Strategien
24. Juni 2015

Sind fossile Energieträger ein Pulverfass für Anleger?

Nicht allein Wissenschaftler, Umweltschützer und der Papst fordern einen Verzicht auf fossile Brennstoffe. Auch immer mehr Investoren propagieren und praktizieren den Ausstieg.

Investitionen in fossile Energieträger könnten sich für Anleger als Desaster herausstellen. Wer angesichts vermeintlich niedriger Kurse oder hoher Dividendenrenditen vieler Unternehmen aus diesem Bereich auf günstige Einstiegsgelegenheiten oder Schnäppchen hofft, könnte am Ende auf die Nase fallen. Auch der niedrige Ölpreis ist möglicherweise kein zyklisches Phänomen, sondern das Signal für unumkehrbare strukturelle Änderungen im Energiesektor. Diese Meinungen vertraten mehrere Redner des Berlin Investment Forums 2015, das dem Thema „Climate Change and Global Asset Allocation“ gewidmet war.
Nach Angaben der Veranstalter kamen rund 150 ausgewählte Family Offices, Analysten, Investoren und Entscheider zusammen, um über die Folgen des Klimawandels und die weltweiten finanziellen Chancen und Risiken der weltweiten Energiewende zu diskutieren. Zu den Rednern gehörten neben dem Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, dem ehemaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer und dem Staatssekretär für Energie, Rainer Baake, verschiedene Vertreter nachhaltig agierender Investoren, wie Rockefeller Brothers Fund, Willows Investments und Wermuth Asset Management.
Das wichtigste Argument, das nach Meinung der teilnehmenden Fachleute gegen Investitionen in Unternehmen spricht, die ihr Geld mit fossilen Energieträgern verdienen: Wenn die avisierten und auf dem jüngsten G7-Gipfel bekräftigten klimapolitischen Ziele erreicht werden sollen, dürften höchstens noch etwa 20 Prozent der weltweit gefundenen Kohlenstoffreserven in Form von Kohle, Öl und Gas verbrannt werden. Selbst die heute von den großen Energiekonzernen bereits bilanzierten Mengen fossiler Energieträger könnten nicht verbrannt werden, ohne diese Klimaziele zu verfehlen.
Vorsicht: Enormer Wertberichtigungsbedarf in der Bilanz
Hieraus ergebe sich in den Bilanzen dieser Unternehmen ein enormer Wertberichtigungsbedarf, weshalb kritische Marktbeobachter auch von einer Kohlenstoffblase oder Carbon Bubble sprechen. Diese bilanziellen Risiken würden von den meisten Marktteilnehmern bisher deutlich unterschätzt. „Investmentbanken, Versicherer und Pensionskassen sollten sich verpflichten, höhere Rückstellungen für Investitionen zu bilden, die von der Kohlenstoffblase bedroht sind“, forderte Jochen Wermuth, Gründer und CIO von Wermuth Asset Management. Dies betreffe nicht nur Investments in Öl-, Gas- und Kohleproduzenten, sondern auch deren Schulden sowie Länder, die von Öl-, Gas- und Kohleexporten abhängig sind. Ein Platzen der Kohlenstoffblase werde negative Auswirkungen auf das globale Finanzsystem und die Weltwirtschaft haben.
Ein weiterer wichtiger Faktor, der gegen fossile Brennstoffe spricht: Strom lässt sich heute bereits günstiger aus Sonnenenergie gewinnen als aus der Verbrennung von Öl oder anderen fossilen Brennstoffen. Solar- und Windenergie haben sich zu wirtschaftlichen Technologien entwickelt, deren Grenzkosten immer weiter gegen null streben. Insofern dürften auch Marktkräfte regenerative Energien wie Sonnen- und Windenergie weiter nach oben tragen. Diese Entwicklung wird zudem dadurch gefördert, dass immer mehr institutionelle und private Investoren ihre Anlageentscheidungen auch unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte treffen. Zudem gewinnt sogenanntes Impact Investing an Bedeutung, also Anlagen, bei denen neben der finanziellen Rendite auch eine positive soziale oder ökologische Wirkung erzielt werden soll. Eine rasch wachsende Zahl von Investoren ist im Einklang mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen dabei, eine breite Bewegung für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zu fördern.
Rockefeller macht’s vor
Ein prominentes Beispiel ist der Rockefeller Brothers Fund. Investitionen hätten immer eine Wirkung, meinte Stephen Heintz, Präsident der gemeinnützigen Stiftung. Der Klimawandel sei die größte Herausforderung unserer Zeit. Das Ziel der Stiftung, die Erderwärmung zu stoppen, lasse sich nicht mit Investitionen in Unternehmen vereinbaren, die ihr Geld mit fossilen Brennstoffen verdienen. Deshalb habe sich der Rockefeller Brothers Fund der Divest-Invest-Bewegung angeschlossen und damit begonnen, die Wirkungen seiner Investments in einem mehrstufigen Prozess mit den eigenen Zielen in Einklang zu bringen. Dies geschehe über Desinvestitionen im Bereich fossiler Energien und den gleichzeitigen Ausbau wirkungsorientierter Investitionen, „ohne die Rendite des Stiftungsportfolios zu verwässern“.
Im vergangenen Jahr sei noch 6,6 Prozent des Stiftungsvermögens im Bereich fossiler Energien investiert gewesen, mittlerweile seien es noch 4,4 Prozent. In den kommenden drei Jahren soll dieser Anteil so nahe wie möglich an null herangeführt werden. Parallel hierzu will der Rockefeller Brothers Fund zunächst rund 86 Millionen US-Dollar oder zehn Prozent des Stiftungsvermögens wirkungsorientiert anlegen. Derzeit sind Heintz zufolge etwa 35 Millionen Dollar in zwei Projekte investiert, in den kommenden Monaten sollen weitere Investitionen folgen.
„Ich werde immer wieder gefragt, ob das nicht vor allem eine symbolische Geste ist“, erläuterte Heintz. „Ja, das ist es, aber es ist auch eine ökonomische Geste! Symbole haben einen Wert. Sie können eine Bewegung in Gang setzen und den Märkten Signale senden.“ Und diese Signale könnten so laut und deutlich werden, dass auch Politiker sie nicht ignorieren können.
Wenige Tage nach seiner Teilnahme in Berlin hat Klimaforscher Schellnhuber im Vatikan gemeinsam mit Kardinal Peter Turkson die päpstliche Enzyklika „Laudato si“ – „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ – der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Insofern sollten auch Investoren die Dynamik der Dekarbonisierungsbewegung und das Thema Karbonblase nicht unterschätzen.
Weiterführende Links:Berlin Investment Forum 2015Achtung: Narrengold! portfolio institutionell newsflash 24.06.2015/Ralf Kolbe

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