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6. November 2026

Risikomanagement ist ein Begriff, mit dem jeder etwas anfangen kann

Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage ist in den vergangenen Jahren ein immer komplexeres Thema geworden. Das betrifft die Anlagestrategien ebenso wie die Regulatorik. Beides hat viele Kapazitäten gebunden. Unterdessen sind die Emissionen klimaschädlicher Gase auf Höhenflug, was die Erde weiter aufheizt. Und nun?

Es ist still geworden um die Nachhaltigkeit in der institutionellen Kapitalanlage – jedenfalls rein subjektiv betrachtet. Während in den vergangenen Jahren gefühlt jeder Asset Manager darauf hingewiesen hat, dass nachhaltiges Handeln in seiner DNA liege, spricht das heute kaum noch jemand so lautmalerisch aus.

Doch das ist kein singuläres Phänomen, sondern betrifft auch die breite Öffentlichkeit. Der Vorstandsvorsitzende des Forums Nachhaltige Geldanlagen e.V. (FNG), Marian Klemm, beklagt im aktuellen FNG-Marktbericht, dass das Jahr 2025 in vielen Gesprächen innerhalb der nachhaltigen Finanzbranche von einer zentralen Frage geprägt gewesen sei. Sie lautet: Wann wird die Nachhaltigkeit in der Öffentlichkeit wieder priorisiert?

Ernüchterung in der nachhaltigen Finanzwirtschaft

Das FNG bezeichnet sich als Fachverband für Nachhaltige Geldanlagen im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr feiert der in Berlin ansässige Verein seinen 25. Geburtstag. Doch nach Feierlaune klingt es nicht, was Klemm im Marktbericht, der im Juni erschienen ist, vermeldet: „Nach mehreren Jahren eines dynamischen Aufschwungs, getragen von wachsender Nachfrage und einer zunächst unterstützenden Regulierung, hat sich das Umfeld spürbar verändert. In den vergangenen Jahren beobachten wir einen Backlash gegenüber Nachhaltigkeitsthemen im Allgemeinen und eine gewisse Ernüchterung innerhalb der nachhaltigen Finanzwirtschaft.“

Backlash lässt sich mit „Gegenreaktion“ übersetzen. Kritiker der einschlägigen ESG-Kriterien (Umwelt, Soziales und Governance) würden nun vielleicht genüsslich feststellen, dass das Nachhaltigkeitspendel zurückschlage. Doch das ist allein schon aufgrund des Klimawandels keine passende Metapher.

Jedoch belegen handfeste Zahlen vom Fondsmarkt die vom FNG geschilderte Entwicklung. Ende Juni verwalteten Publikums- und Spezialfonds nach Artikel 8 und Artikel 9 der EU-Offenlegungsverordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) insgesamt 1.491 Milliarden Euro. Das sind 110 Milliarden Euro beziehungsweise knapp 8 Prozent mehr als Ende 2025, wie der deutsche Fondsverband BVI berichtet hat. Das Fondsvermögen der Publikumsfonds mit Nachhaltigkeitsmerkmalen kletterte von 901 Milliarden Euro auf 981 Milliarden Euro. Bei Spezialfonds erhöhte es sich von 480 Milliarden Euro auf 509 Milliarden Euro.

Das Ende des Nachhaltigkeits-Hypes im Retail-Geschäft

Der deutliche Vermögensanstieg ist jedoch vor allem auf die positive Entwicklung an den Kapitalmärkten zurückzuführen. Das Netto-Mittelaufkommen blieb hingegen verhalten. Im ersten Halbjahr 2026 flossen Publikums- und Spezialfonds nach Artikel 8 beziehungsweise 9 zusammen netto vier Milliarden Euro zu. Davon entfielen 1,3 Milliarden Euro auf Publikumsfonds und 2,7 Milliarden Euro auf Spezialfonds. Zum Vergleich: Fonds ohne entsprechende Nachhaltigkeitsmerkmale verzeichneten von Anfang Januar bis Ende Juni Nettozuflüsse von insgesamt 75,4 Milliarden Euro.

Der „Nachhaltigkeits-Hype“ vergangener Jahre im Retail-Geschäft ist vorbei. Das belegen nicht nur die BVI-Zahlen, sondern auch Prof. Dr. Dirk Söhnholz, Geschäftsführer der Söhnholz Advisors GmbH, bestätigt das im Gespräch mit portfolio institutionell. Zugleicht warnt er vor übersteigerten Erwartungen der Anleger und vermutet mit Blick auf die ins Stocken geratenen Mittelflüsse im Retail-Sektor ein „zu schnelles Investieren in ein Segment, das man vielleicht gar nicht so durchdrungen hat“. Dennoch gebe es im Privatkundenbereich großes Potenzial nach vorne, sagt Söhnholz, der sich im Tagesgeschäft intensiv mit liquiden Impact-Portfolios beschäftigt und Modellportfolios entwickelt. Diese bietet er deutschen und österreichischen Vermögensverwaltern an.

Außerdem ist Söhnholz als Fondsberater tätig. Seine Soehnholz ESG GmbH betreut einen auf Einzelaktien basierenden Publikumsfonds mit einem überschaubaren Fondsvermögen. Ziel des Konzepts ist es, möglichst viel Impact im liquiden, börsennotierten Bereich zu erreichen. „Die Nachfrage ist extrem verhalten. Das Fondsvolumen liegt unter zehn Millionen Euro“, räumt der 63-Jährige ein, der in seiner Laufbahn unter anderem für Feri Institutional Advisors und Veritas Investment tätig gewesen ist. Heute reicht er seine Expertise als Honorarprofessor für Asset Management an der Universität Leipzig an die nächste Generation weiter.

Zwischen Interesse und Umsetzung klafft eine Lücke

Gleichwohl sei das Interesse bei Privatanlegern groß. „Etwa 70 Prozent von ihnen wollen nachhaltige Investments haben und dann vor allem Impact. Sie wollen etwas bewirken mit ihren Investments. Das zeigen Umfragen, etwa der Bundesbank oder der Bafin“, fährt Söhnholz fort. Doch nur wenige haben entsprechende Anlagen im Portfolio.

Dass zwischen Interesse und Umsetzung eine Lücke klafft, führt Söhnholz auf die Financial Intermediaries zurück. Die Vermögensverwalter, Berater und Finanzplaner seien momentan zurückhaltend. Ebenso die großen Asset Manager. Aber anders als bei Privatanlegern sieht Söhnholz auf der institutionellen Seite weniger Interesse. Kein institutioneller Anleger werde seine Anlagen zu 100 Prozent „Sustainable“ aufstellen, vermutet er. „Aber wenn die Großanleger bei 100 Prozent ihrer Anlagen ESG-Risiken berücksichtigen und davon 20 Prozent Impact Investments machen, dann ist das meiner Meinung nach sinnvoll.“ Doch davon kann derzeit noch keine Rede sein.

Wachstum gibt es, wenn schon nicht bei den Mittelzuflüssen, so doch bei den ESG-Ratingagenturen. Mittlerweile haben sich 113 dieser Spezialanbieter, die ihre Dienstleistungen neben Kreditratingagenturen anbieten, bei der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde Esma für den Vertrieb von ESG-Bewertungsleistungen angemeldet, die unter die neue ESG-Ratingagentur-Direktive fallen.

Es gibt enorm viel ESG-Research

Auch aufseiten der akademischen Forschung ist von Gegenwind wenig zu spüren. Darauf weist Dirk Söhnholz hin. „Es gibt noch immer extrem viel ESG-Research“, sagt er und erwähnt dabei auch sein Faible für Impact Investing im liquiden Anlagebereich. Woche für Woche veröffentlicht Söhnholz einen Research Post mit den nach seiner Eischätzung besten Aufsätzen des jeweiligen Zeitraums. „Das sind bis zu zehn wissenschaftliche Studien zum Thema Nachhaltigkeit und zu nachhaltigen Investments, aber auch sonstige Themen, die mich interessieren. Zum Beispiel KI in der Finanzplanung.“

Doch hier gebe es noch Lücken. Und was würde in diesem Research stehen, wenn Sie sich das wünschen könnten?, wollen wir von ihm wissen. Söhnholz: „Der wichtigste Indikator für Impact im Aktienbereich oder bei Unternehmensanleihen ist aus meiner Sicht die Vereinbarkeit mit den SDGs, also mit den 17 Entwicklungszielen der Vereinten Nationen. Der SDG-Umsatz zum Beispiel ist eine besonders relevante Kennzahl, das haben wir im Sustainability-Komitee bei der DVFA festgestellt: Alle großen Datenanbieter bieten diese Kennzahl seit Jahren an.“ Sie misst, welcher Anteil am Umsatz eines Unternehmens mit den SDGs übereinstimmt. Doch es gebe extrem wenig wissenschaftliches Research, das diese Kennzahl nutzt, so Söhnholz.

Neue Regeln zum Schutz vor Grünfärberei

Dass es in den PR-Abteilungen der Asset Manager und auch bei den Kommunikatoren der Großanleger selbst zuletzt eher still geworden ist, dürfte regulatorische Gründe. Denn seit dem 27. September 2026 gelten die neuen Vorgaben der europäischen Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel, kurz Empco, in Deutschland – umgesetzt werden sie im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.

Untersagt sind unter anderem allgemeine Umweltaussagen ohne Nachweis einer anerkannten hervorragenden Umweltleistung, kompensationsbasierte Neutralitätsclaims für Produkte und Nachhaltigkeitssiegel ohne ein zugrunde liegendes Zertifizierungssystem, berichtet das Climate-Tech-Unternehmen Right mit Sitz in Frankfurt am Main. Besondere Anforderungen gelten demnach für Aussagen über die künftige Umweltleistung, also für Sätze wie „klimaneutral bis 20XX“.

Die scheinbar festgefahrene Lage sorgt für eine Fülle von Fragen. Ein Marktteilnehmer der ersten Stunde ist Axel Wilhelm mit Erfahrung in den Bereichen Nachhaltigkeit, ESG-Ratings und Finanzmärkte. Seit Anfang dieses Jahres bringt er seine Expertise beim NKI – Institut für nachhaltige Kapitalanlagen ein. Bei der Beratungsgesellschaft mit Sitz in Hannover ist Axel Wilhelm Mitglied der Geschäftsleitung. Vor seinem Wechsel arbeitete der 62-Jährige unter anderem bei den ESG-Ratingspezialisten Sustainalytics, Imug Rating und Ethi-Finance.

Warum weniger kommuniziert wird

Im Gespräch mit unserer Redaktion macht der Fachmann deutlich, dass er die Art und Weise, wie die Empco in Deutschland umgesetzt worden ist, bedauert. In anderen Ländern seien die EU-Vorgaben nicht so streng geregelt, sagt er und spannt den Bogen zu den PR-Abteilungen: „Hierzulande herrscht Unsicherheit, sodass man in der Kommunikation weniger macht.“ Wilhelm meint, der Regulierer habe in Sachen Empco nicht zu Ende gedacht und kommt zu der Einschätzung, dass die Regulierung, auch wenn sie gut gemeint sei, den gesamten Markt für nachhaltige Kapitalanlagen zurückwerfen könne.

Wie stark der „Backlash“ ist, zeigte sich Anfang 2025. Damals hatte die im Jahr 2020 gegründete Net-Zero-Asset-Managers-Initiative (NZAM) ihre globalen Aktivitäten ausgesetzt, nachdem Blackrock das Bündnis verlassen hatte. Ende Februar 2026 gelang der Neustart. Mehr als 250 Vermögensverwalter hatten zuvor die aktualisierte Verpflichtungserklärung unterzeichnet, wie die Gruppe berichtet hat. Und doch spürt man auch hier den Gegenwind. Auf ihrem Höhepunkt im Januar 2024 hatte die Initiative 325 Unterzeichner gehabt.

Abschreiben sollte man die Nachhaltigkeitsbestrebungen im institutionellen Asset Management aber keinesfalls. Zumal 60 Prozent der in einer Studie befragten Investoren, ihre Mittelallokation in Anlagen, die aktiv den Klimawandel bekämpfen, in den kommenden drei Jahren erhöhen wollen. Das zeigt der Global Climate Investing Survey von Robeco.

Eine Reise der Irrungen und Wirrungen

Zurück zu Axel Wilhelm vom NKI. „Man muss sagen, dass die gegenwärtige Lage auch zum Teil selbstverschuldet ist in der EU“, sagt er und spannt den Bogen nach Europa, um die Sustainable-Finance-Regulierung der Europäischen Union und ihre Verästelungen zu beleuchten. Unter dem Begriff wird die systematische Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungsaspekten bei Finanzentscheidungen verstanden.

Seit etwa 2018 hat sich Sustainable Finance zu einem Schwerpunkt der internationalen und europäischen Finanzmarktpolitik entwickelt. „Das war eine Reise der Irrungen und Wirrungen. Und das ist es eigentlich immer noch“, stellt Wilhelm fest. „Man kann konstatieren, dass vielen Investoren der Spaß und die Lust an der Auseinandersetzung mit dem Thema vergangen sind.“

Wilhelm führt die Unzufriedenheit auf die stetig wachsenden Anforderungen zurück, die der Gesetzgeber an Akteure wie Unternehmen der Realwirtschaft und der Finanzbranche stellt. „Mein Eindruck ist, dass die Ressourcen in Regulierungsfragen gewandert sind, die andernfalls in Verbesserungen der Prozesse oder mehr reelle Nachhaltigkeitsaktivitäten gelenkt worden wären“, sagt der ESG-Verfechter diplomatisch.

EU-Kommission reduziert Berichtspflichten

Doch die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) haben ihren Zenit überschritten. Zur Freude des Versicherungsverbands GDV und vermutlich vieler weiterer Akteure hat die EU-Kommission an einer Vereinfachung der Berichtspflichten gefeilt. „Die ESRS müssen ambitionierte Nachhaltigkeitsberichterstattung mit praktischer Umsetzbarkeit verbinden“, forderte GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen noch im Juni. Inzwischen hat die EU-Kommission die Standards überarbeitet und finalisiert. Die entsprechende Delegierte Verordnung (EU) 2026/1563 wurde am 21. September im Amtsblatt der EU veröffentlicht und tritt am 10. November 2026 offiziell in Kraft.

Die überarbeiteten ESRS sind laut der Pressemeldung der EU-Kommission kürzer und klarer strukturiert. Die Zahl der verpflichtenden Datenpunkte wird um mehr als 60 Prozent reduziert, die Gesamtzahl der Datenpunkte um mehr als 70 Prozent.

Was nun, Herr Wilhelm? Und wo geht die Reise in Sachen Nachhaltigkeit hin, wollen wir von ihm wissen. „Die zunehmende Komplexität kann man bedauern. Oder man kann die Herausforderung Nachhaltigkeit annehmen, zuversichtlich nach vorne blicken und annehmen, dass die Regulierung sich mit der Zeit zurechtruckelt“, sagt er im Redaktionsgespräch und lässt sich die Hoffnung nicht nehmen, dass sich über kurz oder lang ein Regulierungsstand einpendeln wird, mit dem Anleger gut arbeiten können. Und zwar nicht nur bei den Berichtspflichten. „Ich hoffe, dass dann auch wieder ein Wettbewerb der Ideen und der besten Nachhaltigkeitslösungen entsteht. Das ist ein wenig in den Hintergrund gerückt.“

Auch die Kapitalanlage verästelt sich weiter

Ein enormes Maß an Komplexität ist nicht nur auf der Regulierungsseite entstanden. Auch das Thema nachhaltiges Investieren ist mit der Zeit vielfältiger und komplexer geworden. Für Kapitalsammelstellen mit kleinen Teams ist das ein Problem, weil die Fülle der Strategien die Verantwortlichen zu überlasten droht.

Ging es den ESG-Verfechtern anfangs „nur“ darum, auf besonders kritische Staaten in der Kapitalanlage zu verzichten (zum Beispiel Länder, die die Todesstrafe praktizieren) und die sogenannten Sündenaktien aus dem Anlageuniversum auszuschließen, hat sich die Titelselektion weiterentwickelt. Mancher verlagerte seine Investmentstrategie auf Unternehmen, die innerhalb ihrer jeweiligen Branche oder Kategorie die besten ESG-Werte aufweisen (Best in Class). Auch das von Dirk Söhnholz angesprochene Impact Investing gewinnt mehr und mehr an Bedeutung.

Wenn Kritik an den Unternehmen abperlt, wird verkauft

Einen wirksamen Hebel zur Erzielung von Impact im liquiden Segment sehen Marktteilnehmer im Shareholder Engagement, in der Stimmrechtsausübung sowie der Begleitung von Kapitalerhöhungen und Börsengängen. Anleger können insbesondere über aktives Engagement bei den Unternehmen Veränderungen bewirken, argumentiert Dr. Henrik Pontzen, Chief Sustainability Officer (CSO) und Leiter ESG bei Union Investment. „Investoren können im direkten Dialog konkrete Ziele einfordern, auf Hauptversammlungen abstimmen und bei Bedarf öffentlich Druck ausüben“, erläutert er auf Nachfrage unserer Redaktion.

Entscheidend sei eine klare Eskalationslogik – vom Gespräch über kritische Abstimmungen und öffentliche Wortbeiträge bis hin zum ultimativen Verkauf der Beteiligung, wenn die anderen Wege sich als nicht zielführend erweisen. „So nehmen wir als aktive Investoren Einfluss auf die Unternehmen, um sie fit für die Zukunft zu machen.“

Klimawirkung in Grad Celsius messen statt in CO₂-Tonnen

Eine weitere Strömung bilden Ansätze, bei denen unterschiedliche Kapitalanlagen, ob nun einzelne Immobilien oder börsennotierte Konzerne, vergleichbar gemacht werden in Bezug auf die Frage, wie sehr sie zur Klimaerwärmung beitragen (Link zum XCD-Modell der right. based on science GmbH). Das schafft zusätzliche Transparenz, gerade auch im Hinblick auf das Risikomanagement. „Das alles muss weiterlaufen“, fordert Axel Wilhelm angesichts der Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft in Richtung Klimaneutralität. „Die Weltgemeinschaft hat schließlich gemeinsame Klimaziele verabschiedet.“

Zur Transformation zählen die Pläne des kanadischen Pensionsadministrators La Caisse, der in Australien in die Renaturierung karger Landstriche investiert und auch damit Geld verdient. Wilhelm lobt dieses Beispiel und hofft, dass deutsche Großanleger in dieser Hinsicht agiler werden. Er sagt, das habe weniger mit moralischen Leitplanken und nachhaltigem Investieren im alten Stil zu tun, sondern dass es eine Win-win-Situation sei, wenn man Naturschutz und Rendite geschickt unter einen Hut bekomme.

Bei der Frage, ob man emissionsintensive Unternehmen auf dem Weg der Transformation finanzieren sollte oder nicht, herrscht Zwiespalt. Warum sollte man Unternehmen, die sich bislang nicht um eine Senkung klimaschädlicher Emissionen geschert haben, unterstützen?

Nach Einschätzung von Henrik Pontzen wird die Finanzierung eine Schlüsselrolle spielen, „denn Klimaneutralität lässt sich nicht erreichen, indem Investoren nur bereits ‚grüne‘ Unternehmen finanzieren. Gerade Grundstoff-, Chemie-, Industrie- und Mobilitätsunternehmen benötigen viel Kapital für neue Technologien und effizientere Prozesse.“ Zugleich knüpft er diese Einschätzung an eine Bedingung: „Investierbar sollten sie aber nur sein, wenn ihre Transformationsstrategie glaubwürdig, ambitioniert und überprüfbar ist und das Management konkrete Fortschritte belegt.“

Und woran sollten Anleger den Erfolg einer ESG-Strategie messen? „Nicht an einem einzelnen ESG-Score, sondern an belastbaren Ergebnissen – und zwar sowohl finanziell als auch ökologisch“, vermerkt Pontzen. „Dazu gehören etwa die Entwicklung der Emissionen, die Umsetzung von Transformationsplänen, Fortschritte bei Unternehmensführung und Menschenrechten sowie erreichte Meilensteine im Engagement.“ Ebenso wichtig ist für den CSO von Union Investment die finanzielle Perspektive: „Eine ESG-Strategie muss langfristige Risiken verringern, die Widerstandsfähigkeit des Portfolios stärken und mit dem Anlageziel vereinbar sein.“

Der Kapitalbedarf für die Transformation ist enorm

Axel Wilhelm warnt mit Blick auf die Klimaziele der Bundesregierung und der „Netto-Null“ vor einem Nachlassen der Anstrengungen. „Ob wir es nun bis 2045 schaffen oder bis 2050, das sei einmal dahingestellt. Aber wenn wir erst gar nicht in die Transformation gehen, werden die Kosten und die tatsächlichen physischen Risiken gigantisch groß“, erklärt er mit Blick auf Themen wie Verkehrs-, Energie- und Wärmewende. „Da gibt es enormen Kapitalbedarf. Wir stehen im globalen Wettbewerb und müssen uns als Volkswirtschaft modern positionieren. Dazu gehören Erneuerbare Energien, die Dekarbonisierung der Industrie und vieles mehr.“

Zugleich verweist Wilhelm auf das Pariser Klimaabkommen vom Dezember 2015. Dieses verpflichtet 195 Staaten auf drei Hauptziele: die globale Erderwärmung auf deutlich unter 2 °C – möglichst auf 1,5 °C – gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel zu stärken und Finanzströme klimafreundlich auszurichten.

Doch die Zeit läuft der Menschheit davon. So sind die globalen Treibhausgas-Emissionen im vergangenen Jahr weiter in die Höhe gegangen. Ende Oktober warnten die Vereinten Nationen davor, dass die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts auf eine Erwärmung von bis zu 2,8 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zusteuern könnte. Uno-Generalsekretär Guterres sagte bei der Vorstellung des Jahresberichts des Umweltprogramms, die internationale Gemeinschaft sei gefährlich weit vom Erreichen ihrer Klimaziele entfernt, wie der Deutschlandfunk berichtet hat. Die Treibhausgas-Emissionen befänden sich weiter auf Rekordniveau, und die nationalen Klimaschutzmaßnahmen seien völlig unzureichend.

Unterdessen ist der CO₂-Fußabdruck der Kapitalanlagen deutscher Versicherer erneut geschrumpft. Das zeigt der Nachhaltigkeitsbericht 2026 des GDV. Entscheidend für die weitere Dekarbonisierung der Anlageportfolios wird sein, wie der eingeschlagene Weg zur Dekarbonisierung der Realwirtschaft fortgesetzt werde, heißt es von dort.

Der Zustand der Natur im unternehmerischen Kontext

Mehr und mehr steht bei den hiesigen Unternehmen und Großanlegern auch die Biodiversität auf der Agenda weit oben. „Für institutionelle Anleger und Finanzinstitute wird der Zustand von Ökosystemen zunehmend zu einer Frage von Risiko, Rendite und langfristiger Resilienz“, sagt Andrea Reuter, Projektmanagerin beim Global Nature Fund. „Unternehmen sind auf Leistungen der Natur angewiesen – etwa auf Wasser, fruchtbare Böden oder stabile Ökosysteme. Werden diese Leistungen durch den Verlust der Biodiversität beeinträchtigt, können Produktionsausfälle, Lieferkettenprobleme oder Wertverluste die Folge sein und dies nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Energieversorgung, dem produzierenden Gewerbe oder dem Bauwesen.“

Axel Wilhelm macht gerade auch vor diesem Hintergrund deutlich, dass im Kontext der Nachhaltigkeit mit den Jahren der Aspekt „Risikomanagement“ ins Blickfeld gerückt ist. „Es wird vielfach berichtet, dass ESG einen integrativen Weg gefunden hat, weil man eingesehen hat, dass es gerade unter dem Aspekt ‚Risikomanagement‘ wichtig ist“, lobt er und verweist auf Anstrengungen der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde. „Dort wurde mit Blick auf Klima- und andere Risiken sehr deutlich gemacht, dass ESG, wenn es schon kein Werte-, kein Weltrettungs- und kein ideologisches Thema ist, mindestens aus Risikogründen Berücksichtigung finden muss.“ Wilhelm vermerkt, das sei die Sprache, die der Finanzmarkt gut verstanden habe.

„Nachhaltiges Investieren wird sich in den kommenden Jahren noch stärker zu einem festen Bestandteil von Risikomanagement und Unternehmensanalyse entwickeln. Im Vordergrund stehen künftig weniger pauschale Ausschlüsse als die Frage, welche Unternehmen glaubwürdige Transformationspläne vorlegen und diese nachweisbar umsetzen“, sagt Henrik Pontzen mit Blick in die Zukunft. Entscheidend seien belastbare Daten, klare Verantwortlichkeiten und messbare Zwischenziele.

„Sustainable Finance“, ergänzt Axel Wilhelm, sei zwar nur ein Beitrag von vielen. „Aber wer als institutioneller Investor mit einem Anlagehorizont von 20 oder 30 Jahren Nachhaltigkeitsfragen, Klimathemen und auch Naturrisiken nicht einkalkuliert, der macht einen schlechten Job.“

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