Schwarzer Schwan
20. März 2020

Papiertiger

Der neue Goldstandard

In dramatischen Zeiten wie diesen ändern sich Gewissheiten und vieles ist in Bewegung. Boris Johnson gibt plötzlich nicht mehr den Clown, sondern mimt einen verantwortungsvollen und ernsthaften Staatsmann, im Supermarkt ist Frau Pisczek von Kasse zwei plötzlich systemrelevant, China geriert sich trotz Wuhan als Retter der Welt, Prostituierte werden zu Webcam Girls umgeschult und Donald Trump erzählt nicht mehr, dass sein hervorragendes Team diesen chinesischen Virus aus Kontinentaleuropa unter Kontrolle habe, sondern ruft den Notstand aus (was natürlich sofort zu steigenden Aktienkursen geführt habe).

„Tempora mutantur, nos et mutamur in illis“, lehrte der römische Philosoph Ovid. Ob er vor 2000 Jahren aber auch daran dachte, dass Klopapier zum neuen Gold mutiert? Während Wertpapiere auf ihren Papierwert schrumpfen, steigt Klopapier in diesen Tagen deutlich über seinen intrinsischen Wert. Verantwortungsvolle Konsumenten sorgen für den Ernstfall vor und horten Klopapier, dafür stehen Verzweifelte vor leergefegten Regalen. Goldbarren sind eben auch bei der Körperpflege etwas unhandlich. Wenn Kasinos noch offen wären, würden die Spieler wohl nicht mehr Jetons, sondern Klopapier-Rollen nutzen oder mit ganzen Packungen all-in gehen. Vermutlich kauft LVMH nun Zewa, um diese Marke neben Christian Dior und Bulgari zu positionieren.

Panikkäufe!

Global kommt es zu Panikkäufen. „Toilet Paper has become the ultimate symbol of the panic buying”, berichtet CNN aus den USA. Hersteller hätten ihre Kapazitäten hochgefahren und würden nun rund um die Uhr arbeiten – und sorgen sich um die Lieferketten. Was, wenn die erhöhte Nachfrage auf steigende Krankheitsfälle im Personal trifft? Den Herstellern ist das Klopapier-Hamstern auch mittelfristig nicht geheuer. „Wir haben alle die Bilder von Leuten gesehen, die ihre Einkaufswagen voll mit Klopapier geladen haben. Sie werden wahrscheinlich in den nächsten drei bis vier Monaten nichts mehr kaufen“, befürchtet Rob Baron, CEO von Marcal Paper und damit Produktverantwortlicher des nun berühmten Luxusgut Marcal Toilet Paper. „Es wird zu einem Nachfrageschock kommen, der auch wieder das System belasten wird.“

Konsumenten von der Rolle

Auch Tom Sellars, CEO von Sellars Absorbent Materials in Milwaukee, Wisconsin, warnt, dass sich verändernde Nachfragen zu einer dramatischen Situation in den Lieferketten führen können. Wenig zuversichtlich stimmt ebenfalls, dass Sellars für den Nachfrageschub auch keine Erklärung hat. „Wenn Sie mich fragen, warum jeder nach Toilettenpapier greift, kann ich es nicht erklären. Es ist ja nicht so, dass wir plötzlich mehr davon benutzen“, sagte Sellars zu CNN.

Es droht die Gefahr, dass dieser Sektor auf Grund von Überkapazitäten in Schwierigkeiten kommt und ebenfalls unbedingt gerettet werden muss – und zwar „whatever it takes“! Vielleicht mit einem Virus, der eine Magen-Darm-Grippe-Epidemie auslöst?

Bleiben Sie gesund, wünscht Ihnen die Redaktion von portfolio institutionell!

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