Strategien
27. Februar 2019

Unwucht in der ESG-Welt

Der Klimawandel dominiert die Umweltdebatte in der Gesellschaft. Die Politik konzentriert sich immer mehr auf die Reduzierung des CO₂-Ausstoßes. Doch wo bleiben die sozialen ­Faktoren von ESG – ­also die Ethik im Portfolio? Unter Investoren, Experten und Asset Managern herrscht (noch) eine große Kakophonie.

Soziales schwerer messbar

Oliver Oehri von CSSP mahnt auch zur Vorsicht im Umgang mit dem Begriff ‚Nachhaltigkeit‘: „Man muss den deutschen Begriff ‚Nachhaltigkeit‘ von ESG unterscheiden. Nachhaltigkeit ist die positive Formulierung eines hohen ESG-Scores! Es kann aber auch Unternehmen geben, die einen ESG-Wert von Null haben, ESG ist daher wertneutral. Was ­nachhaltig ist, bestimmt daher der Anleger.“

ESG und Ethik im Speziellen ist nach Einschätzung vieler Experten weniger ein wichtiger Faktor für die Outperformance. Taugt ESG wohl aber, um Risiken zu begrenzen? Oliver Oehri meint, ja: „Die Studien, die wir sehen, zeigen, dass ESG insbesondere für das Downside-­Risiko einen Schutz bietet. ESG kann so als Frühwarnindikator ­dienen, der zu starken Abschlägen bei der Rendite führen kann. Es zeigt sich, dass hohe ESG-Bewertungen hier das Risiko eher ­eingrenzen. Tiefe ESG-Bewertungen können auf noch nicht ­materialisierte Risiken hinweisen – beispielsweise wie sich noch im Prozess befindende Schadenersatzklagen“, sagt Oehri.

Und Bernhard Matthes, Leiter Portfoliomanagement der Bank für Kirche und Caritas (BKC), führt aus: „ESG ist für uns ein ­Risikofrühwarnsystem und präventiv. Wir nehmen so die Hochrisikosegmente und damit die Vola aus dem Portfolio und unsere Erfahrungen­ zeigen, dass man im Aktienbereich marktkonforme Renditen erzielen kann mit deutlich weniger Risiko.“ Die katholische Bank legt umfassende Ausschlusskriterien unter anderem für ­Rüstung, Kinderarbeit und auch für Abtreibung an. Außerdem ­werden die Unternehmen, in die investiert wird, nach einem Best-in-Class-Verfahren positiv selektiert. „Wir schauen uns an, wie  beispielsweise die Weiterbildungsquote in einem Unternehmen aussieht. Wie viele Arbeitsunfälle gibt es in dem Unternehmen? Als katholischer ­Investor haben wir in einigen Branchen einen Überhang zum Faktor Soziales“, sagt Tommy Piemonte, Leiter Nachhaltigkeitsresearch bei der BKC. Seit 2003 gelten die gleichen Anlageregeln sowohl für das Asset ­Management als auch für die eigene Kapitalanlage im Depot A.

Bleibt die Frage: Ist der Faktor Soziales schwerer messbar als andere Faktoren? Ein Problem seien zum Beispiel weit verzweigte Lieferketten,­ weiß Michael Zahn von Imug Rating: „Die Erstzulieferer, also die First Suppliers, sind noch ganz gut zu bewerten, aber wenn es auf die dritte Ebene geht, dort, wo beispielsweise Knöpfe und Garn herkommen,­ wird es sehr schwierig mit der Transparenz. Die Unternehmen sind oft so klein, dass sie nicht in den Fokus geraten.“ Und Volker Weber vom Forum nachhaltige Geldanlagen sagt:  „Wie will man beispielsweise Kriterien wie die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau messen? Eine Forderung von uns ist es daher auch, die Messbarkeit im Bereich Soziales zu verbessern. Zum Beispiel durch Kennzahlen wie zu der Frage: Wie viele Arbeitsplätze werden geschaffen pro Million Investitionssumme?“

Fragt man Florian Sommer von Union Investment, wie man einen ­positiven Beitrag zu Nachhaltigkeit messen kann, nennt er die 17 SDGs der UN mit ihren 169 Subzielen als Maßstab. „Die SDGs sind der größte gemeinsame Konsens, den wir in Bezug auf das haben, was Nachhaltigkeit ist. 195 UN-Mitgliedsstaaten haben die SDGs ­unterzeichnet. Die einzelnen SDGs sind klar in einzelne Subziele operationalisiert. Man kann im sozialen Bereich außerdem verschiedene­ Kennzahlen messen, zum Beispiel den Gini-Koeffizienten,­ der die soziale Ungleichheit misst, oder Indikatoren zur Messung von Armut oder des Bildungsstandards. Das hat sicher nicht den gleichen Stellenwert wie das Pariser Abkommen, aber gibt eine klare Zielrichtung vor. Aber es ist auch klar, dass noch viel mehr nötig sein wird, um diese Ziele zu erreichen.“

Umweltkatastrophen, Ausbeutung durch Kinderarbeit und Korruptionsskandale: Die Welt hat schon vieles gesehen. Ob diese Dinge ­einmal eindeutig messbar sein werden, steht noch in den Sternen. Wahrscheinlich wird es verschiedene Wege zum Ziel geben. Aber die ­Debatte um alle diese Fragen hat einen Wert an sich.

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