Pension Management
24. Mai 2013

Perlen in der Pensionslandschaft

Führungsgremien brauchen Frauen. Wer möchte darüber heute im Ernst noch diskutieren? Ein Blick nach Skandinavien, Australien oder Amerika zeigt, dass bei 25 Prozent längst nicht Schluss sein muss. Dafür braucht man auch kein Emma-Abonnent zu sein.

Wie sehr der Blick über den Tellerrand in Kombination mit einer Geschlechterdebatte die Menschen auch in der Pensions- und Asset-Management-Szene bewegen kann, zeigen die Reaktionen auf unsere Rubrik „Weltspiegel“ in der vergangenen Ausgabe von portfolio ­institutionell. Neben der bisher nicht eingelösten Ankündigung, dem Autoren des Artikels „Deutschland, dein Pensionspatriarchat“ ein ­kostenloses Emma-Abonnement einzurichten, erreichte die ­Redaktion ein weiterer, wohl nicht ganz ernst gemeinter Kommentar: „Außerdem stimmt die Behauptung nicht, in Norwegen sei es mit der ­Frauenquote in Wahrheit gar nicht so weit her. Denn in Skandinavien sind alle Männer Frauen.“

Ein ernsthafterer Beitrag erreichte uns ­dagegen Anfang April von Hans Stapelfeldt von der Hamburger ­Pensionsverwaltung: „Den ­Zusatz, dass auch Frau Gharavi einen Mann ‚über sich hat’, möchte ich gerne mit dem Hinweis versehen, dass wir in unserem drei­köpfigen Vorstand, der aus Frau Gharavi, Herrn Ebsen und mir als Vorsitzendem besteht, kollegial agieren.“ Die Information, dass bei der Deutschen Bank im Jahr 2018 25 ­Prozent der Führungskräfte weiblichen Geschlechts sein sollen, ­kommentierte Stapelfeldt wie folgt: „Die 25-prozentige Frauenquote haben wir heute schon erreicht. Mit Frau ­Petruschat als Leiterin Rechnungswesen haben wir eine ­weitere Frau in einer Männerdomäne.“

So viel Resonanz und Debattierfreude muss Anreiz sein, noch ­weiter über den Tellerrand hinauszuschauen, um weitere Perlen in der Pensionslandschaft zu identifizieren – Perlen verstanden als ­Organisationen mit einer ansprechenden Frauenquote oder gar einer Frau an der Spitze. Zum Beispiel Keva aus Finnland: Die Einrichtung verwaltet ­Pensionsgelder in Höhe von knapp 35 Milliarden Euro. Sie stammen von insgesamt 1,3 Millionen Staats- und Kommunal­angestellten sowie von den Beschäftigten der evangelisch-lutherischen Kirche Finnlands. Merja Ailus ist Chief Executive Officer und steht an der Spitze des zehnköpfigen Topmanagements – als einzige Frau.

Keva aus Helsinki erinnert ein wenig an die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) aus Karlsruhe ­– nicht nur bezüglich der zu ­versorgenden Klientel, sondern auch bezogen auf die ­Rendite. Für das Jahr 2012 berichtet der Chief Investment Officer von Keva, Ari Huotari­, über ­eine ­Rendite von 13 Prozent­. Die VBL mit Kapital­anlagechef ­Georg ­Geenen weist für 2012 eine Nettoverzinsung von 9,6 Prozent aus, ­wobei die tatsächliche Performance mindestens ­derjenigen Kevas ­entsprechen dürfte. ­Auffällig ist die recht hohe ­Aktienquote der ­Finnen. Per Ende 2012 ­betrug sie 36,2 Prozent, ­zuzüglich ­eine Private­-Equity-Quote in Höhe von fünf Prozent. Mit ­Aktien ­verdiente Keva über 17 Prozent, mit ­Private Equity rund zehn Prozent. Für 2013 erwartet Huotari übrigens eine geringere Rendite, was er hauptsächlich dem eingeschränktem Potenzial der festverzinslichen Investments zuschreibt. Das sind bei Keva immerhin etwa 17 Milliarden Euro.

Die Stapelfeldt’sche 25-prozentige Mindest-Benchmark für die Partizipation von Frauen in Führungsgremien im Pensionswesen ­erfüllt auch PFA Pension aus Dänemark. Hier besteht die Führungs­etage aus drei Männern und einer Frau. Anne Broeng ist die Nummer zwei nach Chief Executive Officer Henrik Heideby. Sie ist Chief ­Investment ­Officer und als solche für die Investments des Dick­schiffes zuständig, also für immerhin knapp 50 Milliarden Euro. Erst kürzlich warnte der unter Broeng agierende Chefinvestment­stratege Henrik Henriksen zum wiederholten Male und beeindruckt von der Zypern-Krise vor einer erneuten ­Zu­spitzung der ­Gefahr einer unkontrollierten Auflösung der Eurozone – ähnlich, wie das am 9. April George Soros in Frankfurt unter den Augen ehemaliger Funktionseliten wie Ottmar Issing, Rolf ­Breuer und Ernst ­Wel­teke publikums­wirksam zum Ausdruck brachte. Soros’ präferierte ­Lösung ist die ­Einführung von Eurobonds, idealerweise mit Deutschland an Bord. ­Henriksens Lösung sieht ­anders aus: Raus aus Bonds und rein in ­US-Aktien.

Noch ein wenig interessanter ist der Blick auf das nach dem dänischen wohl am professionellsten organisierte Pensionssystem der Welt: dem australischen. Nach dem verwalteten Volumen nur etwa halb so groß wie PFA Pension, dafür aber ebenfalls mit einer Frau an der Spitze der Investmentabteilung ist der Rest Industry Super Fund. Jo Townsend ist seit 2008 Chief Investment Officer und ­bildet mit dem COO und dem CEO das ­leitende ­Triumvirat – eine ähnliche Konstellation wie bei der Hamburger Pensionsverwaltung. Rest ist die Abkürzung für Retail ­Employees ­Superannuation Trust, der 1988 gegründet wurde, aber den Beschäftigten ­aller Branchen offensteht, nicht nur dem ­Einzelhandel. ­Entsprechend viele Mitglieder hat die Pensions­einrichtung: immerhin fast zwei Millionen Menschen, über 60 Prozent davon Frauen. Er ist damit ­einer der größten in Australien. Townsend hält sehr viel von aktivem Portfoliomanagement und von aktiver Über- und Untergewichtung in extremen Marktphasen – also zwei Disziplinen, die längst nicht von ­allen Chefanlegern goutiert werden.

Gemessen am verwalteten Volumen etwa gleich groß wie der Rest Industry Super ist Australiens Vorzeigefonds, wenn es um das ­Thema Frauen in Führungspositionen geht. Sechs der neun Positionen im Topmanagement des Hesta Superannuation Funds besetzen Frauen. Anne-Marie Corboy ist seit 15 Jahren Chief Executive Officer. Sie wird vertreten durch ihren Deputy, Debby Blakey. Noch weiblicher ist das Kontrollgremium besetzt, das Board of Trustees: gleich acht Positionen haben Frauen inne. An der Spitze steht Angela Emslie. Hesta ist der größte Fonds im australischen Gesundheitswesen – mit 115.000 Arbeitgebern und 750.000 Mitgliedern, darunter 80 Prozent Frauen. Eben dieser auffällig hohe weibliche Mitgliederanteil ist auch der Hauptgrund für die matriarchalischen Strukturen von Hesta. 

Zugegeben, die beiden betrachteten Superannuation Funds sind auch für australische Verhältnisse Ausreißer, wenn es um die Beteiligung von Frauen an der Führungsspitze geht. Der Blick über den ­Tellerrand, zumal in die am weitesten entwickelten Pensionssysteme der Welt, zeigt jedoch: Es gibt keinen erkennbaren Grund, gedanklich an einer 25-prozentigen Frauenquote hängen zu bleiben.

So zu sehen auch in den USA, wo der größte Pensionsfonds des Landes, Calpers, der für die öffentlichen Angestellten Kaliforniens vorsorgt, operativ vor allem von Frauen geführt wird: sechs der elf ­Executive-Posten sind weiblich besetzt. Seit 2009 ist eine Frau auch ­Chefin: Anne Stausboll. Calpers hebt auf seiner Website explizit ­hervor, dass Stausboll die erste Frau von acht Chief Executive Officern in der Calpers-Geschichte ist. Möglicherweise ist ihr Vorgänger, ­Federico Buenrostro, der den 195 Milliarden-Euro-Fonds von 2002 bis 2008 steuerte, daran nicht ganz unschuldig. Er erlag offenbar einer ganz im Sinne gängiger Klischees eher Männern nachgesagten ­Geldgier, was ihm erst kürzlich eine Anklage der kalifornischen Staats­anwaltschaft wegen Veruntreuung einbrockte. Es geht um Millionen ­US-Dollar, die im Zuge der Vergabe eines Drei-Milliarden-­Investments an Apollo Global Management LLC in falsche Taschen geflossen­ sein sollen. Der andere kalifornische Pensionsfonds, Calstrs (124 Milliarden­ Euro), der vor exakt 100 Jahren für Lehrerinnen und Lehrer geschaffen ­wurde, zählt im achtköpfigen Topmanagement eine Frauenquote von immerhin 37,5 Prozent.

In unserem Nachbarland Holland, das wir in der vergangenen Ausgabe als „Pensions­matriarchat“ bezeichnet haben, ­beklagt man in diesen ­Wochen einen Trauerfall: John van Markwijk starb am 6. April ­völlig überraschend im Alter von 52 Jahren. Er leitete seit 2010 die ­Kapitalanlage des ­holländischen Metaller-Pensionsfonds PME, der mangels ausreichenden Deckungsgrades gerade erst die seit Monaten befürchteten Rentenkürzungen bekanntgeben ­musste. PME stand in den vergangenen Jahren auch wegen des Vorwurfs überhöhter Gebühren für den Dienstleister MN Services sowie ­wegen zu komplizierter, risikoreicher Investitionspolitik in der öffentlichen Kritik. Einer ­der Weggefährten van Markwijks, PFZW-Chef Peter Borgdorff, entlastet den Verstorbenen posthum von der Verantwortung für die Vorgänge bei PME in seinem monatlich erscheinenden Borg-Blog. Van Markwijk ­habe die Rentenkürzungen als „notwendig, aber schrecklich“ empfunden. An seiner ­Investmentpolitik hätten die Probleme des Fonds nicht gelegen: Er habe 2012 ­immerhin 13 Prozent Rendite erwirtschaftet. Außerdem sei er ein Mann der Einfachheit und Klarheit gewesen, der zu komplizierten und zu teuren ­Investitionen gegenüber abgeneigt gewesen sei. Die ­Redaktion von portfolio ­institutionell wünscht seiner Familie sowie seinen Freunden­ viel Kraft in dieser schweren­ Zeit. Unser herz­liches Beileid.

portfolio institutionell, Ausgabe 5/2013

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