Schwarzer Schwan
19. November 2021

Ohne Vola keine Cola

Entgegen der landläufigen Meinung gibt es an den Aktienmärkten auch Tage ohne nervenaufreibende Vola. In dieser Woche kam es obendrein zu einem ganz besonderen Handelsschluss.

Schlaue Köpfe werden nicht müde, immer neue Konzepte zu entwickeln, mit denen Anleger die ganz alltäglichen Kursschwankungen, vulgo „Vola“, bändigen können. Manche verdienen also Geld damit, dass Volaphobiker besser schlafen können.

Doch wem nutzt es, wenn Kurse nicht schwanken – mal abgesehen vom Nervenkostüm? „Volatilitätsoptimierte Strategien sind nichts für langfristige Anleger“, stellte die Fondsgesellschaft Flossbach von Storch schon vor einigen Jahren fest. Denn „am Ende steht der Anleger mit leeren Händen da, denn von niedriger ‚Vola‘ kann man sich nun mal nichts kaufen“. Das Bonmot von Philipp Vorndran, Anlagestratege der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch: „Ohne Vola keine Cola!“

Ein Tag mit Seltenheitswert

Am Montag dieser Woche gab es an den US-amerikanischen Aktienbörsen einen mysteriösen Handelstag, der für volaphobische Anleger wie gemacht war und der die Nerven der Risikomanager geschont hat: Nach einem eher lustlosen Handel schlossen sowohl der Dow-Jones-Index, der S&P 500 und die Nasdaq unverändert. Das kommt nur sehr selten vor.

Nada, niente, nix

Dass sich bei allen drei großen US-Indizes bis zur ersten Nachkommastelle gleichzeitig nichts tut, hat es laut der „Süddeutschen Zeitung“ seit der Jahrtausendwende an gerade einmal 14 Tagen gegeben. Noch viel seltener kommt es jedoch vor, dass sich die Börsenindizes auch in Punkten gerechnet nicht verändern. So schloss der Dow Jones laut der „Süddeutschen“ zum Beispiel am 12. November 2019 bei genau 27.691,4854488934 Punkten – und damit exakt auf dem Schlussstand des vorherigen Tages. Damit war an diesen Tagen – zumindest für Index-Investoren – die Vola so hoch wie bei Private Assets, nämlich bei null.

Der Mythos des Maklers

Die für Indexfonds zuständigen Börsenmakler sind nun wohl von Zweifeln an der Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz geplagt. Hätte unser Schriftstellerkollege Albert Camus diese Handelstage erlebt, wäre er wohl zu einem Essay über den Mythos des Maklers inspiriert worden.

Frei nach Wikipedia: Für Camus befindet sich der Makler in einer absurden Situation. Das Absurde besteht in dem Spannungsverhältnis zwischen der Sinnwidrigkeit der Welt einerseits und der Sehnsucht des Maklers nach einem Sinn beziehungsweise sinnvollem Handeln (Anders als Philosophen haben Makler allerdings ein klares Weltbild zu sinnvollem Handeln.)

Doch in der Absurdität liegt die Hoffnung: In der Revolte gegen das Absurde, als Reaktion auf das Annehmen der Absurdität, kann sich der „absurde Makler“ selbst verwirklichen und zur Freiheit finden. Darin gleicht der Makler nach Camus’ Interpretation der mythologischen Figur des Sisyphos, dessen Tun gerade in seiner äußersten und beharrlichen Sinnlosigkeit als Selbstverwirklichung erscheint.

Vola-Strategien

Zurück von der Philosophie zur Statistik: Dass sich die dreifache, prozentuale Nullnummer in den USA schnell wiederholen dürfte, ist eher unwahrscheinlich. Sehr wahrscheinlich ist allerdings, dass einzelne Unternehmen mit ihren Aktien die Anleger auch künftig um den Schlaf bringen. Allen voran vermutlich Tesla-Chef und -Großaktionär Elon Musk, der bevorzugt mit Tweets die Kurse bewegt.

Während also langfristige Anleger um volatilitätsoptimierte Strategien einen großen Bogen machen sollten, sollten volaphobische Anleger einen großen Bogen um Tesla machen.

In diesem Sinne wünschen Ihnen Albert Camus und die Redaktion von portfolio institutionell ein erholsames Wochenende.

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