Neues bei Infrastruktur, Strom und Klimarisiken

Im Uhrzeigersinn von oben: Renewables-Panel-Moderator Niels Raabe (li.) im Gespräch mit Igor Lukin, Kristoffer Schröder, Giselher Kühne und Hannes Banzhaf. Christian Wolf vom BVV will Klimarisiken in Privatmarktanlagen transparenter machen. Hannah Helmke sieht Chancen in der Entkopplung von Emissionen und Wertschöpfung. Sondervermögen und Deutschlandfonds: Ökonom Jens Südekum hielt die Keynote.
Vom Deutschlandfonds über Renewables bis hin zu den Klimapfaden: Das Themenspektrum der Panels beim Private Markets Forum war vielfältig und dennoch voller Schnittmengen. So verlangt der Ausbau Erneuerbarer Energien und flexibler Speicher Milliarden an Investorenkapital. Wie sich mit der Dekarbonisierung Geld verdienen lässt, auch das wurde thematisiert.
Die deutsche Wirtschaft steckt in der Rezession. Gleichzeitig erfordern die klimapolitische und die digitale Transformation ebenso wie der militärische Sektor hohe Investitionen. Die Bundesregierung adressiert diese Herausforderungen mit einer Investitionsoffensive – in deren Folge die Schuldenbremse reformiert wurde und die Verschuldung stark ansteigt – und mit dem geplanten Deutschlandfonds, der sich als Hebel für zusätzliches Kapital an institutionelle Anleger richtet.
Vor diesem Hintergrund hielt der Ökonom Professor Dr. Jens Südekum die Eröffnungs-Keynote zum Thema „Sondervermögen und Deutschlandfonds – Chancen für private Kapitalgeber“. Zwar verteilt sich das Infrastruktur-Sondervermögen über insgesamt zwölf Jahre hinweg auf 300 Milliarden Euro für Bundesinfrastruktur wie Schiene-, Straße- und Digitalnetze. Hinzu kommen 100 Milliarden Euro für den Klima- und Transformationsfonds, bei dem Themen wie Heizung, Ladesäulen, Strompreise im Mittelpunkt stehen, sowie 100 Milliarden Euro für die Kommunen, wobei letztere Mittel ohne strikte Vorgaben an die Länder weitergegeben werden. Doch selbst die vielen Milliarden reichen längst nicht aus, um die Infrastruktur auf Vordermann zu bringen und wachstumsträchtige Innovationen anzuschieben.
In diesem Kontext betonte Südekum, der am Düsseldorf Institute for Competition Economics lehrt, dass der Deutschlandfonds als Dachkonstrukt verschiedene Säulen umfassen soll. Sie beinhalten Venture Capital für Start-ups, private Beteiligungen an kommunalen Energie- und Wärmenetzen sowie eine Rohstoff- und Defense-Tech-Säule. Private Investoren wie Lebensversicherer sollen über den Fonds an Infrastrukturprojekten partizipieren können, wobei der Staat als Bündler und Garant auftritt. Noch sind viele Details der Ausgestaltung des Fonds nicht geklärt. Doch das hinderte den Ökonomen nicht daran, einen kleinen „Presales Pitch“ vor genau jener Zielgruppe zu halten, die das zuständige Finanzministerium mit dem Deutschlandfonds im Auge hat.
Südekum sagte, es bestehe breiter politischer Konsens, dass die kreditfinanzierten Infrastruktur- und Verteidigungsinvestitionen Wachstum generieren müssen, um die Zinslasten, die sich bis 2029 auf jährlich etwa 60 Milliarden Euro verdoppeln werden, bedienen zu können. Mit Blick auf die steigenden Verteidigungsausgaben wies der Ökonom darauf hin, dass dadurch riesige Technologieimpulse freigesetzt werden könnten, allerdings unter der Voraussetzung, dass das Geld „richtig“ ausgegeben werde. So gehe es nun darum, Investitionen zu tätigen, die zum Wachstum der Wirtschaft beitragen.
In diesem Zusammenhang soll mehr Geld in Forschung und Entwicklung im militärischen Bereich fließen. Von den 52 Milliarden Euro für den Etat (2024) des Bundesverteidigungsministeriums entfielen zwei Prozent auf die Wehrforschung. In den USA hat das Thema Forschung und Entwicklung (F&E) einen höheren Stellenwert. Südekum bezifferte den 2024er Etat des Pentagons auf 850 Milliarden Dollar, davon flossen 143 Milliarden Dollar (17 Prozent) in F&E. Gefragt seien hierzulande ebenfalls Investitionen, die auch außerhalb des Militärs Nutzen stiften können.
Thematisch knüpfte das Experten-Panel zum Thema „Renewables“ an die Keynote-Rede Südekums an. Darin beleuchtete Moderator Niels Raabe von ALM Berlin Asset Consult mit seinen Gästen die Entwicklung und Herausforderungen bei Erneuerbaren Energien, den Kapitalbedarf und die Rolle von Batteriespeichern im Kontext der Energiewende. Mit dabei waren Hannes Banzhaf (Carl-Zeiss-Stiftung) und Giselher Kühne (Advace Group) sowie Igor Lukin von Allianz Global Investors und Kristoffer Schröder von der Volksbank Mittelhessen. Das Panel arbeitete unter anderem heraus, dass der Energiemarkt dynamisch bleibt. Der Strombedarf werde aufgrund von E-Mobilität, Wärmeerzeugung und einer Fülle neuer Rechenzentren steigen. Damit steht eine Trendwende bevor. Denn der Nettostromverbrauch ist seit dem Spitzenwert im Jahr 2007 tendenziell gesunken, zeigt aber für 2024 einen leichten Anstieg.
Vor diesem Hintergrund muss der Ausbau Erneuerbarer Energien und flexibler Speicherlösungen nun Priorität haben. Hochleistungsbatterien gelten als wesentliche Säule innerhalb der Energieinfrastruktur der Zukunft. Auch moderne Netz- und Ladeinfrastruktur sowie intelligente Preismodelle für Strom seien mehr und mehr gefragt, um Schwankungen bei Angebot und Nachfrage zu nivellieren. Ein Problem, mit dem hiesige Investoren und Projektierer konfrontiert werden, besteht in den steigenden Kosten bei Windenergieanlagen und den sinkenden EEG-Vergütungen. Beides erschwert die Projektierung, während operativ tätige Assets aktuell höhere Renditen bieten. Beim Panel wurde deutlich, dass Windenergie unvermindert Rückenwind genießt, während der weitere Zubau mit Solaranlagen aufgrund von Preisdruck und Volatilität bei der Stromerzeugung zurückhaltender bewertet wird. Umspannwerke und Batteriespeicher stoßen unterdessen als Beimischung in den Portfolios auf Interesse. Positive Aussichten zeichnen sich auch in der Dekarbonisierung von Hitze ab, etwa durch Geothermie und Wärmepumpen. Das gilt laut dem Panel als aufstrebendes Feld mit großem Potenzial, insbesondere in Deutschland und Europa.
Zum Abschluss des Private Markets Forums sprachen die Unternehmerin Hannah Helmke und Christian Wolf, Abteilungsleiter Risiko- und Qualitätsmanagement in der BVV Pension Management GmbH, in separaten Vorträgen über die Messung und Bewertung von Klimarisiken von Privatmarktanlagen. Zunächst stellte Helmke ihr innovatives X-Degree Compatibility (XDC) Model vor, das klimaschädliche CO₂-Emissionen einzelner Unternehmen, Staaten oder auch Immobilien in eine verständliche Grad-Celsius-Zahl übersetzt. Das soll nicht nur Transparenz, sondern vor allem Vergleichbarkeit zu schaffen.
Dabei machte die Referentin deutlich, dass das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens mit einem begrenzten CO₂-Emissionsbudget einhergeht. Dieses Budget kann jedoch nur dann zur Begrenzung der Erderwärmung beitragen, wenn es eingehalten wird. Entscheidend ist dabei der individuelle Klimapfad, den die Unternehmen auf ihrem Weg der Dekarbonisierung, etwa durch Einsatz neuer Technologien, beschreiten. Und wie zügig sie die Innovationen umsetzen. Kritik an den Dekarbonisierungsplänen in der Europäischen Union entkräftete Helmke mit dem Hinweis, dass die EU-Vision des Green Deals auf der Entkopplung von Emissionen und Wertschöpfung durch massive Innovation basiere, nicht auf Verzicht oder weniger Wachstum.
Mit Blick auf die Kernthemen des Veranstaltungstages machte die Referentin deutlich, dass die Bewertung von Klimarisiken bei Privatmarktanlagen eine hochkomplexe Angelegenheit sei. Problematisch sei, dass es auch an Daten mangelt. Daher sei die Kooperation zwischen Investoren, Asset Managern und Technologieanbietern entscheidend, um Informationen zusammenzutragen und auf dieser Basis Klimarisiken wirksam zu managen.
Abschließend gab Christian Wolf einen Einblick in die Perspektive als Investor. Der BVV arbeitet mit Helmkes Unternehmen namens Right zusammen, um Transitionsrisiken zu identifizieren und transparenter zu machen – und die so gewonnenen Erkenntnisse zur Portfoliosteuerung zu nutzen. Auf diesem Weg arbeitet der BVV auch eng mit Asset Managern und GPs zusammen, um die verfügbaren Daten auf ein neues Level zu heben. Man wolle verstehen, wie die Strategie der Manager im Detail funktioniert, wenn es darum geht, einen vernünftigen Transitionspfad einzuschlagen.
Autoren: Tobias BürgerSchlagworte: Energiewende | Klimaneutralität | Klimapfade | Klimarisiken | Print-Ausgabe | Private Markets Forum / PMF | Venture Capital
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