„Sicherheit in einer verrückten Welt“

Robert Habeck war von 2021 bis 2025 Vizekanzler sowie Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz im Kabinett Scholz. Im März 2026 hält er die Keynote im Rahmen der Jahreskonferenz von portolio institutionell.
Ex-Bundeswirtschaftsminister Dr. Robert Habeck ist Keynote-Speaker der Jahreskonferenz im März 2026. Seine Themen: die geopolitische Sicherheit von Erneuerbaren, der Vorbildcharakter der dänischen Altersvorsorge und wie man in der Ukraine zu einem gerechten Frieden kommt.
Die Ampel-Koalition endete vorzeitig. Ihre Ideen für ein schuldenfinanziertes Infrastrukturpaket und das Heizungsgesetz leben aber in der aktuellen, großen Koalition fort. Weiter Bestand hat auch die grüne Politik, dass Erneuerbare Energien und Waffenlieferungen für die Ukraine zur geopolitischen Sicherheit beitragen. Dies sind die Themen von Dr. Robert Habeck, dem Keynote-Speaker der portfolio-institutionell-Jahreskonferenz 2026. Einen ersten Einblick in seine Keynote lesen Sie im folgenden Interview.
Herr Habeck, der Titel Ihrer Keynote auf der Jahreskonferenz lautet „Sicherheit in einer verrückten Welt“. Was kann dazu die Energiepolitik beitragen?
Deutschland hat 2022 auf die schmerzhafte Art gelernt, dass Energielieferungen als Waffe eingesetzt werden können, als Putin uns den Gashahn abdrehte. Aber Deutschland kauft noch immer jährlich für 80 Milliarden Euro fossile Energien ein. Die EU insgesamt für circa 400 Milliarden Euro – Geld, das nicht nur unsere Volkswirtschaften verlässt, sondern auch die von anderen Ländern stärkt – oft mit Regierungen, die es nicht gut mit der liberalen Demokratie meinen. Der erste Schritt ist, stärker zu diversifizieren. Der zweite ist Elektrifizieren und möglichst viel Strom selbst herzustellen. Man landet bei den Erneuerbaren – jetzt aus sicherheitspolitischen Überlegungen.
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die USA zu einer in der Vergangenheit üblichen Politik zurückfinden?
Die ist gleich null. Selbst wenn Trump abgewählt werden sollte, die republikanische Partei zur Vernunft käme oder die Demokraten regieren würden, würde es nicht wieder werden wie unter Obama oder Joe Biden. Zumal ja auch die beiden schon einen Politikwechsel weg von Europa eingeleitet haben. Wir leben in einer neuen Welt und die muss jetzt gestaltet werden.
China gilt als führend im Ausbau Erneuerbarer Energien. Wird das Wirken von Präsident Xi Jinping als Umweltschützer völlig unterschätzt?
Ich glaube, das hat wenig mit Klimaschutz zu tun, sondern mit Sicherheit. China bezieht Öl und Gas unter anderem von Russland, Iran, Venezuela. Die wissen genau, wie anfällig dieses System ist. Aber Chinas massiver Ausbau der Erneuerbaren wird den Preis für die Kilowattstunde nochmals für alle senken. Wir werden einen heftigen Zubau der Erneuerbaren in allen Ländern sehen, die nicht selbst Öl- und Gas-Verkäufer sind. Und das sind die allerwenigsten.
Was spricht heute für Investments in die Energiewende? Attraktive Risk-Return-Ratios, Klimaziele oder Geopolitik?
Aus meiner Sicht alles drei. Es wird ein rasant wachsender Markt bleiben. Bei einem breiten Portfolio arbeitet Geld für die richtigen Ziele.
Sollten deutsche Investoren die Energiewende europäischer denken?
Es macht natürlich auch für deutsche Investoren Sinn zu diversifizieren. In Deutschland kann die eine Regierung mal schneller machen als die andere und umgekehrt. Außerdem wird es künftig immer mehr pan-nationale Projekte geben. Gerade wurde Bornholm Energy Island beschlossen: ein deutsch-dänischer Windpark, für dessen Zustandekommen ich schon in meiner Amtszeit gearbeitet habe. Das war gar nicht einfach, denn von der Quote des Erneuerbaren-Anteils bis zur Netzgebühr ist alles national reguliert. Aber wo das jetzt geschafft ist, kann es die Blaupause für ähnliche Projekte zum Beispiel in der Nordsee sein.
Sie haben enge Beziehungen nach Dänemark. Was läuft dort in der Energiepolitik, auch was die Einbindung von institutionellem Kapital betrifft, besser als in anderen Ländern?
Dänemark hat eine lange Tradition, dass Pensionsfonds in Infrastrukturprojekte investieren. Das liegt daran, dass in Dänemark jeder für sich und seine Rente anspart. Ein Teil des Lohns, etwa der Teil, der in Deutschland für die gesetzliche Altersvorsorge abgezogen wird, wird auch hier abgezogen und dann über berufsständische Versorgungswerke investiert. Die sollen natürlich attraktive Rendite bringen, aber eben auch sicher sein. Deshalb sind Energie-Projekte für die Funds superinteressant.
Ist die stärkere dänische Kapitalmarktorientierung in der Altersvorsorge ein Vorbild für eine Altersvorsorge-Reform in Deutschland?
Ja. Und wir haben uns in der viel gescholtenen Ampel ja auch auf einen entsprechenden Vorschlag geeinigt. Der kam dann nicht mehr durch wegen der Neuwahlen. Wenn ich es richtig sehe, will die jetzige Bundesregierung den jetzt auch weitestehend wieder nutzen.
Was würde ein Wirtschaftsminister Habeck heute anders machen als vor drei bis vier Jahren?
Ich hätte gern all die Beschlüsse, die die jetzige Regierung getroffen hat und die sie aus meiner Amtszeit übernommen hat, damals aber bekämpft hat. Aber damals habe ich keinen Weg gefunden, die Leute der Union zu überzeugen. Ob das heute anders wäre, weil sie ja wissen, dass sie zugestimmt haben, oder ob sie nur für sich zustimmen, nicht aber für Deutschlands Allgemeinwohl, ist eine spannende Frage.
Wie viel Politik von Habeck steckt in der Großen Koalition?
Agrardieselsubvention und Mehrwertsteuer-Senkung für Gastronomie haben sie sich schon selbst ausgedacht.
Sie haben schon 2021 Defensiv-Waffen für die Ukraine gefordert. Wie sollte man die Ukraine heute fördern, beziehungsweise wie kommt man zu einem gerechten Frieden?
Die Ukraine hat jetzt fast ein Jahr lang ohne große amerikanische Unterstützung die Front gehalten. Sie haben eine enorm starke Rüstungsindustrie aufgebaut. Europa hat den Munitionsengpass überwunden. Deutschland hatte daran einen großen Anteil. Unbefriedigend ist, dass die eingefrorenen russischen Assets nicht genutzt werden, dass Düngemittel aus Russland und Belarus nicht verboten sind, dass die Sanktionsumgehung noch immer nicht hart genug geahndet wird, dass auch die Regierung Merz keine Taurus geliefert hat. Im Fall der Ukraine ist der erste Schritt zum Frieden, dass Putin weiß, dass er nicht gewinnen wird. Erst wenn das klar ist, kann man über Sicherheit gegen Territorium reden.
Die Fragen stellte Patrick Eisele.
Das Programm der Jahreskonferenz 2026 von portfolio institutionell finden Sie hier.
Autoren: Patrick EiseleSchlagworte: Erneuerbare Energien / Renewables
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