Banken
6. September 2012

Studie: Basel III und Schwarze Schwäne

Die Bundesregierung will die Eigenkapitalregeln und Aufsichtsrechte von Basel III zum Jahreswechsel in Kraft setzen, obwohl auf EU-Ebene noch über Details gestritten wird. Ungeachtet des Tatendrangs zeigt eine Studie, dass systemische Risiken in dem neuen Aufsichtsregime zu wenig Berücksichtigung finden.

Mit Basel III kommen auf Banken und Sparkassen sukzessive strengere Vorgaben zu, mit dem Ziel, Steuerzahler und Volkswirtschaft besser vor dem Risiko von Bankenkrisen zu schützen. Das überarbeitete Eigenkapitalregime sorgt neben einem Schwall neuer aufsichtsrechtlicher Instrumente insbesondere für verschärfte Liquiditätsvorschriften, die sich in den Kennzahlen Liquidity Coverage Ratio (LCR) und Net Stable Funding Ratio (NSFR) widerspiegeln. Im Idealfall gehören damit die in der Finanzkrise auf getretenen, brandgefährlichen Liquiditätsengpässe der Vergangenheit an. Ob man allerdings mit Basel III Systemrisiken gänzlich ausmerzt, bleibt abzuwarten. Zumal die Too-big-to-fail-Problematik fortbesteht angesichts unverändert üppiger Bilanzsummen der systemrelevanten Commerzbank (673 Milliarden Euro) und Deutschen Bank (2,2 Billionen Euro).
Indessen wird das Regulierungsvorhaben noch vor dem offiziellen Start von den Betroffenen förmlich in der Luft zerrissen. So kommt eine aktuelle repräsentative Studie des F.A.Z.-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Consulting-Unternehmen Logica zu dem Ergebnis, Basel III könne neue Finanzkrisen nicht verhindern. Für die Untersuchung mit der plakativen Überschrift „Liquiditätssteuerung in Banken: Der schwarze Schwan im Stresstest“ befragten Marktforscher im April dieses Jahres 110 Bankentscheider bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken, darunter Bereichsleiter im Risiko-Controlling und Vorstände. Zwei Drittel der Studienteilnehmer sind der Meinung, die neuen Kennziffern des Reformpakets Basel III seien nicht als Frühindikatoren für Liquiditätsengpässe geeignet. Ein Studienteilnehmer überrascht mit den Worten: „Ich glaube nicht, dass die NSFR in ihrer heutigen Form überleben wird.“
Im Rahmen der Auswertung thematisieren die Studienautoren insbesondere sogenannte „Schwarzer Schwan“-Risiken. Ein Schwarzer Schwan symbolisiert sowohl positive als auch negative unvorhergesehene Ereignisse, mit denen man aus der reinen Vergangenheitsbetrachtung heraus nicht rechnen konnte. In diesem Zusammenhang monieren zwei Drittel der Befragten, dass der Fokus der Regulierer allein auf den Banken liegt, während systemische Risiken zu wenig Berücksichtigung finden. Daran anknüpfend formuliert Marco Burk, Head of Financial Services bei Logica in Deutschland, Detail kritik an Basel III: „Die größte Schwierigkeit liegt darin, dass sich die Regulierer auf Risikofaktoren beschränken, die aus vergangenen Finanzkrisen bekannt sind.“ An neuen, unbekannten Risikophänomenen müssten die Vorgaben zwangsläufig scheitern, so Burk. „Auf künftige Risiken kann sich der Bankensektor nur so vorbereiten, dass er mit weniger komplexen und damit letztlich auch weniger rentablen Geschäfts modellen arbeitet“, konstatiert der Branchenkenner.
Auf breite Kritik stoßen die neuen Vorgaben gerade deshalb, weil sie den individuellen Erfordernissen der einzelnen Institute nicht gerecht werden. 82 Prozent der Studienteilnehmer bemängeln dies. „Interne Modelle sind flexibler als die standardisierten Vorgaben der Aufsicht“, betont Burk und ergänzt: „Auch in Zukunft werden die Banken daher mit zwei Systemen arbeiten – eines für das Meldewese und eines für die interne Liquiditätssteuerung.“ Mit dieser Herangehensweise könnten die Banken in der Prognose unterschiedliche Szenarien berücksichtigen, etwa neue Risikophänomene im Finanzmarkt.
Um den neuen Anforderungen Rechnung zu tragen, reduzieren die Banken die Risiken in ihren Portfolien. Sie strukturieren ihre Vermögenswerte um beziehungsweise gewichten diese neu. Wie die Studienautoren herausgefunden haben, wollen fast zwei Drittel (59 Prozent) ihre Liquiditätsreserven durch Bargeld, Zentralbankreserven oder auch Staatsanleihen aufstocken. 44 Prozent wollen ihren Bestand an Schuldverschreibungen, wie Pfandbriefe oder Unternehmensanleihen, mit einem Rating schlechter als AA- verringern. Das hätte jedoch nicht nur für bonitätsschwache Schuldner eine sinkende Nachfrage zur Folge, sondern auch die Anleihen attraktiver Emittenten aus dem Dax, wie Siemens und BASF, beide von S&P mit A+ bewertet, könnten aus den Bankportfolien geschasst werden. Als eines von wenigen Dax-Unternehmen kann die Deutsche Börse dagegen mit einem S&P-Rating von AA+ im Bankenlager auf Roadshow gehen.
Derivate zur Absicherung von Liquiditätsrisiken
Die Studie befasst sich auch mit der Frage, ob Derivate möglicherweise das Liquiditätsrisiko abdecken können. Auch wenn es solche Derivate bislang nicht gibt und die Idee, mit Derivaten Liquidität sicherzustellen zu wollen, die Regulierungsanstrengungen konterkariert, schätzen 26 Prozent der Befragten ein hypothetisches Liquiditätsderivat als interessante Option ein. Denkbar sei etwa eine Swap-Konstruktion, die den Tausch von Gebühren- beziehungsweise Zinszahlungen gegen eine Cashauszahlung zu einem festgelegten Zeitpunkt vorsieht. „Unser Treasury wäre begeistert von dieser Möglichkeit“, so die Aussage eines Bankenvertreters. Allerdings bleibt offen, wer als Counterpart dafür infrage kommt. Banken jedenfalls nicht. Denn Swaps im Interbankengeschäft verlieren aufgrund der neuen Kennziffern an Attraktivität. Und Versicherungen kommen wegen Solvency II ebenfalls nicht als Kontrahenten infrage. Bleiben also nur Privatunternehmen und Privatpersonen.
Neben herber Kritik bringt die Studie auch positive Aspekte ans Tageslicht. So haben über drei Viertel der Kreditinstitute (77 Prozent) erste Proberechnungen für die neuen Liquiditätskennziffern erstellt. 68 Prozent haben dabei die geforderten Werte erreicht. Insofern erfüllen etwas mehr als die Hälfte von ihnen die Mindeststandards, die die Bundesregierung am liebsten mit der Brechstange und entgegen aller Kritik durchsetzen würde.
portfolio institutionell newsflash 05.09.2012/tbü
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