Pension Management
20. März 2012

Risiko: Langlebigkeit – Teil 2

Für Pensionseinrichtungen wurden in den vergangenen Jahren ­eine Reihe potenzieller Lösungswege geschaffen, mit denen versucht wird, das Langlebigkeitsrisiko abzusichern.

Einerseits besteht für ­Pensionskassen die Möglichkeit, Verträge in Form sogenannter Bulk Annuities mit Versicherungskonzernen abzuschließen. Gegen eine im Voraus fixierte Prämie wird das Alterseinkommen einer ­bestimmten Zahl bereits pensionierter Mitglieder gezahlt. Wird dieser Ansatz ­verfolgt, kommt es zu einer vollständigen Entschärfung sowohl der Langlebigkeits- als auch der Investmentrisiken, wobei allerdings die bereits angesammelten Pensionsrückstellungen an den Versicherer übertragen werden müssen. Dieser Ansatz setzt jedoch in der Regel voraus, dass die Pensionsverpflichtungen komplett ausfinanziert sind. Spezialversicherer bieten daneben Buy-out-Lösungen an, bei denen nicht nur die Risiken einer Pensionskasse und ihr Kapital übertragen werden, sondern auch die gesamte Verwaltung der Altersversorgung ausgelagert wird.

Auf der anderen Seite besteht für Pensionseinrichtungen die ­Möglichkeit, versicherungsbasierte Longevity Swaps abzuschließen. Dabei werden entweder auf den Kunden zugeschnittene Swaps oder an einen Index (zum Beispiel den „Life Metrics“, der weiter unten ­thematisiert wird) gekoppelte Tauschgeschäfte ­angewandt, wobei ­nationale Bevölkerungsstatistiken statt firmenspezifischer ­Daten ­herangezogen werden. Im Gegensatz zu Annuitäten wird bei Swap-Transaktionen nicht gefordert, dass die Pensionsverpflichtungen bei Vertragsabschluss vollständig ausfinanziert sind. Außerdem behalten die Altersvorsorgeeinrichtungen die Kontrolle über ihr Kapital.

Kundenspezifische Swaps sind so ausgestaltet, dass es zu einem perfekten Hedge der künftigen Cashflows kommt. ­Typischerweise werden solche Verträge jedoch nur für Personen abgeschlossen, die sich bereits in Pension befinden. Im Gegensatz dazu sind index-­basierte Swap-Geschäfte einem Basisrisiko ausgesetzt, weshalb sie keine vollständige Absicherung des Langlebigkeitsrisikos mit sich bringen. Nach Angaben von JP Morgan, wo man sich seit 2006 mit dem Thema befasst, kann ein indexbasierter Longevity Hedge aber rund 85 Prozent des Risikos reduzieren. Indexbasierte Absicherungsgeschäfte zeichnen sich durch niedrigere Kosten aus, da sie auf ­standardisierten Kontrakten basieren, die man mit Zins- oder ­Inflationsswaps vergleichen kann. Sie werden typischerweise für ­Mitarbeiter abgeschlossen, die noch nicht in Pension sind. Ihre ­Laufzeit beträgt regelmäßig zehn Jahre. Während dieser Zeit ist der Wert der Verbindlichkeiten gegenüber Veränderungen in der ­Langlebigkeit abgesichert.

In Versicherungskreisen haben sich zwei Varianten zur Messung der Veränderung der durchschnittlichen Lebenserwartung etabliert. Seit Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871 werden die ­Sterblichkeitsverhältnisse und die durchschnittliche Lebenserwartung einerseits mit Hilfe von Periodensterbetafeln nachgewiesen. Darin kommt es zu einer Durchschnittsbetrachtung der Sterberaten über ­einen definierten Zeitraum. Auf der anderen Seite hat sich die ­Generationentafel als Marktstandard etabliert. Sie bildet die ­veränderte Sterbewahrscheinlichkeit ab beziehungsweise die Lebenserwartung jeweils pro Geburtsjahrgang und wird von Aktuaren für die ­Bestimmung der Langlebigkeit akzeptiert. Allerdings wird auch die Generationentafel nicht regelmäßig veröffentlicht. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die Deutsche Börse seit geraumer Zeit mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung und versucht, die ­Transparenz in diesem Bereich zu verbessern. Interessanterweise haben die ­Rentenexperten des Unternehmens beobachtet, dass die bei ­Vertragsabschluss als Basis der Prämienkalkulation definierte ­Lebens­erwartung bereits heute vielfach übertroffen wird. Der Konzern hat sich tief in die Materie eingegraben und veröffentlicht bereits seit etwa vier Jahren einmal im Monat aktuelle Indizes und spezifische Daten zur Lebenserwartung und zu Sterblichkeitsrisiken bestimmter ­Kohorten. Dahinter steht der Gedanke, Risiken häufiger an die ­Realität anpassen zu können. Angesprochen werden sowohl Pensionskassen als auch Investoren. Deutsche-Börse-Experte Hendrik Rogge erklärt mit Blick auf die Länder, für die bereits Langlebigkeitsindizes ­verfügbar sind: „Wir haben 2007 angefangen, uns mit Langlebigkeit als ­potenzielle neue Asset-Klasse zu beschäftigen. Auf Grundlage der ­Mortalitätsdaten der Statistischen Ämter berechnen wir ­monatlich ­Generationen­sterbetafeln und Indizes, die differenziert nach ­Geburtenjahrgängen und Geschlecht Aussagen über die ­gegenwärtige und die künftige ­Lebenserwartung der Bevölkerung ­treffen.“

Eva-Maria Keller, die sich bei der Deutschen Börse ebenfalls mit Langlebigkeitsindizes befasst, fügt hinzu: „Das größte Risiko und ­damit auch Interesse an diesem Thema haben Pensionskassen, deren Verbindlichkeiten gegenüber Pensionären mit steigender ­Lebenserwartung zunehmen. Wenn man das Risiko jedoch am ­Kapitalmarkt platzieren möchte, benötigt man ebenso Investoren, die bereit sind, das Risiko zu übernehmen. Das passiert zum einen aus ­einer differenzierten Erwartung heraus bezüglich der künftigen ­Lebenserwartung und zum anderen aus Interesse an einer mit ­anderen Anlageklassen unkorrelierten Anlagemöglichkeit.“ Interessierte ­Investoren stammen unter anderem aus dem Lager der Hedgefonds. Infrage kommen aber auch Pensionsfonds und Rückversicherer. Die Deutschen Börse weist indessen darauf hin, dass die publizierten ­Daten zur Lebenserwartung und Sterblichkeit nicht auf Experten­meinungen, sondern ausschließlich auf transparenten Statistiken ­basieren (lesen Sie dazu auch das vollständige Interview). Ursprünglich wollte der Betreiber der Frankfurter Börse für ­jeden einzelnen ­Geburtenjahrgang einen Index auflegen, der Gedanke ­wurde aber aus Gründen der Übersichtlichkeit fallengelassen. ­
Hier gelangen Siezum dritten Teil der Titelgeschichte "Risiko: Langlebigkeit"

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