Versorgungswerke
23. April 2012

Versicherungslobby fordert Zinswende

Rolf-Peter Hoenen, Präsident des GDV, bezieht Position zum anhaltenden Niedrigzinsumfeld und fordert die Europäische Zentralbank auf, ihre expansive Geldpolitik zurückzufahren. Die soliden Zahlen der Assekuranz und Neuigkeiten zu Solvency II verkommen dabei zur Randnotiz.

Die Versicherungsindustrie in Deutschland blickt, rein operativ betrachtet, auf ein erfolgreiches Jahr 2011 zurück. Wie einer Pressemitteilung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zu entnehmen ist, verzeichneten die deutschen Versicherer im vergangenen Jahr ein Prämienvolumen von 178,2 Milliarden Euro. Das entspricht zwar einem leichten Rückgang der Prämieneinnahmen um 0,4 Prozent. Hierfür sei die „erwartete Normalisierung des Einmalbeitragsgeschäfts in der Lebensversicherung“ verantwortlich, erläutert der GDV. Wie die Dachorganisation der privaten Versicherungsunternehmen in Deutschland weiter mitteilt, konnte die Branche im laufenden Beitragsgeschäft aber insgesamt mit einem Plus von 2,3 Prozent das beste Ergebnis seit 2005 erreichen. GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen lässt sich in einer Mitteilung des Branchenverbandes mit den Worten zitieren: „Angesichts der positiven Beitragsentwicklung sind wir mit dem Geschäftsjahr zufrieden. Für 2012 erwarten wir insgesamt wieder ein Plus“.
 Die Assekuranz unter Druck
Wesentlich markiger sind Honenes Worte allerdings, als er auf die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zu sprechen kommt. Die Geldpolitik habe zur Folge, dass „Renditen von Bundesanleihen sich nahe historischer Tiefststände bewegen, Zinsen künstlich niedrig gehalten werden und Liquidität zu attraktiven Refinanzierungskonditionen in einem bisher ungekannten Ausmaß zur Verfügung“ stehe. „Die Kosten dieser Strategie tragen die Altersvorsorgesparer. Deren Altersbezüge werden geringer ausfallen, denn die Rendite sinkt und die Inflation steigt“, so der GDV-Präsident.
In einer Rede vor Pressevertretern räumte Hoenen jüngst zwar ein, dass es gute Gründe gibt, die Zinsen künstlich niedrig zu halten: „Das stützt die Banken, die Krisenstaaten und gegenwärtig auch unsere Währung. Und als Versicherer haben wir natürlich weder ein Interesse an Bankenpleiten noch an Staatsinsolvenzen oder einem Vertrauensverlust in den Euro –  im Gegenteil“. Gleichwohl sehe er sich in der Pflicht, auf die Folgen der Geldschwemme hinzuweisen. „Ein effektiver Zinsrückgang von einem Prozentpunkt spiegelt sich unmittelbar in einem Rückgang der Kapitalergebnisse der Versicherer von rund einer Milliarde Euro bei den Neuanlagen wider“, so Hoenen. Er fordert die EZB auf, Exit-Szenarien zu entwickeln. Die Zentralbanken müssten ihre expansive Geldpolitik zurückfahren. Im Ergebnis müsse eine Wende in der Zinspolitik gelingen, ohne dass die Konjunktur abgewürgt und die Banken destabilisiert würden.
Solvency II rückt näher
Mit Blick auf Solvency II  zeichne sich Hoenen zufolge immer mehr ab, dass bereits Mitte 2013 erste Solvency-II-Kennzahlen an die Aufsicht berichtet werden müssen. Im Jahr darauf solle eine Verknüpfung mit aufsichtsrechtlichen Maßnahmen erfolgen. „Ein solcher Übergang von unserem gewohnten Aufsichtssystem in die neue Welt macht Sinn, denn es wird einen gravierenden Wandel in den Systemen und den Prozessen, im Know-how und auch in der Aufsichtskultur geben“, so der GDV-Präsident.
Mit Blick auf den jüngsten Kompromiss im Wirtschaftsausschuss des EU-Parlaments unter dem Stichwort „Extrapolation der Zinskurve“ hob Hoenen hervor: „Es war eine wichtige Erkenntnis aus QIS 5, dass die Extrapolation nach 20 Jahren beginnen sollte, um Volatilitäten in der Bewertung zu vermeiden. Insbesondere die ‚Antizyklische Prämie‘ und das ‚Matching Adjustment‘ seien zwei unverzichtbare Mechanismen zur Anpassung der Zinsstrukturkurve. Sie tragen zum einer der Tatsache Rechnung, dass Versicherer langfristige Investoren sind; zum anderen verhindern sie prozyklischen Handeln der Unternehmen in Finanzkrisen.“
portfolio institutionell newsflash 23.04.2012/tbü

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