Strategien
23. Juni 2021

Scope: Daten nicht Grund für divergierende ESG-Scores

Vielfalt an Fragestellungen. Unterschiedliche Betrachtung von Risiken.

Dass ESG-Scores häufig je nach Anbieter so unterschiedlich ausfallen verunsichert die Investorenwelt und sorgt für Diskussionen, auch um die unzureichende Datenbasis. Doch die Divergenzen bei den Nachhaltigkeits-Ratings sind tiefer verwurzelt und nicht allein mit einem Mangel an ESG-Daten begründbar, findet die Rating-Agentur Scope. Wo es bei Kredit-Ratings immer um die Frage gehe, wie hoch die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Schuldners ist, gebe es bei ESG-Scores nicht nur eine vergleichbare Frage: „In der Tat stellen sich Investoren und Emittenten heute eine Reihe unterschiedlicher Fragen, da sich nachhaltige Investitionen in einem Sektor mit einem Volumen von mehr als 40 Billionen US-Dollar rasch ausweiteten. Einige ESG-Scores für Unternehmen bewerteten die ESG-bezogenen Risiken, denen Unternehmen ausgesetzt sind, wie zum Beispiel Naturkatastrophen, Klimawandel, regulatorische Strafen oder die Gefahr von ‚stranded assets‘ wie Ölfelder und Kohleminen. Andere Scores messen die Auswirkungen des Unternehmens selbst auf die Umwelt, die Gesellschaft und die Unternehmensführung.

Kein einzelner Score kann die so genannte doppelte Materialität oder Wesentlichkeit erfassen: die Balance von Risiko und Auswirkung/Impact. Scope zeigt anhand eines hypothetischen Beispiels den Unterschied auf: Ein Solarmodulherstellers, der seine Mitarbeiter vor Ort gut bezahlt, der aber an einer niedrig gelegenen Küste angesiedelt ist, die durch den steigenden Meeresspiegel gefährdet ist hat demnach zwar einen guten ESG-Impact-Score, aber das Geschäft ist gefährlich, daher hat es einen schlechten ESG-Risk-Score. Mehrere unterschiedliche Kriterien, auf die sich Anbieter von ESG-Bewertungen verließen, führten unweigerlich zu unterschiedlichen Ergebnissen. Sieben alternative Kriterien führt Scope in seiner Studie an, die die Rating-Agentur als den ESG-Bewertungen zugrundeliegend ausgemacht hat. Zum Beispiel die Frage zwischen Risiko oder Impact und Score oder Ranking. Oder die Frage, welche Datenbasis verwendet wird (Corporate Data or Macroeconomic Data), ob man das Unternehmen oder die Lieferkette betrachtet, ob man quantitative oder qualitative Bewertungen nutze oder wie man die Daten aggregiere. Die Antwort für Investoren sei demnach, die eigenen Erwartungen anzupassen und zu akzeptieren, dass doppelte, wenn nicht mehrfache ESG-Scores notwendig sein können, um die Nachhaltigkeit ihrer Investitionen vollständig zu erfassen.

Lieferketten-Betrachtung verbessert ESG-Einschätzung

Die Komplexität der Nachhaltigkeitsmessung wird Scope zufolge schärfer, wenn deutlich wird, dass die ESG-Risiken und -Auswirkungen eines Unternehmens über die eigenen Aktivitäten hinaus auf die seiner Lieferanten und Kunden erstrecken: die Lieferkette. Die sogenannten vor- und nachgelagerten Faktoren der Lieferkette oder, in der Terminologie des Greenhouse Gas Protocol die Scope-3-Faktoren, seien entscheidend für die vollständige Bewertung von ESG-Risiken und Auswirkungen. Zudem sei ein Kredit-Rating ein absolutes Maß. Investoren, die ein Gleichgewicht zwischen Risiko, Ertrag und Nachhaltigkeit abwägen wollen, möchten vielleicht einen Score, der zeigt, wie gut ein Unternehmen im Vergleich zu anderen in seinem Sektor – „best in class“ – abschneidet, und nicht in absoluten Werten. ESG-Risiken und -Auswirkungen variierte so stark zwischen Branchen, zum Beispiel Kohlebergbau und Softwareentwicklung, das absolute Punktzahlen nicht immer hilfreich seien.

Scope bezieht sich zudem auch auf eine Studie des MIT zu ESG-Scores (Aggregate Confusion: The Divergence of ESG Ratings) vom August 2019. Die MIT-Studie listete die 100 Unternehmen mit der höchsten Konvergenz auf – und die 100, bei denen die ESG-Datenanbieter am stärksten divergieren – von insgesamt 823 Unternehmen. Scope hat daraus 200 Namen extrahiert und sie mit einer eigenen Stichprobe von 1.200 Namen verglichen und Übereinstimmungen bei 103 Unternehmen gefunden.

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