Strategien
4. Juli 2012

UN PRI will Präsenz in Deutschland ausweiten

Das globale Netzwerk der UN-Initiative „Principles for Responsible Investment“ erfährt regen Zuspruch. Im Gespräch mit portfolio spricht ­Chairman Dr. ­Wolfgang ­Engshuber über Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage und Hedgefonds bei UN PRI.

_Herr Dr. Engshuber, Sie gelten in der Asset-Management-Branche als Nachhaltigkeitsverfechter. Warum sollten sich institutionelle ­Investoren abseits des Renditedenkens mit Nachhaltigkeit beschäftigen?
Ich bin überzeugt davon, dass Nachhaltigkeits- und ESG-Themen für Main-Stream-­Investments eine entscheidende Rolle spielen. Deshalb bin ich auch bestrebt, ökologische und soziale Kriterien sowie Kriterien ­guter Unternehmensführung zum Maßstab von Investitionsentscheidungen zu machen. Denn aus meiner Sicht gehören diese ESG-Themen zu den wichtigsten Entscheidungskriterien im Investmentprozess, neben der Analyse des Managements und des Risiko­managements in Unternehmen.

_Sie gehören zu dem kleinen Kreis der 20 Gründungsmitglieder von UN PRI und haben schon 2005 an der Entwicklung der Principles for Responsible Investments der UN mitgewirkt, die dann im Jahr darauf publiziert ­wurden. Worin bestand Ihre Motivation, die UN PRI aktiv mitzugestalten?
Lassen Sie mich kurz etwas zum Hintergrund sagen. Kofi Annan hatte in seiner Zeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen die Vision, dass die großen Herausforderungen der Welt nicht von der Politik allein ­getragen werden können, sondern nur in ­Zusammenarbeit mit dem Privatsektor. In ­gewisser Weise haben wir uns an der im Jahr 2000 gegründeten UN-Initative „Global ­Compact“ orientiert und sie als Vorbild für die UN PRI herangezogen.

_Der Global Compact ist ein weltweiter Pakt, der zwischen Unternehmen und den ­Vereinten Nationen ­geschlossen wurde, um die ­Globalisierung s­ozialer und ökologischer zu gestalten.
So ist es. Die Unternehmen, die den ­Global Compact unterschreiben, erklären ­damit ihren Willen, sich darum zu bemühen, in ­Zukunft bestimmte soziale und ­ökologische Mindeststandards einzuhalten, an der ­Abschaffung von Kinderarbeit mitzuwirken und gegen alle Arten der Korruption ­einzutreten. Im Global Compact haben sich weltweit rund 6.000 Unternehmen ­zusammengeschlossen. Vor diesem ­Hintergrund stand noch die Idee einer ­Initiative für Investoren im Raum, die wir dann relativ ­zügig in Form von UN PRI ­umgesetzt ­haben.

_Eine Organisation innerhalb der Vereinten Nationen, das klingt nach Bürokratie.
Das ist nicht der Fall. Der Charme besteht darin, dass die PRI-Initiative der UN einerseits durch die Mitgliedsbeiträge der Signatoren getragen wird und gleichzeitig nicht an die bürokratischen Prozesse der UN gebunden ist.
 

_Verantwortungsbewusstes Investieren, auch Socially Responsible Investing (SRI) genannt, ist angesichts des ökonomischen Gewichts ­institutioneller Investoren von größter Bedeutung für die Erhaltung oder Schaffung von ESG-Standards weltweit. Lassen Sie uns in die Praxis blicken. Wie erfolgt die Zusammen­arbeit der Signatoren bei Projekten?
Länderübergreifende Anstrengungen und Ziele, etwa beim Klimaschutz, ließen intern die Frage aufkommen, wie Investoren das ­unterstützen können. Wir sind uns der Tat­sache bewusst, dass wir nur gemeinsam ­etwas erreichen können. Signatoren, die sich in ­bestimmten Projekten engagieren möchten, kommen im sogenannten Clearing-Haus ­zusammen. Dort werden konkrete Initiativen gegründet. Wir haben inzwischen über 300 solcher Initiativen gestartet, die sich zum Beispiel der Kinderarbeit widmen. Die Zahl der UN-PRI-Signatoren liegt inzwischen bei 1.052. Das ist aus meiner Sicht schon eine starke ­Basis, auf der wir aufbauen können. Heute sind bereits mehr als 350 der ­Unternehmen in Initiativen eingebunden, die sich mit SRI-Projekten befassen. Dabei werden gemeinschaftliche Aktionen nicht nur diskutiert, sondern auch in die Praxis umgesetzt. Ein ­aktueller Ansatz unserer ­Signatoren ­besteht darin, ­gemeinschaftlich Einfluss auf die Ausarbeitung neuer ­Rating-Kriterien auszuüben.

_Haben Sie sich mittelfristige Ziele gesetzt was die Anzahl der Signatories betrifft? Oder gilt für Sie „Qualität statt Quantität“?
Unser Netzwerk wächst recht dynamisch. Aber quantitative Ziele haben wir uns intern nicht gesetzt. Unser Ziel besteht vielmehr ­darin, die Signatoren zu animieren, aktiver zu sein und sich in der Gruppe stärker zu ­integrieren. Das ist mir ein wichtiges ­Anliegen. Darüber hinaus arbeiten wir aktiv daran, ­unsere regionale Präsenz, die bislang noch einige Lücken aufweist, sukzessive zu ­vergrößern.

_Welche Regionen stehen dabei im Fokus?
Asien steht auf meiner Agenda weit oben. In Amerika, Australien und Europa sind wir dagegen schon sehr präsent. Ich fände es ­begrüßenswert, wenn die Globalisierung ­innerhalb der UN PRI voranschreitet. So ­gesehen, möchten wir natürlich neue Signatoren ansprechen. Darüber hinaus zielen wir darauf ab, die interne Zusammenarbeit zu ­erhöhen. Ich vergleiche uns immer gern mit dem New-York-Marathon.

_Wie sieht der Vergleich aus?
Für die Veranstalter dieses weltweit ­beachteten Events ist es doch in erster ­Linie erstrebenswert, möglichst viele Läufer zur Teilnahme zu animieren. Ein weiteres Ziel ­besteht nun ­möglicherweise darin, dass ­idealerweise alle Läufer das Ziel ­erreichen. Und schließlich könnte aus der Sicht der Marathon-­Organisatoren ein Ziel darin ­bestehen, dass sich die durchschnittliche ­Laufzeit der Teilnehmer von Jahr zu Jahr ­verbessert.

_Nachdem sich bereits 1.052 Asset Owner, ­Investment Manager und Professional Service Partners die PRI auf die Fahne ­geschrieben ­haben, muss es nun darum ­gehen, dass sie die Prinzipien auch in der Praxis umsetzen?
Ja, so stelle ich mir das vor. Damit wäre ­allerdings nur ein Teil der sechs Prinzipien umgesetzt, nämlich die Berücksichtigung von ESG-Themen in der Investmentanalyse, ihre aktive Umsetzung in der Praxis, bis hin zum Engagement bei den Unternehmen, in die unsere Mitglieder investieren. Darüber ­hinaus fordern die PRI von ihren Signatoren, die ­Akzeptanz in der Investmentindustrie ­voranzutreiben, eine engere Zusammen­arbeit und eine adäquate jährliche Berichterstattung über die individuellen Fortschritte.

_Die PRI finden weltweit Anklang, Deutschland scheint aber unter­repräsentiert zu sein.
Wir haben Deutschland bislang vernachlässigt. Ein Grund, weshalb die PRI-Initiative hierzulande mit insgesamt 30 Vertretern noch relativ wenige Mitglieder umfasst, liegt unter anderem in den Reporting-Anforderungen, die von vielen argwöhnisch ­betrachtet werden. Darüber hinaus habe ich beobachtet, dass das Engagement auf Hauptversammlungen noch ausbaufähig ist. Gleichwohl ist die hiesige Community die aktivste unter den weltweiten Netzwerken.

_Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. Kommt Deutschland bei UN PRI noch aus der Deckung?
Davon bin ich überzeugt! Ich gehe davon aus, dass sich die Zahl der deutschen Signatoren mittelfristig verdoppeln wird.

_In den vergangenen Jahren haben sich global orientierte Investoren besonders für die ­aufstrebenden Märkte, die sogenannten Schwellenländer, interessiert. Welche Erfahrungen haben Sie zum Beispiel in den Bric-Staaten gemacht?
In einzelnen Bereichen sind die Bric-Staaten beziehungsweise die Schwellenländer ­deutlich weiter als die hochindustrialisierte Welt. Nehmen Sie das Beispiel Brasilien. Dort ­verzeichnen wir eine besonders starke Marktdurchdringung. Unter den institutionellen ­Investoren des Landes gibt es große Nachhaltig­keitsverfechter. Ich kann Ihnen von einer Gruppe, bestehend aus zehn Top-­Investoren, berichten, die mit insgesamt 700 Milliarden Dollar an Assets under Management rund 70 ­Prozent des Marktes abdecken. Diese Investoren haben sich gemeinsam  dazu entschlossen, von ihren Brokern künftig umfang­reichere Analysen zu verlangen, die ESG-­Themen berücksichtigen.

_Haben Finanzmarktverwerfungen Einfluss auf die Bereitschaft der Marktteilnehmer, nachhaltige Investments auf Eis zu legen?
Viele Investmenthäuser ­sagen ihren ­Managern, ESG im Investmentprozess zu ­berücksichtigen. Allerdings ist ­diese Vorgabe nicht absolut verpflichtend. ­Damit ist gemeint, dass sie ihren Managern den Freiraum für kurzfristige Investments geben.

_Wie wird sich der überarbeitete Fragen­katalog ­präsentieren, den die PRI-Signatoren im ­jährlichen Rhythmus  ausfüllen müssen?
Wir haben das Reporting überarbeitet. Der Fokus des Fragenkatalogs an unsere ­Mitglieder soll sich stärker auf die Praxis ­konzentrieren. Konkret soll intensiver auf die Asset-Klassen der Signatoren abgestellt werden. Als ein weiteres ­Novum planen wir die verpflichtende ­Veröffentlichung einzelner Aussagen des ­jährlichen Fragebogens, die mitunter an ­keiner anderen Stelle publiziert werden. Um die Bereitschaft der Mitglieder zu ergründen, werden wir im laufenden Jahr eine Testphase durchführen. Dann wird sich zeigen, ob die  Unternehmen bereit sind, Informationen zu veröffentlichen, die bislang nicht für die ­Öffentlichkeit zur Verfügung standen.

_Die Man Group, ein Hedgefondsanbieter aus Großbritannien, hat jüngst die PRI unterzeichnet. Können Sie mitbestimmen, wer die UN PRI unterzeichnet?
Die Interessenten werden im Vorfeld ­begutachtet und dann durch das Membership Committee aufgenommen. Signatoren müssen sich den sechs Prinzipien verpflichten, wobei der jeweilige CEO in der Pflicht ist, die Prinzipien intern auch umzusetzen. Sollte sich ­jedoch herausstellen, dass sich einzelne Mitgliedsunternehmen nicht regelkonform verhalten, müssen sie das Netzwerk verlassen. Spätestens beim Reporting zeigt sich, wer die PRI ernst nimmt. Zur Qualitätskontrolle ­hinterfragen wir übrigens die Reportings ­aller ­Signatoren regel­mäßig.

Das Interview führte Tobias Bürger, portfolio institutionell, 15.06.2012

Autoren:

In Verbindung stehende Artikel:

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.