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12. Juli 2020

Nicht alles läuft „Super“ in Down Under

Die Pensionsfonds in Australien gehören zu den größten der Welt. Das Land setzt bei der Altersvorsorge seit langem sehr stark auf die zweite Säule, die betriebliche Altersvorsorge, die für Arbeitnehmer obligatorisch ist. Doch die Corona-Krise hat den Pensionsfonds ­zugesetzt und eine lange geplante Großfusion steht an.

Australien hat das viertgrößte Pensionssystem der Welt mit einem Vermögenswert von etwa drei Billionen Australischen Dollar ­(umgerechnet 1,85 Billionen Euro), schreibt die Financial Times. Das dortige System der betrieblichen Altersvorsorge ist für Arbeitnehmer verpflichtend. Derzeit müssen Arbeitgeber 9,5 Prozent des Gehalts in die betriebliche Altersvorsorge eines vom Arbeitnehmer ausgewählten Superannuation Fund einzahlen. Der Pflichtbeitrag soll von den 9,5 Prozent angehoben werden, schrittweise auf zwölf Prozent im Jahr 2025. Arbeitnehmer können aus einer Vielzahl an verschiedenen Fonds mit unterschiedlichen Anlageprofilen ­wählen. Der zuständigen Aufsichtsbehörde, der Australian Prudential ­Regulation Authority (APRA) zufolge, gab es im Jahr 2018 noch 198 verschiedene Superannuation Funds, wobei deren Zahl in den ­vergangenen zehn Jahren durch Fusionen und Übernahmen, die unter anderem einer verstärkten Regulierung geschuldet waren, stark geschrumpft ist.

Der größte der australischen Pensionsfonds ist der Australian ­Super – den Zusatz „Super“ führen viele Pensionsfonds im Namen, denn es geht hierbei um die betriebliche Altersvorsorge, in ­Australien „Superannuation“ genannt. Der Fonds verwaltete Ende Juni 2019 Assets im Wert von rund 166 Milliarden australischen Dollar, umgerechnet also 102 Milliarden Euro.

Zweitgrößter Pensionsfonds könnte nach der Fusion der First State Super werden, wenn er und der kleinere Vic Super aus dem ­Bundesstaat Victoria zum 1. Juli 2020 fusionieren werden. Beide Marken sollen nach der Fusion jedoch weiter bestehen bleiben, teilte First State Super im Dezember mit. Nach der Fusion wird der Fonds rund 125 Milliarden australische Dollar an Assets under ­Management verwalten. Vic Super bringt mit seinen rund 250.000 Mitgliedern davon rund 24 Milliarden ein. Durch die Fusion sollen Beitragszahler unter anderem durch Skaleneffekte von höheren Renten profitieren, einen breiteren Zugang zu Investments bekommen und eine bessere Diversifikation soll für sie erreicht werden. „Durch das Erzielen von Skaleneffekten können wir Kosten ­reduzieren und unseren Mitgliedern ein breiteres Angebot an ­Investmentmöglichkeiten bieten“, heißt es in der Mitteilung.

Doch die Corona-Krise könnte diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung machen, denn die australische Regierung hat die Pensionsfonds angewiesen, Arbeitnehmern, die von den Auswirkungen des Corona-Virus durch Arbeitslosigkeit oder mangelnde Aufträge direkt betroffen sind, einen Teil ihrer erworbenen Rentenansprüche wieder auszuzahlen. Betroffene können sich auf Antrag insgesamt 20.000 australische Dollar als Soforthilfe auszahlen lassen, 10.000 davon müssen bis zum 1. Juli 2020 beantragt werden, weitere 10.000 bis zum 24. September.

Corona-Hilfen von den Fonds

Für die Pensionsfonds könnte das ein Milliarden-Minus bedeuten. So rechnet der Australian Super, der größte australische Pensionsfonds, mit Bargeldabhebungen von rund vier Milliarden australische Dollar (umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro). Sein Chief Investment Officer, Mark Delaney, versicherte jedoch im Gespräch mit der Financial Times, man habe „Liquidität im Übermaß“ um mit der Situation umzugehen und Mitgliedern schnellen Zugang zu ihren Pensionsansprüchen zu gewähren. Delaney sagte, der geplante internationale Einkaufsbummel für Finanzanlagen, bei dem der Fonds sich allmählich von Australien abwenden werde, werde aufgrund der Krise auf Eis gelegt. Denn die australischen Pensionsfonds investieren einen großen Teil ihrer Assets traditionellerweise in heimischen Märkten. Der Association of Superannuation Funds of Australia (ASFA) zufolge sind australische Pensionsfonds im Schnitt zu 50 Prozent in Aktien investiert. Die Organisation ­schätzte Anfang Mai die Auszahlungen im Rahmen der Corona-­Soforthilfe an über eine Million Bürger auf etwa 9,4 Milliarden ­australische Dollar. Obwohl die australische Zentralbank bereits warnte, einige Pensionsfonds könnten um 25 Prozent schrumpfen, sah sie keine Notwendigkeit für Liquiditätshilfen an den Sektor.

Zuviel Infrastruktur?

Delaney sagte außerdem in dem Interview im April man habe keine Sorge, dass die Branche in ernsthafte Liquiditätsnöte geriete, aber: „Das größte Risiko für Pensionsfonds ist nicht, dass sie die Auszahlungen nicht leisten können, denn sie haben noch 50 ­Prozent gelistete Assets in ihren Portfolien“, aber nachdem sie ihre Aktienanlagen verkauft hätten, könnten sie ein starkes Übergewicht in illiquiden Anlagen wie Infrastruktur haben. Zwei Kandidaten­ sind die Fonds Hostplus und Rest, die hauptsächlich Mitglieder in den von Corona am stärksten betroffenen Branchen wie Einzelhandel, Gastgewerbe und Tourismus haben. Hostplus hat mehr als ein Drittel seiner Anlagegelder in Private Assets wie Immobilien oder Infrastruktur. In Medienberichten hat Hostplus jedoch bestritten, Liquiditätsprobleme zu haben. Über das Für und Wider von illiquiden Asset-Klassen ist daraufhin ein öffentlicher Streit entbrannt. So forderte Jane Hume, Assistant Minister for ­Superannuation, die Pensionsfonds sollten weniger in ungelistete Anlageformen investieren, während Delaney betonte, die ungelisteten Assets offerierten mit die besten Anlagechancen aufgrund der für die mangelnde Liquidität vereinnahmten Illiquiditäts­prämien. ­Delaney habe mit einem wirtschaftlichen Slowdown schon früh ­gerechnet und erklärte, man habe sich von einigen ­ungelisteten ­Assets wie Infrastruktur und Immobilien frühzeitig getrennt und – was noch wichtiger gewesen sei – man habe das High-Yield-Anleiheportfolio zum großen Teil abgewickelt. ­Delauney fügte hinzu, dass der Fonds bereits eine Rolle bei der ­Stabilisierung des australischen Unternehmenssektors spiele, indem er im März mehr als 300 Millionen australische Dollar in die Kapitalbeschaffung ­börsennotierter Unternehmen investiert habe.

Um welche Investments es bei Unlisted Assets geht, zeigt ein Schlüsselinvestment im Jahr 2019: Die Finanzierung einer prestigeträchtigen Projektentwicklung über 405 Millionen australische Dollar für die Entwicklung von One Crown Place, eines gemischtgenutzten Hochhauses im Osten von London mit 246 luxuriösen Wohneinheiten, Büros, Einzelhandel und Hotel. „Diese Investition ist Teil unseres Real-Asset-Alternative-Debt-Portfolios, das bisher Darlehen in Höhe von 1,4 Milliarden australischen Dollar zur ­Finanzierung von Immobilien und Infrastruktur in Vermögenswerten in Großbritannien und Nordamerika ausgereicht hat“, heißt es im Geschäftsbericht. Zugleich investiert der Australian Super in heimische Infrastruktur. Im September 2018 wurde der Fonds Teileigentümer der kürzlich eröffneten Autobahn West Connex im Raum Sydney und tätigte damit laut Geschäftsbericht 2019 eine seiner größten Einzelinvestitionen. Ein großer Teil des 33 Kilometer langen Straßennetzes befindet sich in unterirdischen Autobahntunneln, wobei das Projekt auch neue Erholungsflächen für lokale Gemeinden bereitstellen soll. Die gesamten Infrastrukturinvestments des Fonds beliefen sich zum Juni 2019 auf 16,5 Milliarden australische Dollar. Der Australian Super investiert auch in ­Venture Capital und ist an IPOs beteiligt. So war der Fonds im Juni 2019 an einem der größten IPOs der Australian Securities Exchange (ASX), der Online-Kreditplattform Prospa, beteiligt. Was die Performance angeht, so muss sich der Australian Super bis dato keine Sorgen machen. Die Balanced Option erzielte zum Stichtag 30 Juni 2019 eine Performance von 8,7 Prozent. Über 15 Jahre betrug der ­Vermögenszuwachs 8,3 Prozent und für die vergangenen drei ­Jahre sogar 10,7 Prozent.

Aufsicht macht Druck

Wenn es auch die große Dickschiffe nicht so hart treffen mag: Für einige der australischen Pensionsfonds wird es eng. So drängt die Regierung nun darauf, dass leistungsschwache Fonds verstärkt Käufer finden sollten. So äußerte sich die Aufsichtsbehörde APRA Ende Mai in einer Pressemitteilung. „Für einige mag der einzige Weg nach vorn […] darin bestehen, aus der Branche auszusteigen und die treuhänderische Verwaltung ihrer Gelder an andere weiterzugeben, die für diese Aufgabe besser gerüstet sind“, heißt es dort. Auch haben einige Pensionsfonds Schwierigkeiten gehabt, die ­beantragten Corona-Auszahlungen innerhalb von fünf Werktagen auszuzahlen. 94 Prozent der Fonds seien dem nachgekommen, zehn Fonds hätten die beantragten Gelder aber nur zu 50 Prozent ausgezahlt. Zugleich teilte die APRA mit, dass die Zahl der ­Pensionsfonds sich in den vergangenen sieben Jahren von 279 auf 185 ­reduziert habe. Dies sei aber immer noch eine große Zahl und ­lasse darauf schließen, dass die Branche nicht mit maximaler ­Effizienz arbeite. „Der APRA übt weiterhin Druck auf die Treuhänder schlecht abschneidender Fonds aus, sich zusammenzuschließen­ oder aus der Branche auszusteigen, es sei denn, sie sind in der ­Lage, ihr Spiel wesentlich zu verbessern“, hieß es in der Mitteilung. Um stärker Druck zu machen auf die Performanceleistungen der Pensionsfonds intensiviere die Aufsicht ihre Tätigkeit und ­veröffentlicht eine Heatmap, in der Fonds verglichen werden.

Die australischen Pensionsfonds stehen also zunehmend unter ­Fusionsdruck und Regulierungsknute. Die Corona-Krise tut ihr ­übriges dazu. Bleibt abzuwarten, wie sie das Anlageverhalten der ­Australier weiter beeinflussen wird. Gesetzliche Regelungen durch das Obligatorium und den sich steigernden Beitragssatz auf zwölf Prozent des Gehalts werden ihr übriges tun, damit das australische Pensionssystem eines der größten der Welt bleibt.

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