30. November 2011

Staatsschuldenkrise macht Institutionellen zu schaffen

Laut einer AGI-Umfrage sehen immer mehr institutionelle Anleger in Europa in Staatsschulden ein „beträchtliches“ Risiko. Die zunehmende Regulierung scheint derweil in den Hintergrund zu treten.

Institutionelle Investoren in Europa sehen ihr größtes Risiko auf Sicht der kommenden zwölf Monate in der Marktvolatilität. So lautet eine von zahlreichen Erkenntnissen der jüngsten Risk-Monitor-Umfrage von Allianz Global Investors (AGI), die im September und Oktober 2011 durchgeführt wurde. An der Befragung haben 140 institutionelle Investoren mit 909 Milliarden Euro Anlagevermögen teilgenommen; 60 Prozent davon klassifizieren als Pensionseinrichtungen. Neben dem Risiko der Marktvolatilität zählen Kreditrisiken bei Staatsanleihen und Kurseinbrüche am Aktienmarkt zu den größten Risiken, die die Anleger derzeit umtreibt.
Gegenüber der ersten Risk-Monitor-Befragung vor sechs Monaten registriert AGI bemerkenswerte Veränderungen in der Stimmung der professionellen Marktteilnehmer. So betrachten mittlerweile 89 Prozent die Volatilität als großes oder beträchtliches Risiko. Das sind 16 Prozentpunkte mehr als im Frühjahr 2011.  Inzwischen sehen 35 Prozent der Befragten ein beträchtliches Risiko im Bereich der Staatsschulden. In der Umfrage vor einem halben Jahr äußerten lediglich 14,7 Prozent diese Ansicht. AGI zitiert einen Umfrageteilnehmer aus dem Umfeld einer Schweizer Pensionskasse mit den Worten: „Das Staatsschuldenrisiko belastet alle Aspekte unseres Portfolios.“
Das aktuelle Zinsniveau wird von 63 Prozent der Befragten als großes oder beträchtliches Risiko gesehen, deutlich mehr als steigende oder fallende Zinsen. Allerdings ist das Bild im Zinssegment gespalten: Durchschnittlich werden fallende Zinsen von 42 Prozent der Befragten als großes oder beträchtliches Risiko betrachtet, während steigende Zinsen von einem Drittel der Umfrageteilnehmer als großes oder beträchtliches Risiko hervorgehoben werden.
Dr. Thomas Wiesemann, Chief Market Officer von AGI, kommentierte die Umfrage mit den Worten: „Nahezu alle Indikatoren zeigen eine wachsende Beunruhigung im Hinblick auf Kapitalmarktrisiken, insbesondere eine hohe Sensibilität in Bezug auf die Volatilität“. Mit Blick auf die Bonität von Staatsanleihen merkt Wiesemann an, dass dieser Sicherheitsanker infrage gestellt werde. Zudem sei die traditionelle Rückzugsposition in doppelter Hinsicht problematisch. Entweder sei sie zu risikoreich oder zu schwach verzinst. Zugleich spricht sich der AGI-Experte gegen eine Abkehr von Risiko-Assets aus. Ein solches Vorgehen berge beträchtliche Gefahren für institutionelle Anleger. Wiesemann spricht damit einen Punkt an, der vielen Institutionellen unter den Nägeln brennt: „Sie können dann nur unzureichend die Ertragsziele decken, die zur Erfüllung ihrer Verbindlichkeiten notwendig sind. Nach Abzug der Inflation stehen möglicherweise sogar negative Ergebnisse“.
Aus den Umfrageergebnissen geht hervor, dass institutionelle Investoren die Risiken hinsichtlich Regulierung und Governance derzeit deutlich geringer bewerten als die Finanzmarktrisiken. Dennoch wachse das Unbehagen im Hinblick auf striktere Vorgaben durch Regulatoren sowie auf begrenzte Ressourcen im eigenen Risikomanagement, wie AGI unterstreicht. Wiesemann zufolge werden die Risiken aus strikteren regulatorischen und Governance-Themen schlichtweg relativ weniger wahrgenommen.
Extrem-Ereignisse sorgen für Unruhe
Die Umfrage zeige, dass deutlich mehr Investoren den Eintritt von Extremereignissen erwarten. Wie AGI weiter herausstellt, sehen knapp 63 Prozent der Befragten in sogenannten Tail Risks ein großes oder beträchtliches Risiko, verglichen mit 48 Prozent noch vor sechs Monaten. Wiesemann zufolge registrierten Anleger mit wachsendem Unbehagen, dass die Vernetzung von Risiken vor dem Hintergrund extremer Marktbewegungen zu vorher „undenkbaren“ Risiken führen könne.
Die von AGI befragten Investoren zeigen gerade im Hinblick auf Kontrahentenrisiken zunehmend Nerven: 57 Prozent gaben an, darin ein großes oder beträchtliches Risiko zu sehen. Vor einem halben Jahr gaben lediglich 31 Prozent der Befragten diese Einschätzung ab. Auch wenn 80 Prozent der Befragten denken, dass der Euro trotz der aktuellen Probleme überlebt, wird die Staatsschuldenkrise äußerst ernst genommen. AGI zufolge gehen das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung und die Sorge über die Bonität von Staatsanleihen Hand in Hand. Investoren in Italien, Frankreich und Deutschland seien am zuversichtlichsten hinsichtlich des Fortbestands des Euros. Gleichzeitig seien die Anleger aus diesen Nationen aber auch besonders beunruhigt über das Risiko von Staatstiteln.
Risikomanagement unterschiedlich weit entwickelt
Mit 40 Prozent der Antworten ist die Diversifikation die meistgenutzte Form des Risikomanagements, wie AGI aus der Umfrage entnommen hat. Daneben greifen die institutionellen Anleger mit jeweils zwölf Prozent auf Risiko-Monitoring sowie Durationsmanagement zurück. Dr. Reinhold Hafner, Chief Executive Officer der AGI-Tochter risklab, sieht derweil noch Verbesserungspotenzial: „Diese Ergebnisse zeigen, wie weit institutionelle Anleger ihr strategisches Risikomanagement-Konzept entwickelt haben“ Allerdings gebe es Unterschiede hinsichtlich des Fortschritts bei der Umsetzung. „Investoren sollten sich von statischen Risikokonzepten, die auf historischen Normalverteilungen beruhen, lösen und auf vorausschauende dynamische Lösungen setzen, die explizit Extrem-Risiken und das Zusammenlaufen von Korrelationen berücksichtigen“, so Hafner. Dynamische Risikomanagement-Strategien, die über reine Diversifikation hinausgehen, hätten sich in der Finanzkrise bewährt und würden weiter an Bedeutung gewinnen.
Vor dem Hintergrund der volatilen Marktverhältnisse rät Wiesemann, auf dynamische Risikomanagement-Strategien zurückzugreifen. Diese seien für Anleger, „die diese schwierige Marktphase mit einem begrenzten Risikobudget überwinden müssen, schlichtweg eine Notwendigkeit geworden“.
portfolio institutionell newsflash 30.11.2011/tbü
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