Investoren
19. Juli 2022

Rasanter Zinsanstieg sorgt für kuriose Entwicklung

Aufgrund der steigenden Zinsen sinken in den Unternehmen die Barwerte der Pensionsverpflichtungen. Bei Firmen mit ausgedehnten Pension Assets sorgt das für eine kuriose Entwicklung.

Die Zinsanhebungen, mit denen die Notenbanken auf die aktuell hohe Inflation reagieren, lassen die börsennotierten Unternehmen im Dax und im M-Dax im Hinblick auf ihre Pensionsverpflichtungen aufatmen. Denn der Rechnungszins, der bei der Berechnung der Pensionsverpflichtungen angesetzt wird, lag laut einer Modellberechnung der Unternehmensberatung WTW (ehemals Willis Towers Watson) am Ende des zweiten Quartals bei 3,42 Prozent.

Das sind satte 222 Basispunkte mehr gegenüber dem Jahresende 2021. Laut WTW gab es in den letzten 20 Jahren noch nie einen Zinsanstieg von mehr als 200 Basispunkten innerhalb von sechs Monaten.

Spiegelbildlich zu den steigenden Rechnungszinsen sinkt der in den Bilanzen anzusetzende Barwert der Pensionsverpflichtungen. Aktuell beträgt der Barwert bei den insgesamt 40 Dax-Firmen rund 294,5 Milliarden Euro. Da sind rund 28,6 Prozent weniger als zum Jahreswechsel 2021/22. Auch bei den Unternehmensbilanzen der 50 M-Dax-Konzerne sorgt der Zinsschub für spürbare Entlastungen. Hier sanken die Pensionsverpflichtungen laut WTW-Modellrechnung um 28,6 Prozent auf zuletzt rund 57,6 Milliarden Euro.

Pensionsanlagen unter Druck

Gleichzeitig setzen die steigenden Zinsen die Barwerte von Anleihen und praktisch alle anderen Anlageklassen unter Druck, weil künftige Cashflows heute weniger Wert sind. Nach Angaben von WTW sind die in den Dax- und M-Dax-Unternehmen angehäuften Pensionsvermögen zuletzt „aufgrund der volatilen Kapitalmärkte“ gesunken.

Die gute Nachricht ist, dass das Minus kleiner ist, als bei den Pensionsverpflichtungen. So schmolz das Pensionsvermögen im Dax um 15,1 Prozent auf rund 253,4 Milliarden Euro ab. Beim Index für die mittelgroßen börsennotierten Firmen in Deutschland gab es einen Rückgang um 15,0 Prozent auf 44,6 Milliarden Euro.

Ausfinanzierungsgrad auf hohem Niveau

Unter dem Strich wirkt sich der Zinsanstieg auf die Unternehmen also eher positiv aus. Abzulesen ist das an der Kennzahl „Ausfinanzierungsgrad“. Sie stellt das vorhandene Pensionsvermögen ins Verhältnis zu den Pensionsverpflichtungen. WTW spricht mit Blick auf den Stand am Ende des zweiten Quartals von „noch nie“ dagewesenen 86,0 Prozent im Dax (+13,7 Prozent) und 77,5 Prozent im M-Dax (+12,4 Prozent).

Anders ausgedrückt sind die Pensionsverpflichtungen (im Durchschnitt über alle Unternehmen hinweg) inzwischen zu einem großen Teil durch Kapitalanlagen ausfinanziert. Es gibt aber natürlich Ausreißer nach oben und unten: Die Pensionsrisiken muss man immer auch auf die einzelnen Unternehmen bezogen betrachten. Zu diesem Thema gab es zuletzt eine interessante Untersuchung.

Einige Unternehmen, die traditionell hohe Pensionsvermögen aufgebaut haben, stehen nun laut WTW möglicherweise sogar vor der Situation, dass die für die Pensionszahlungen bereitgestellten Vermögenswerte den Umfang der Pensionsverpflichtungen übersteigen. „Aktuell könnten die Pensionspläne einzelner Unternehmen sogar überfinanziert sein“, berichtet Dr. Johannes Heiniz, Leiter General Consulting Retirement bei WTW, über eine kuriose Situation. „Unternehmen sollten dies genau im Blick behalten. Angesichts der volatilen Kapitalmärkte und der geopolitischen Unsicherheiten wäre schneller Aktionismus jetzt aber verfrüht“, sagt der Experte.

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