steigende Rentenzahlungen zu wappnen; anhand von Projektionen lassen sich Auszahlungsspitzen in der Zukunft simulieren. Das Problem: Die Anteilseigner von heute müssen diese „Kröte“ schlucken, also Gelder für künftige Rentnergenerationen beisteuern. Bei dem Fallbeispiel floss übrigens ein Teil der Gelder in einen offenen Immobilienfonds. 
Brexit wäre fatal 
Im Dickicht unzähliger Anbieter-Workshops stach der Vortrag von Edgar Walk (Metzler Asset Management) heraus. Der Chefvolkswirt wies anhand von Statistiken darauf hin, dass die aktuelle Geldpolitik der Notenbanken bis dato weitgehend gescheitert sei, mit einer Ausnahme: In Schweden ist der Staat durch die Ausweitung seiner Ausgaben in gewisser Weise an einem Punkt angekommen, den man fast schon mit der kürzlich diskutierten Option des Helikoptergelds (direkte Zahlungen an die EU-Haushalte) gleichsetzen könne. Mit Blick auf das anstehende EU-Referendum in Großbritannien am 23. Juni warnte Walk vor den Auswirkungen eines möglichen Brexit. Ein Votum für einen Austritt hätte seiner Einschätzung nach sehr wahrscheinlich zur Folge, dass die britische Währung aufgrund des hohen strukturellen Leistungsbilanzdefizits einbrechen würde. Das würde wahrscheinlich in eine schwere Rezession in Großbritannien münden. Mit Blick auf das enorme Leistungsbilanzdefizit von rund fünf Prozent stehe die Gefahr einer massiven Abwertung des Britischen Pfunds im Raum. 
BMW und Siemens auf dem Podium 
Ein Highlight des Finanzsymposiums war die Podiumsdiskussion „Treasurer Summit – Herausforderungen für Treasurer in einem global aufgestellten Konzern“. SLG hatte dazu mit Hans-Peter Rupprecht (Siemens) und Norbert Mayer (BMW) zwei hochkarätige Treasurer aus München nach Mannheim gelotst. Ihnen zur Seite standen Jochen Schwabe (SLG) und Wilbert Evers (HSBC) als Vertreter der Bankenseite. Unter der charmanten Moderation von Patrizia Laeri (Schweizer TV-Moderatorin) diskutierten sie unter anderem die Frage, welche Investitionsprojekte in fernen Ländern heute auf der Agenda stehen. Und wie man sie finanziert. 
Zunächst signalisierte Siemens-Urgestein Hans-Peter Rupprecht, manche nennen ihn kurzerhand „HPR“, seine Skepsis. Es gäbe für deutsche Unternehmen derzeit viele externe Probleme, angefangen bei der Gefahr des Brexit und andere globale Störfeuer, wie die wirtschaftliche Schwächephase in China und Brasilien, so der Group Treasurer bei Siemens. BMWs Norbert Mayer schloss sich der Sichtweise seines Kollegen an und führte aus, dass auch auf politischer Ebene Unsicherheit bestehe. Aber, in Anlehnung an den Philosophen Karl Popper, sagte er: „Wir haben alle die Verpflichtung, optimistisch zu sein, insbesondere in volkswirtschaftlicher Sicht.“ Man solle doch, wie die Amerikaner das tun, das Glas heute als halbvoll ansehen. 
Freude an der Zentralisierung
HSBC-Experte Wilbert Evers gab dabei allerdings zu bedenken, dass heute etwa 85 Prozent des globalen Wachstums aus lediglich 30 Ländern stamme. Für die deutsche Industrie sieht er heute unter anderem in China und Indien Wachstumschancen. Aber: Die Firmen müssten ihre Aktivitäten regional – wie in einem Portfolio – streuen, um Chancen und Risiken zu streuen. Sichtlich stolz hob BMW-Treasurer Mayer in diesem Kontext hervor, dass es seinem Arbeitgeber inzwischen gelungen sei, die Aktivitäten im fernen China nun auch im konzerninternen Cash Pooling zu integrieren. Insofern sortieren sich die Aktivitäten im Reich der Mitte dem Anspruch unter, in der Treasury-Abteilung extrem zentralisiert aufgestellt zu sein. Der Grund für die Freude an der Zentralisierung liegt nach Einschätzung Mayers auf der Hand: „Geldgeschäfte muss man im Konzern aus einer Hand abwickeln“. Teil seines Tagesgeschäfts sei aber auch immer wieder die Suche nach „unseren Risikopositionen im Zins- und Währungs-Exposure“. Nur so könne man vernünftiges Risikomanagement betreiben, wie er dem Auditorium mit auf den Weg gab. 
Zum Abschluss fragte Moderatorin Patrizia Laeri ihre Gäste, ob es für Emittenten wie Siemens und BMW heute eigentlich Spaß mache, Schulden zu machen. BMW-Mann Mayer gab zu bedenken, dass der Fahrzeugbauer am Anleihemarkt ein Daueremittent sei. Er zeigte sich über die heutigen Konditionen erstaunt. Mayer rief in Erinnerung, dass BMW im November 2008 von den Banken kein Geld zur Refinanzierung bekommen habe und daher „mutig“ einen fünfjährigen Bond emittiert habe. Der Kupon damals: 8,875 Prozent. Zum Vergleich die Gegenwart: Eben erst habe man sich für nur 0,125 Prozent Zinsen frische Mittel gesichert. Die dafür emittierte Anleihe hat eine Laufzeit von vier Jahren. 
Was die Emissionsseite betrifft, feierte BMW eben erst zwei Debüts: Einerseits gelang den Süddeutschen die Emission von Anleihen in China, andererseits ist BMW nun auch auf dem US-Primärmarkt mit von der Partie. Bei der Vorbereitung der Emission spielen die örtlichen Usancen eine entscheidende Rolle. So gehe es in China bei einem solchen Vorhaben zunächst darum, Behörden und Aufsichtsämter davon zu überzeugen, die Transaktion überhaupt durchführen zu dürfen. In den USA wiederum ist die Mentalität eine ganz andere. Dort müsse man mit Scharen von Juristen zunächst ausloten, welche Risiken an dem Kapitalmarkt lauerten und wie man ihnen aus dem Weg gehen könne. Investoren gäbe es hier wie dort genug. Die Nachfrage sei kein Problem, so BMW-Treasurer Norbert Mayer. 
Mit Blick auf die Emission von besonders langlaufenden Anleihen gab Siemens-Mann Rupprecht zu Protokoll, dass er von Bonds mit 100 Jahren Laufzeit nichts halte. Siemens, ein eher sporadischer Emittent, habe sich in seiner Historie auf maximal 30 Jahre beschränkt. Das Anleiheportfolio aus Emittentensicht hat bei Siemens eine mittlere Laufzeit von fünf bis sechs Jahren, bei BMW liegt die durchschnittliche Fälligkeit dagegen bei eher zwei Jahren. Grund dafür sei das enorme Financial-Services-Geschäft, mit dem der Fahrzeugbauer seinen Absatz unterstützt. Praktisch jeder zweite BMW wird über die hauseigene Bank finanziert oder geleast. 
portfolio institutionell newsflash 27.04.2016/Tobias Bürger
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