Strategien
7. Juni 2021

Pro portfolio sano

Auch nach Corona wird Healthcare ein attraktives Anlagesegment sein. Darum sind für ­institutionelle Investoren auch Themenfonds interessant. Sinnvoll erscheinen breit gefasste Ansätze. Für den Sektor sprechen Treiber wie die Demographie und die defensiven Qualitäten von Healthcare-Aktien. Letzteres ist auch gut für die Gesundheit von Investoren.

Im portfolio-institutionell-Kernspintomographen machte Patrick Eisele von Gert Beger, Dietrich Grönemeyer, Paul Wessling und Christian Exner erkenntnisreiche Aufnahmen.

Herr Prof. Dr. Grönemeyer, Biontech und Curevac verleihen dem Biotechnologie-Standort Deutschland Glanz. Macht es aber auch für Anleger noch Sinn, in deren ­mRNA-Technologie zu investieren?

Dietrich Grönemeyer: Die Geschichte zeigt, dass die Menschheit immer wieder unter Seuchen litt, bei denen zum Beispiel Erreger von Tieren auf den Menschen übersprangen wie bei der Schweine- oder Vogelgrippe. Durch Impfungen konnten wir aber Infek­tionskrankheiten wie Pocken ausrotten, oder andere wie Polio, Influenza, Lepra, Tuberkulose oder Pneumokokken zumindest eindämmen. In diesen Tagen ist erstmalig ein Malaria-Impfstoff angekündigt. Hier zeigt sich die Bedeutsamkeit von Impfungen, um das individuelle Immunsystem zu fördern.
Bislang produzierten wir Impfstoffe auf klassische Art und Weise. Mit der mRNA-Technologie steht ein neuer Impf-Ansatz zur ­Verfügung, der dafür sorgt, dass direkt und sofort in der Zelle eine eigene Bauanleitung zur Bildung eines viralen Proteins zur Ver­fü­gung steht, gegen die der Körper eine ­eigene Immunantwort mit Antikörpern produziert. Das ist eine zukunftsweisende Technologie und Grundlage im Kampf gegen neuartige Viren und Epidemien. Mit ihr lassen sich auch Tumorerkrankungen – woher dieser Ansatz stammt – und vermutlich künftig auch Parkinson oder Demenz therapieren. Ein bedeutsamer Hoffnungsschimmer.

Aber die Produktion dauert viel zu lang.

Grönemeyer: Ja, das stimmt für die bisherigen Entwicklungen von Impfstoffen. Wenn sich aber weltweit Forschergruppen wie im Moment um ein konkretes Thema ­kooperativ und digital vernetzen, sind neue medizinische Erkenntnisse und Ergebnisse sehr viel schneller für die Menschheit verfügbar, auch schnellere Produktionsmöglichkeiten. Dies ist bedeutsam für die Entwicklung der Medizin der Zukunft. Erstmalig profitieren wir im Corona-Zeitalter von solchen Netzwerk-Innovationen. Welch ein Glück!
Die Möglichkeit, sich über Aktien gezielt an spezifischen medizinischen Unternehmen zu beteiligen, macht großen Sinn, um die Menschheit gesund zu machen oder zu ­halten. Weitergedacht: Sollte das weltweite Corona-Impf-Großexperiment erfolgreich sein, besteht berechtigte Hoffnung, dass künftig Infektionen schneller als bisher verhindert werden könnten.
Dr. Gert Beger: Dieser Bereich hat Zukunft. Auch weil wir bei Corona wie bei der Influenza auf die Mutanten reagieren müssen, wird das Impfen unser Leben weiter bestimmen.

Wie viele Unternehmen beschäftigen sich denn mit mRNA-Technologie?

Christian Exner: Am bekanntesten sind ­sicherlich Biontech, Curevac und Moderna. Aber letztendlich ist sich jedes große Pharmaunternehmen der Bedeutung der mRNA-Impfstoffe und der Vielzahl der ­Anwendungsmöglichkeiten bewusst, was für eine große Hebelwirkung sorgt. Dementsprechend tut sich da sicherlich auch was bei den großen, bekannten Namen.

Wie geht es bei den drei Pionieren weiter?

Exner: Diese erwirtschafteten bislang deutliche Verluste und wurden durch externe Kapitalzuflüsse, wie beispielsweise bei Biontech durch die Brüder Strüngmann, finanziert – nun kommen aber über ­Impfstoffproduktion und -verkauf Umsätze und Erträge, die sehr viel Spielraum für deren künftige Forschung geben. Das sorgt für eine Beschleunigung.

Kommen denn nach den Strüngmanns und Dietmar Hopp Altersvorsorgeeinrichtungen wirklich für die Finanzierung in Frage? ­Wollen diese wirklich ihr Langlebigkeits­problem noch hebeln?

Paul Wessling: Wer länger lebt, stirbt später: Das ist versicherungstechnisch gut für eine Sterbekasse oder Risiko-Lebensversicherung und schlecht für eine Pensionskasse.
Es ist aber auch der Absicherungsauftrag ­einer Pensionskasse, Langlebigkeit zu finanzieren. Das erreicht eine Pensionskasse auch dadurch, indem sie ihre Verbindlichkeiten mit Erträgen refinanziert, die aus der Lang­lebigkeit entstehen. Für eine Pensionskasse ist es ein Benefit, an Forschung und Entwicklung von Medizin zu verdienen. Im Gesundheitsmarkt lassen sich Erträge generieren. Das können Aktien oder Kredite sein.
Beger: Für uns ist es gut, unseren Zahn­ärzten sagen zu können, dass statistisch ­gesehen jedes Jahr die Lebenserwartung ein bisschen steigt, und sie im Normalfall mit längeren Rentenzahlungen rechnen können. Unser Versicherungsmathematiker muss diese Entwicklung bei der Berechnung der Deckungsrückstellung berücksichtigen. Die Versorgungswerke sind in der Lage, diese Verbindlichkeiten zu schultern.
Das Problem liegt im Aufbau der Risikokapitalquote. Wir dürfen nicht übertreiben und zu sehr ins Risiko gehen, sondern müssen die richtige Balance finden. Das ist unab­hängig vom Gesundheitssektor, auch wenn ich dessen starker Fürsprecher bin.

Was heißt das für die Aktienallokation der Versorgungsanstalt?

Beger: Unsere Aktienquote schwankt um die Marke von zehn Prozent. Das ist für uns ein Level, das wir auch gegenüber dem Wirtschaftsprüfer und der Länderaufsicht gut vertreten können. Gerne hätten wir einen ­höheren Aktienanteil in unserem Portfolio, die 35-Prozent-Risikokapitalquote der Anlageverordnung ist jedoch ein Hindernis. Mit unserer Aufsicht, dem Wirtschaftsministerium von Rheinland-Pfalz, bin ich in der Diskussion, ähnlich wie in Nordrhein-Westfalen die Subquoten aufzuheben. Ein Hindernis sind auch die Risikokennziffern bezüglich der ABV-Risikostufen. Wir wollen die Risikostufe 3 im Moment noch wegen des dann ­höheren Reporting-Aufwands vermeiden.
Meinen Fondsmanagern überlasse ich die Entscheidung, in welchen Aktienbereichen wir anlegen. Aber für mich ist klar: Der Trend geht Richtung Gesundheit. Da sind wir derzeit über Fonds der Apobank engagiert. Für die Allokation in sogenannte nachhaltige Fonds im Gesundheitswesen spricht auch, dass die Aufsichten stärker auf Nachhaltigkeit und Beachtung der ESG-Kriterien ­achten und die institutionellen Anleger dazu anhalten, entsprechend zu investieren.

Wie sieht es bei den Pensionskassen aus?

Wessling: Wir haben die gleichen Ziele und die gleichen Probleme mit den Zinsen wie die Versorgungswerke. Pensionskassen sind aber durch die Bafin und die Stresstests ­stärker reguliert und haben für 30, 40 Jahre Garantien ausgesprochen. Stressen müssen wir unsere Aktien derzeit mit 29 Prozent und entsprechend über Eigenkapital beziehungsweise Risikotragfähigkeit verfügen.
Nichtsdestotrotz liegen die Aktienquoten bei Pensionskassen im Schnitt zwischen acht und 15 Prozent. Um Garantien abzubilden, muss man mehr ins Risiko. Für die Versorgungswerke bedeutet dies, dass immer mehr in die Risikostufe 2 und 3 kommen.

Spricht die begrenzte Risikotragfähigkeit mangels passender Futures zur Absicherung nicht gegen Themeninvestments?

Wessling: Ein Future sollte mit dem Underlying mindestens zu 90 Prozent korrelieren. Einen passenden Healthcare-Future gibt es nicht. Ich bin aber überzeugt, dass es einen solchen in der Zukunft geben wird, da dieser Sektor immer wichtiger wird.
Möglicherweise könnte man heute schon OTC-Absicherungen machen. Dies würde ­jedoch zu eigenen Berichtspflichten nach Emir führen, wenn man es direkt umsetzt und nicht im Fonds oder über eine KVG.
Exner: Was wir hedgen ist selektiv unser US-Dollar-Exposure, da dieses im Portfolio bei über 50 Prozent liegt. Dies ist ein typisches Bild, da aufgrund besseren Kapitalzugangs viele Gesundheitsunternehmen an US-­Börsen listen – wie zum Beispiel Biontech.
Aber Gesundheit ist ein langfristiger Wachstumsmarkt und wir sind der Überzeugung, dass die `Time in the Market´ relevanter als `Timing the Market´ ist. Mit einem ausgewo­genen Portfolio kann man somit dauerhaft ohne großes Hedging investiert bleiben.
Für das Thema Gesundheit sprechen strukturelle Wachstumstrends, die für kontinuierliches Marktwachstum sorgen. Das sind die Digitalisierung, die Demographie oder auch die Emerging Markets, wo eine Mittelschicht heranwächst und sich ein Gesundheits­system entwickelt. Deswegen gibt es im ­Medizinsektor Unternehmen, die trotz einer Marktkapitalisierung von 100 Milliarden ­immer noch pro Jahr zweistellig bei Umsatz und Ertrag wachsen.
In einem Crash wie im ersten Quartal 2020 fallen auch Healthcare-Unternehmen. Diese Aktien haben sich aber auch ziemlich schnell erholt. Diese strukturellen Wachstumstrends und die Resilienz von Gesundheit auch in Krisen sind für institutionelle Anleger gute Argumente für ein Themeninvestment – auch bei limitierter Risikotragfähigkeit.

Risiko wird in der Volatilität gesehen. Wäre darum nicht Private Equity passenderer? Auch ­wegen des größeren Impacts?

Beger: Im Gesundheitswesen haben Start-ups für viele Innovationen gesorgt. Versorgungswerke investieren ebenfalls in Private Equity. Unsere Beteiligung an E-Capital ­erzielt gute Ergebnisse. Wenn man über ­Private Equity eine Beteiligung hält, fühlt man sich als Anleger einem Unternehmen auch mehr verbunden und ist an seiner positiven Entwicklung interessiert.

Herr Grönemeyer, Ihr Tun als Investor hat seine Keimzelle auch in Private Equity.

Grönemeyer: Mein erstes Investment war in mein selbst finanziertes Institut und eigene medizinische Innovationen. In den 80er-­Jahren habe ich als Radiologe Bilder beurteilt, aber noch nicht im Computer- oder Kernspintomographen mikrotherapeutisch Bandscheiben oder Tumore behandelt.
Um die radiologische Bildgebung im ­eigenen ­Institut zu vernetzen und radiologische ­Bilder der unterschiedlichen Systeme auf ­einem Computer und später Laptop zu ­befunden und telemedizinisch mit Zuweisern zu teilen, habe ich dann bereits 1990 die Visus-GmbH gegründet. Die Visus ist mittlerweile weltweit teleradiologisch unterwegs sowohl in ambulanten Praxen als auch Krankenhäusern. Mit der Visus als Telemedizin-Company gründete ich mein erstes Start-up. Andere folgten bis heute: zum Beispiel ­Instrumente, Wiederaufbereitung, Apps, ­Robotik, Pflanzenheilkunde, und so weiter.
Damals war das extrem ungewöhnlich, eine Start-up-Szene war unbekannt. Seit dieser Zeit suche ich mit meinem Sohn Till Grönemeyer immer wieder im Markt nach dem, was bei uns nicht vorhanden, aber zukunftsweisend in der Medizin ist: Alles was der ­Gesundheit gut tut ist unser Motto.
Aktuell ist die Grönemeyer Gruppe an zwölf nicht börsennotierten Unternehmen beteiligt. Die erzielten Kapitalerträge halfen auch bei der Refinanzierung und Weiterentwicklung des Grönemeyer-Instituts in Bochum und damit bei der Schaffung von vielen ­hundert neuen Arbeitsplätzen in eigenen Strukturen und im Ruhrgebiet.
Der Erfolg dieser Investments führte in 2020 zur Auflegung des Grönemeyer Gesundheitsfonds Nachhaltig. Christian Exner und Steffen Blaudszun von Eichkatz Asset Managers haben mit meinem Sohn zusammen drei Jahre an der Konzeption und Auflage dieses Fonds gearbeitet. Der Fonds ist als 360-Grad-Rundumblick in die Medizin konzipiert: Von Diabetes bis Schlaganfall, von Hightech-Medizin bis Lifestyle und Ernährung, von Robotik und Navigation bis Digital Health. Das medizinische und das unternehmerische Wissen von Till und mir fließen nun auch in den Gesundheitsfonds ein.

Es ist aber ein großer Unterschied, ob man sich in Form von Private Equity auf zehn Unternehmen konzentriert und auf diese einen gewissen Einfluss hat, oder ob man Minderheitsaktionär bei 50, 60 Unternehmen ist?

Grönemeyer: Das ist richtig. Aber deswegen nutzen wir für den Fonds auch die Expertise von Eichkatz und des Beirats. Wir fühlen uns gut aufgestellt.
Aus Sicht eines Forschers und Entwicklers kann ich hinzufügen, dass bei Private Equity immer dann, wenn es in die innovative ­Forschung geht, die Ressourcen entweder beschränkt oder nicht mehr vorhanden sind. Gerade bei direkten Investments ist das ziemlich risikoreich. Im Aktienumfeld ist man dagegen mit gestandenen ­Unternehmen unterwegs, denen die Forschungsprozesse vertraut sind. Insbesondere darum schätze ich Aktien als Asset-Klasse sehr.
Gelistete Unternehmen tragen auch mehr zur weltweiten Distribution von guten Produkten bei. Private Firmen haben in der Regel diese Kompetenz und Kapazitäten nicht.
Wessling: Für Private Equity muss ein Investor einen ganz anderen Monitoring-Prozess als für Aktien aufbauen. Ob nun direkt oder per Fonds: Bei Private Equity muss ich mich permanent mit der Gesellschaft auseinandersetzen und damit, dass der General ­Partner mir auch die nötigen Informationen für das Controlling gibt und um meine ­Berichtspflichten gegenüber der Bafin zu ­erfüllen. Eine Aktie ist dank ihrer Regulierung einfacher zu handhaben. Außerdem ist sie liquide. Aktien haben als Asset-Klasse für institutionelle Investoren einige Vorteile.
Exner: Wie in wohl jedem Sektor mag es im privaten Bereich mehr Unternehmen geben. Die Börse hat aber einen großen Vorteil: ­Gelistete Unternehmen sind hochreguliert, haben extrem hohe Veröffentlichungspflichten. Diese Transparenz ist sehr nützlich.

Könnte man auch über Kredite investieren?

Exner: Gerade im börsennotierten Segment ist es sehr schwierig, interessante Anleihen mit ausreichendem Zins zu finden. Interessanter, auch bezüglich von Innovationen, ist die Eigenkapitalseite.

Für die Aktie spricht bei Healthcare auch ­deren Langfristigkeit. Scope zählt 61 Sektorfonds. Dabei handelt es sich um Generalisten und Spezialisten für zum Beispiel ­Biotechnologie oder Digitalisierung. Können Generalisten überhaupt das Spezialwissen für die vielen Segmente aufbringen?

Grönemeyer: Für mich zählt die Perspektive der Patienten. Wenn ich ausgehend von der radiologischen Bildgebung den Rücken behandeln will, brauche ich Computertomographie-Geräte, Laser, Katheter, Sonden, diverse Medikamente sowohl aus der klassischen Medizin als auch aus der Naturheilkunde, entsprechende Räumlichkeiten, Desinfek­tionsmittel und Telemedizin. Ergänzungen können Wellnessbehandlungen oder auch Entwicklungen wie psychosomatische Apps sein. Kurz: Es braucht den 360-Grad-Blick!

Für den Manager liegt die Latte damit hoch.

Exner: Es wäre vermessen, all diese Seg­mente alleine zu managen. Es braucht eine breite Aufstellung mit Spezialisten, die für das Fondsmanagement die einzelnen ­Geschäftsmodelle verstehen, analysieren und bewerten. Es braucht auch tief­gehendes medizinisches Verständnis. Hinter Herrn Dr. Grönemeyer stehen ein großes Team und ein großes Netzwerk. Der Mehrwert entsteht in der Zusammenbringung all dieser Kapazitäten. Je mehr wir kommunizieren und uns austauschen, desto größer der Mehrwert. Für den 360-Grad-Blick spricht auch, dass es für die Bewertung beispielsweise eines Diabetes-Unternehmens Expertise für die Insulinmedikamente der Pharmaindustrie, für Geräte zur Überwachung des Insulinspiegels, für Insulinpumpen, für Lebensberatung und ­Ernährung braucht. Dieser Rundumblick nutzt bei fast jeder Krankheit. Der Medizinmarkt besteht glücklicherweise aus vielen hochattraktiven Segmenten, die man unterschiedlich gewichten und spielen kann.

Welche Subsegmente sollte man ­kombinieren, um die Vola zu senken?

Exner: Generell steigen Korrelationswerte in Stressphasen. Sehr stabil sind Medizinverbrauchsgüter, Betreiber von Altenpflege­heimen, gesunde Ernährung und natürlich Pharmaunternehmen. Hier finden sich auch sehr dividendenstarke Unternehmen. Hohe Wachstumsraten offeriert die Digitalisierung der Medizin zum Beispiel in den Segmenten Telemedizin oder Kardiologie.
Allerdings entwickeln sich in diesen innovativen Segmenten die Unternehmen nicht im Gleichschritt. Sinnvoll ist es deswegen, ­Unternehmen der stabileren mit denen der innovativeren Segmente in einem Portfolio zu kombinieren. Sinn macht auch, die einzelnen Segmente je nach Marktphase zu ­tarieren. Vor einem Jahr hat es sich beispielsweise bezahlt gemacht, kapitalintensive ­Geschäftsmodelle geringer zu gewichten.
Außerdem haben wir den Anspruch, pro Jahr ordentliche Erträge von zwei bis 2,5 ­Prozent zu erzielen. Dafür braucht es auch dividendenstarke Titel.
Beger: Als institutioneller Anleger muss ich meine Risiken im Griff behalten und deshalb möglichst breit investieren.

Einer ihrer Apobank-Fonds beschäftigt sich aber nur mit Digital Health, Herr Beger.

Beger: Hier ist die Diversifikation durch das Investieren in mehrere Unternehmen gewährleistet. Krankenhaus-IT, Robotik, künstliche Intelligenz, Telemedizin sind unterschiedliche Segmente. Gerade wegen seiner Konzentration auf innovative Produkte hat er bisher einen erfreulichen Beitrag geliefert.

Wo kommt die Rendite her? Top-down über die Sektorenwahl oder Bottom-up über das Stock-picking?

Exner: Beides. Top-down bestimmen wir mit unserem 360-Grad-Blick die Wachstumsmärkte der Medizin und legen so unser Universum fest, also die für uns interessanten Unternehmen. Bottom-up erfolgt dann die Einzeltitelwahl anhand von Innovationskraft, Differenzierung zum Wettbewerb, Managementstärke, Kapitaleinsatz und so weiter.
Beger: Ein grundsätzlicher Gedanke: Bei Healthcare zählen nicht nur die Asset-Klasse und die Portfoliostrukturierung. Sehr relevant ist auch ein regionaler Blick. Healthcare ist zur Zeit noch sehr US-lastig. Die Vermutung liegt nahe, dass der asiatische Markt und hier besonders China zunehmend eine dominierende Rolle spielen.
Grafik: Niedrigere Vola, (meist) mehr PerformanceExner: Das kann ich ganz klar bejahen. ­Gesundheitsunternehmen bilden auch die Entwicklung in Asien ab. Diabetes hatte vor 20 Jahren in China ein Prozent der Bevölkerung, heute sind es zwölf Prozent. Der Anteil dieser Länder, insbesondere der von China, wird auch im MSCI deutlich zunehmen. ­Unsere Asien-Gewichtung liegt bei etwa 20 Prozent und diese Unternehmen wachsen sehr dynamisch. In China haben wir uns auch schon diverse Unternehmen angeschaut, allerdings noch nicht investiert.

Warum nicht?

Exner: Es bestehen Mängel bei Informations­tiefe, Corporate Governance und der Nachhaltigkeitsberichterstattung.
Beger: Herr Exner, bei chinesischen Unternehmen haben Sie einen hohen Anspruch zu erfüllen: den Spagat hinzubekommen, in einem die Menschenrechte missachtenden System zu investieren und andererseits der ethischen Komponente des Fonds, dass der Mensch im Mittelpunkt steht, gerecht zu werden. Das ist schwierig. Wir wollen uns aber nicht nachsagen lassen, nur aus wirtschaftlichen Interessen investiert zu haben.

Gibt es denn genug Unternehmens­berichte zu sozialen Aspekten? Oder dominieren bei ESG die Buchstaben E und G?

Exner: Soziales war auch bei den Agenturen immer ein wenig nachrangig, aber dieser Aspekt kommt immer mehr. Dadurch, dass die Regulierung zu Nachhaltigkeit verpflichtet, haben auch die Agenturen das Budget, ihre Research-Kapazitäten weiter auszubauen. Da tut sich gerade bezüglich Ethik sehr viel.
Allerdings werden nicht alle Unternehmen von den Agenturen abgedeckt, weshalb wir auch immer in die Eigenanalyse gehen ­müssen. Dabei orientieren wir uns an dem Kriterienkatalog unseres Partners ISS, um homogen mit deren Vorgehensweise zu sein. Zum Glück werden aber die Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen immer umfassender. In den vergangenen drei, vier Jahren kam es zu deutlichen Verbesserungen.

Wie bildet man diese Gemengelage in der Offenlegungsverordnung ab?

Wessling: Das weiß ich noch nicht, diese Verordnung ist auch erst seit kurzem in Kraft. Noch hat die Aufsicht hierauf keinen Fokus, zum Jahresende hin ist eventuell mit einer weiteren Auslegungsentscheidung zu rechnen. Sicherlich wird man darauf achten, ob das Vehikel unter Artikel 6, 8 oder 9 fällt, also als nicht-nachhaltig, hellgrün bezieh­ungsweise dunkelgrün eingestuft wird. Pensionskassen werden aber aus meiner Sicht nicht nur dann investieren, wenn eine hell- oder dunkelgrüne Einstufung vorliegt.
Pensionskassen mit mehr als 500 Mitarbeitern müssen offenlegen, wie sie Nachhaltigkeit beachten. Eine kleine Einrichtung wie die Müllerei-Pensionskasse muss zumindest offenlegen, warum man Nachhaltigkeit nicht vordergründig beachtet oder beachten kann. Das ist die Option von Artikel 4. Ich bin ­gespannt, wie die Pensionskassen handeln, denn Pensionskassen müssen sich „öffentlich“ zur Nachhaltigkeit äußern ob „Ja“ oder „Warum nicht“ (Comply oder Explain) und es provoziert Ordnungsstrafen nach Paragraf 332 VAG bei Unterlassung.

Schlussendlich müssen die Garantien erfüllt werden. Dabei ist mir die Rendite einer ­grünen Anleihe derzeit keine Hilfe.

Beger: Unser Anforderungsprofil ist glücklicherweise – zumindest noch – auf einem überschaubaren Niveau. Wir reporten der Aufsicht eben jedes Quartal die Bestände ­gemäß der Anlageverordnung. Langfristig sehe ich den Wirtschaftsprüfer in der Pflicht, in seinem Bericht Angaben zur Investition in Nachhaltigkeit zu machen.
Wessling: Pensionskassen müssen auch im Geschäftsbericht erklären, wie man zu Nachhaltigkeit steht und wie diese Investments beeinflusst. Der Wirtschaftsprüfer muss den Prozess zur Nachhaltigkeit mit Sicherheit ab dem Jahr 2023 prüfen, ähnlich wie er heute ein internes Kontrollsystem oder das Risikomanagement prüft.
Was bei Pensionskassen noch dazukommt: Seit 2020 müssen wir eine interne Revision aufbauen. Der Revisor muss bezüglich Nachhaltigkeit zumindest prüfen, wie stark diese die Investitionen beeinflusst. Das alles ­müssen wir auf der Homepage publizieren.

Was spricht gegen Healthcare-Investments? Dass die wachsenden Schulden die Finanzierung des Gesundheitssystems erschweren?

Beger: Altersvorsorge und Gesundheit ­werden den Bürger immer mehr kosten. Die Beiträge steigen und für die Finanzierung der Gesundheitsvorsorge wird der Staat seinen Bürgern noch zusätzlich ins Portemonnaie greifen müssen. Grundsätzlich dürften die Menschen aber eher bereit sein, Geld für Gesundheit als für Konsum auszugeben.
Für mich hat Healthcare eine große Zukunft. Auch weil es immer wieder zu neuen Innovationen kommt.
Grönemeyer: Vorsorgeuntersuchungen oder Zahnarztbesuche haben früher die Krankenkassen bezahlt. Heute leisten die Patienten einen Beitrag. Die Menschen sind auch ­bereit, immer mehr für Lifestyle wie Ernährung oder Training auszugeben. Dies, und auch neue Technologien für Vorsorgeuntersuchungen und Abrechnungen werden die Gesundheitssysteme wiederum entlasten.

Automobilunternehmen gucken immer auf Alphabet und Amazon. Könnten diese ­Digitalisierungskoryphäen, die zudem den Konsumenten genau kennen, nicht auch den Medizinmarkt aufrollen?

Grönemeyer: Die Innovationskraft liegt bei mittelgroßen Unternehmen, die differenzierte Angebote entwickeln.
Exner: Wettbewerb belebt das Geschäft. Eine Anekdote: Amazon hat Whole Foods Market, einen Spezialisten für gesunde Ernährung, gekauft. Das war das Signal für jede Supermarktkette in den USA, nun auch gesunde Lebensmittel ins Regal zu nehmen. Wenn Amazon Krankenversicherungen an Amerikaner verkauft, die vorher keine hatten, dann ist das auch gut. Wenn Amazon sich mit ­Telemedizin beschäftigt, dann ist das ein Ansporn für Teladoc und andere Unternehmen.

Interessanterweise kamen ja auch jüngst wichtige Innovationen nicht aus den USA, sondern aus Mainz und Tübingen.

Grönemeyer: Genau. Deutschland ist prinzipiell stark in Innovationen, MP3 Player, ­Kopierer, Endoskopie oder Ballonkatheter kommen von hier. Doch haperte es in der Vergangenheit meist an der Finanzierung von Innovationen, Start-ups oder Mittelstand. Das habe ich am eigenen Leib schmerzlich erfahren müssen.
Zum Glück ändert sich das gerade. Investoren wie Andreas und Thomas Strüngmann (Biontech) oder Dietmar Hopp (Curevac) ­zeigen erfolgreich, wie es sein müsste. ­Dadurch entstehen wichtige Gegenbewegungen zur USA oder China, ebenso wie in den anderen europäischen Ländern wie zum Beispiel Frankreich oder der Schweiz. Hier sind starke Versand/Online-Apotheken-Konglomerate entstanden wie Doc Morris bezieh­ungsweise die Zur Rose Gruppe.

Schätzen Ihre Medizinerkollegen Unter­nehmen wie Doc Morris oder Teladoc? Und haben Versorgungswerke für Ärzte und ­Apotheker hier nicht Risiken und Nebenwirkungen in Form von erbosten Mitgliedern?

Beger: Diese Unternehmen haben sich etabliert und sind Teil des Gesundheitsmarktes geworden. Auf dem Land gibt es immer ­weniger Hausärzte. Der überalterten Bevölkerung fallen Arztbesuche schwer. Die ­Apotheken nehmen die Herausforderungen durch das Anbieten alternativer Produkte an und optimieren ihre wirtschaftlichen Kompo­nenten. Richtig ist, dass unser traditionelles Verständnis vom Arzt-Patienten-Verhältnis eine starke Veränderung erfährt.
Grönemeyer: Deutschland nimmt eine internationale Entwicklung, die die Pandemie ­beschleunigt. Neue Ansätze sind notwendig.

Aktive Sektorfonds sind recht teuer. Der ­I-Shares MSCI World Health Care Sector ETF kostet dagegen nur 25 Basispunkte.

Wessling: Die Kosten des Grönemeyer Gesundheitsfonds sind für einen aktiven Fonds marktgerecht. Außerdem ist der Fonds jung. Das heißt, dass wir mit Sicherheit noch an Skaleneffekten partizipieren werden.

Ein solcher ETF bildet auch keine jungen Unternehmen ab. Aber wie analysiert man Firmen bei denen Umsatz gleich Verlust ist?

Exner: Unsere Analyse muss ergeben, dass in absehbarer Zeit durch Skalierungsvorteile die Profitabilität erreicht wird. Man kann mit Analogien arbeiten.
Grundsätzlich hilft uns hier die Kombination aus medizinischem und betriebswirtschaftlichem Wissen. Professor und Sohn Grönemeyer kennen den Medizinmarkt und ­können Geschäftsmodelle beurteilen.

Herr Grönemeyer, wie sieht man denn als Mediziner auf die Finanzbranche?

Grönemeyer: In beiden Branchen kommt es ständig zu interessanten Neuentwicklungen, welche aber nicht selten überbewertet ­werden. Das Verständnis und Wissen sowohl für medizinische und auch parallel für die ökonomischen Zusammenhänge helfen, Fehleinschätzungen zu vermeiden bezieh­ungsweise zu revidieren. Das Zusammenwirken beider Branchen ist wesentlich für die Zukunft der Medizin!

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