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3. März 2026

Sustainable Finance im Schatten globaler Verteilungskämpfe

Klimapolitik ist ein Spielball nationaler und globaler Verteilungsinteressen. Dem kann sich die grüne Transformation nur bedingt entziehen. Mit Blick auf die steigenden Klimafolgeschäden ist die zentrale Frage, wie ein Umsteuern vom bisherigen klimapolitischen Kurs realistischerweise möglich ist. Erst wenn diese politische Aufgabe bewerkstelligt ist, kann der Finanzsektor seine passende Rolle finden.

Die Eroberungen und nachfolgenden Ausbeutungen der Kulturen Mittel- und Südamerikas durch die spanischen Konquistadoren im 15. bis 16. Jahrhundert dezimierte nach vorsichtigen Schätzungen eines Forschungsteams des University College London aus dem Jahr 2019 bis zu 90% der Bevölkerung durch Kriege, Versklavungen, Krankheiten und Seuchen. Als eine Folge davon brach der größte Teil der Landwirtschaft zusammen. Auf den unbewirtschafteten Flächen von der Größe Frankreichs setzten die Naturkräfte eine Wiederaufforstung in Gang, in deren Folge es zu einer umfangreichen Kohlendioxidspeicherung kam.

Nach der Studie der Londoner Wissenschaftler war dieser Vorgang mitverantwortlich für den Rückgang der damaligen Welttemperatur um durchschnittlich 0,15 Grad Celsius und bedeutete einen Schub für die globale „kleine Eiszeit“ ab dem 16. Jahrhundert. Dieser anthropogen verursachte Klimaeffekt verhielt sich entgegengesetzt zum heutigen, aber damals wie heute ähnelt sich die wesentliche Ursache: die massive Umverteilung von Vermögen.

Waren es in der post-kolumbianischen Zeit die gewaltsamen Aneignungen von Gold- und Silberschätzen der indigenen Bevölkerung durch die europäischen Konquistadoren und im Gefolge davon die Genozid-artigen „Kollateralschäden“ an Inkas, Azteken und anderen, so sind es heute die Schäden verursacht durch die „Treibhausgas-Konquistadoren“ der Neuzeit.

Klimapolitik ist bis heute auf vielfältige Weise ein Spielball nationaler und globaler Verteilungsinteressen, die lange Zeit nicht auf offener Bühne ausgetragen wurden, sondern im Dunkel von Schattenwirtschaften, in Hinterzimmern imperialer Machtpolitiker, mittels Korruptionsgeflechten aus Wirtschaft, Politik und informellem Sektor und im außerparlamentarischen Raum durch Nichtregierungsorganisationen. Möglicherweise werden in naher Zukunft solche Verteilungskämpfe vermehrt offen, unter Umständen auch militärisch ausgetragen, wie der offensichtlich durch US-Ölinteressen begründende Einfall der USA in Venezuela zum Jahresbeginn befürchten lässt.

Die grüne Transformation kann sich geopolitischen Prozessen nicht entziehen und wird unter anderem Kompromisse eingehen müssen.  Ohne sie fehlen der Transformation die kritischen Rohstoffe (zum Beispiel Seltene Erden), werden geopolitische Abhängigkeiten unvermeidlich, drohen Rückschläge und Rationierungen durch das Vordringen von nicht auf Sozial- und Umweltstandards achtenden Konkurrenten oder wird eigenes Anspruchsdenken zum Stolperstein. Die USA unter der Trump-Administration bekennen sich gar offen zur Abkehr von einer grünen Transformation, auch weil sie den nationalen Wohlstand mit anhaltender Öl- und Gasförderung aufrechterhalten wollen.

All dies verhagelt die Nachhaltigkeitsbilanz grüner Transformationen. Gerade die EU und einige ihrer klimapolitisch ambitionierten Mitgliedstaaten machen hier seit einiger Zeit einen harten und ernüchternden Lernprozess mit, der ihnen die begrenzten Wirkungsmöglichkeiten von Programmen wie dem Green Deal oder dem Aktionsplan „Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ in einer Welt um sie herum aufzeigt, die zu großen Teilen nicht den Nachhaltigkeitszielen und -vorstellungen einer EU folgt, obwohl diese sich immer noch mit ihrer Klima- und Nachhaltigkeitspolitik dem Rest der Welt als Vorbild empfiehlt. Immer mehr verklärt sich diese Ambition zu reinem Wunschdenken. Vorwürfe von Emerging Countries und Entwicklungsländern, die EU-Klimapolitik sei verkapptes neokoloniales Gehabe, häufen sich und die aktuellen geopolitischen Verwerfungen zwischen den Industriestaaten zeugen von konträren Politiklinien gerade zwischen Europa und den USA aber auch zwischen Europa und dem „Globalen Süden“.

Klimapolitik ist nicht die Aufgabe des Regulators

Akzeptiert man die Bedeutung von Verteilungsfragen, die daraus entstehenden Konflikte und Behinderungen für die Lösung des globalen Klimaproblems, so erscheint die Rolle von Finanzmärkten und Finanzinstituten in einem neuen Licht. Wirtschaftswissenschaftlich betrachtet sind sie für die Lösung von verteilungspolitischen Fragen und Aufgaben fehladressiert, denn Finanzmärkte erfüllen eine Allokationsfunktion, sie vermögen Kapital nach dem Gebot der Knappheit von der Angebots- zur Nachfrageseite zu mobilisieren und Risiken auszubalancieren, eine Distributionsfunktion für politisch gewollte Umverteilungen ist nicht ihre Aufgabe.

Dies bedeutet nicht, dass ihre Allokationen keine verteilungsmäßigen Spuren hinterlassen können. Sie entstehen jedoch ungesteuert und nicht als Teil einer regulierungs-politischen Handlungsvorgabe. Hier hat der Regulierer auch seine eigentliche Aufgabe: Regeln zu schaffen und Aufsichten zu praktizieren, die die Stabilität des Finanzsystems gewährleisten – Klimapolitik ist nicht seine Aufgabe. Eben diese Erfahrungen machen seit einiger Zeit all jene Befürworter einer durch grüne Regulatorik erzwungenen Indienstnahme des Finanz- und Versicherungssektors, mit dem ein positiver Impact auf Umwelt- und Sozialfeldern, insbesondere zum Wohle des Pariser Klimaschutzziels erreicht werden soll. Aufsichtsorgane wie insbesondere die EBA und die Bundesbank hinken dieser Erkenntnis hinterher und ihre diesbezüglichen Lernvermögen erscheinen träge.

Die Ambitionen gesellschaftlich ausgerichteter Investoren mit „gutem Geld, Gutes für die Welt“ zu tun, stehen aufgrund der Erfahrungen der vergangenen Jahre seit der Ingangsetzung des EU-Aktionsplans im Jahr 2018 und mit dem dramatischen Anstieg der Welttemperatur sowie der daraus immer heftigeren Extremwetterereignisse mit wachsenden Vermögensschäden vor ernüchternden Ergebnissen. Sustainable Finance hat all das nicht aufhalten können, weil der ordnungspolitische Ansatz größtenteils auf falschen Annahmen sowie überzogenen Hoffnungen beruht und auch weil verteilungspolitische Problem ungelöst bleiben. Einige Beispiele dienen der Illustration:

So besteht für Immobilienbesitzer und -käufer die Gefahr, dass sie aufgrund von Taxonomievorgaben in der Kreditvergabe von Finanzinstituten entweder ganz rationiert werden, höhere Sicherheiten leisten müssen oder/und höhere Kreditzinsen durch Risikoaufschläge zu zahlen haben, wenn ihre Immobilie nicht die höchsten Energieeffizienzgrade aufweist. Hindernisse in der Finanzierung des Bestandes und des Neuerwerbs von Immobilien haben verteilungspolitische Folgen, ist doch Wohneigentum ein wichtiger Baustein im Vermögensaufbau und ein zentrales Aufstiegsversprechen für die Mittelschicht. Grüne Transformationen werden dort trotz durchaus hoher Akzeptanz von Immobilieneignern im Grundsätzlichen aufgrund der finanziellen Belastung aber immer mehr als Verteilungsbelastungen wahrgenommen.

Anleger, die sich Anlageformen mit Nachhaltigkeitsversprechen zugewendet haben, erlitten über die vergangenen Jahre zum Teil finanzielle Einbußen und unter Umständen Vermögensverluste, was sich anhand von Marktindizes aufzeigen lässt. So wies der MSCI World ESG Leaders Index zwischen Januar 2022 und Oktober 2024 eine negative Gesamtrendite in Höhe von gut zwei Prozent auf, der konventionelle MSCI World Index legte dagegen in dieser Zeit um fast neun Prozent zu. Anleger konnten auch bei grünen Themenfonds Performance-Rückgängen ausgesetzt sein. Beispielsweise verloren Clean-Energy-Fonds zwischen 2021 und 2023 im Durchschnitt 45 Prozent an Wert, wohingegen der konventionelle Aktienmarkt weitgehend stabil blieb. Berücksichtigt man noch eine bei grünen Investments in Europa gegenüber konventionellen Fonds durchschnittlich um drei Promille höhere Gesamtkostenquote, erhöht dies die ungünstigen Verteilungsfolgen für das Vermögen grüner Anleger.

„Distributive Machtlosigkeit“ der Kapitalmärkte

Kommen wir zur globalen Bühne. Gerade Hauptlieferländer für das Treibhausgas verantwortliche Erdöl und Erdgas, wie die Opec-Staaten und Russland, operieren über Staatsfonds und regierungsgesteuerte Unternehmen, und damit mit einer Kapitalbasis, die außerhalb offizieller Kapitalmärkte liegt. Und selbst der Börsengang des saudi-arabischen Staatsunternehmens Aramco vor einigen Jahren rief alles andere als klimafreundliche Reaktionen hervor: Der IPO erfreute sich unter internationalen Investoren einer regen Nachfrage – aus Anlegersicht durchaus verständlich, schließlich hatten doch die globalen Multis des Öl- und Gasgeschäfts wie Exxon oder Shell in den zurückliegenden Jahren erhebliche Gewinnzuwächse zu verzeichnen. Im für die Bändigung des Temperaturanstiegs durch den Treibhausgasausstoß so wichtigen Bereich der fossilen Energie treten die Interessengegensätze in der globalen Klimapolitik besonders deutlich zu Tage – und im Gefolge davon die „distributive Machtlosigkeit“ der Kapitalmärkte.

Positive Nachhaltigkeitswirkungen durch Finanztransaktionen investorenseitig erzielen oder politisch lenken zu wollen erfordert unter anderem, dass sich die dafür relevanten Kapitalströme auf offiziellen Finanzmärkten bewegen. Wie die Ausführungen andeuteten, muss gerade in Emerging Countries damit gerechnet werden, dass sich kontroverse und nicht-nachhaltige Aktivitäten, die es zum Positiven zu steuern gälte, in der Schattenwirtschaft abspielen und sich dem Zugriff der offiziellen Kapitalmärkte entziehen. Etliche Aktivitäten im Bergbau unterliegen dieser Einschränkung, oft auch interagierend mit hoher staatlicher Korruption und nicht selten in sogenannte Failed States, von funktionsunfähigen Finanzmärkten gar nicht erst zu sprechen. Dabei handelt es sich wiederum um verteilungspolitische Folgen für Gewinner und Verlierer der Klimapolitik. Auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes privates Kapital vermag hier so gut wie nichts auszurichten.

Konträre „grüne“ Finanzregulatorik

Für Unternehmen als die primären Adressaten staatlicher Klimapolitik und grüner Kapitalallokateure werden die global immer weiter auseinanderklaffenden regulatorischen Anforderungen zu einer anschwellenden geschäftspolitischen Herausforderung. So hat die aus der sogenannten MAGA-Bewegung resultierende wirtschaftspolitische Priorisierung der heimischen Öl- und Gasindustrie und der amerikanischen Wirtschaft generell in den USA unter der Trump-Administration unter anderem zum Ziel, wieder einen höheren Anteil an der Weltproduktion fossiler Energiequellen zu erringen. Der Ausstieg aus dem Klimaschutzabkommen 2015 in Paris, die Stigmatisierung grüner Geldanlagepolitiken als „Woke“ bis hin zu Verboten für ESG-Investments von Pensionseinrichtungen durch Gerichte in einigen US-Bundesstaaten sind für global agierende Unternehmen (und Investoren) nur die Spitze eines Eisbergs, der eine stark konträre Einstellung und Regulierung zu Klimaschutz- und Nachhaltigkeitszielen vor allem gegenüber denen der EU darstellt – und damit ein bipolares ESG-Regulierungsverhältnis für die Industriestaaten diesseits und jenseits des Atlantiks sowie die dort ansässigen Unternehmen schafft. Für Investoren und Kapitalmärkte gerade im EU-Raum erzeugt dies Irritationen und strukturelle Unsicherheiten, die auch die Unmöglichkeit offenbaren, dass der Finanzsektor solche geo- und verteilungspolitischen Fragen lösen kann (oder soll).

Das Dilemma der EU

Die EU, die Regierungen ihrer Mitgliedsstaaten und ihre dort ansässigen Unternehmen befinden sich nach den Erfahrungen seit dem Pariser Klimaschutzabkommen und dem Aktionsplan „Finanzierung nachhaltiges Wachstum“ in einem Dilemma. Eine weitgehende Erreichung der Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsziele der EU mittels einer priorisierten Indienstnahme des Finanz- und Versicherungssektors ist im Prinzip am fehlgeleiteten Distributionsauftrag des Finanzsektors durch die Politik zum Scheitern verurteilt. Dabei ist es nicht nur der gordische Knoten der Sustainable Finance-Regulierung, der trotz der Omnibus-Initiativen der EU-Kommission am Problem einer global abgestimmten und damit erst wirksamen Klimapolitik kaum etwas zu ändern vermag. Dass die nach Berechnungen des Weltklimarats von den negativen Folgen des globalen Temperaturanstiegs am schwersten betroffenen Staaten wie auf COP 30 ins Räderwerk der klimapolitisch sie eher schädigenden Machtinteressen wirtschaftlich und politisch dominierender Staaten geraten, verdeutlicht, dass Klimapolitik erheblich und teilweise ausschließlich von Verteilungspolitik beherrscht wird.

Grüne Kapitalanlagen, grüne Regelwerke für den Finanz- und Versicherungssektor, aufsichtsrechtliche Klimmzüge zur Erreichung von positivem Klima-Impact in der EU und ihren Mitgliedstaaten haben immer weniger Chance, sich international durchzusetzen – wenn sie diese Chance denn aufgrund der erodierenden Bedeutung Europas und vor allem auch ihres Finanzsektors in der Welt überhaupt je hatten. Eine EU als „normative Macht“ zur Durchsetzung ihrer Werte-, respektive Nachhaltigkeitsvorstellungen auf der Weltbühne wurde und wird oft von vielen Staaten des globalen Südens als neokoloniales Gehabe argwöhnisch betrachtet und verpufft bei den Großmächten ohnehin. Argwohn besteht auch innerhalb der EU selbst, etwa bei vielen Unternehmen wie aus dem Automobilsektor, die durch die grüne Regulierung wachsende geschäftliche Einbußen erleiden.

Internationale Kooperationen: quo vadis?

Unter diesen verteilungspolitisch getriebenen Umständen ist die Rolle und Bedeutung des Finanzsektors für die Rettung des Weltklimas fehladressiert. Die mittlerweile in Anbetracht sich verschärfender Klimafolgeschäden zentrale Frage ist, wie ein Umsteuern der Weltgemeinschaft vom bisherigen klimapolitischen Kurs unter Lösung des Verteilungsproblems realistischerweise möglich ist. Internationale Kooperationen hier neu zu denken, ist notwendig und scheint in Gang zu kommen, wie das aktuelle Positionspapier der DIHK zum Klimaschutz zeigt. Ob allerdings grundsätzlich eine solche, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs weitgehend bewährte „Stärke des Rechts“ wie das internationale Abkommen zum Klimawandel (Paris Alignment) noch eine Chance haben werden, erscheint zunehmend fraglich, da sich die dramatisch verändernden Machtverhältnisse in der Welt zum „Recht des Stärkeren“ entwickeln. Der Finanzsektor wird in dieser Gemengelage seine passende Rolle noch finden müssen. Finanzmärkte, Investoren und Versicherer können unter den aktuellen geopolitischen Entwicklungen und vor allem wegen des gewandelten Machtauftritts der USA (Stichwort „Donroe Doktrin“) noch weniger denn je die Herausforderungen zur Bekämpfung des Klimawandels priorisiert schultern. Und globale politische Lösungen erfordern einen immer längeren Atem – den die Erderwärmung aber nicht zulässt.

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