Versorgungswerke
1. April 2022

Mehr Erfolg mit strategischen Beteiligungen

Mit strategischen Beteiligungen erhalten institutionelle Anleger Zugriff auf spannende Deals. Einige Versorgungswerke sind hier sehr aktiv.

Zahnärzte müssen nicht nur ruhige Hände haben, sondern auch ganz viel Einfühlungsvermögen. Man denke nur an kleine Patienten, die ihren Mund partout nicht öffnen wollen. Hier kommt man nur mit Geduld zum Ziel. Den Versorgungswerken der Zahnärzte und allen anderen dieser berufsständischen Versorgungseinrichtungen geht es ähnlich. Auch sie müssen Ruhe bewahren und geduldig sein – denn nur dann können ihre Investments und strategischen Beteiligungen reifen.

Eine dieser Kapitalsammelstellen ist das im Jahr 1974 errichtete Versorgungswerk der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein mit Sitz in Kiel. Wenn man sich nur an der Bilanz orientiert, deren Summe am Ende des Geschäftsjahres 2020 knapp über die Eine-Milliarde-Euro-Marke lugte, ist das Versorgungswerk eher ein Winzling. Es gibt andere, die haben deutlich mehr zu bieten. Spannend ist allerdings, was im Rentenpolster der Zahnheiler steckt; neben den üblichen Namens- und Inhaberschuldverschreibungen, Schuldscheinforderungen und Darlehen findet man strategische Beteiligungen.

Vom Partner zum Gesellschafter mit strategischen Beteiligungen

Vor etwas mehr als zwei Jahren beispielsweise stiegen die Kieler beim Immobilien-Projektentwickler Evoreal in Hamburg ein und erwarben einen 24,9-Prozent-Anteil an der Evoreal Holding. Verkäufer der Anteile war Marius Freiherr Marschall von Bieberstein, geschäftsführender Gesellschafter und einer der Gründer der Evoreal. Das Unternehmen baut Wohnungen, Gewerbeimmobilien und entwickelt auch komplexere Quartiere – und operiert damit in einer der gefragtesten Asset-Klassen für institutionelle Anleger.

Zu der Zeit, als die Zahnärzte Gesellschafter von Evoreal wurden, bestand zwischen den beiden bereits eine enge geschäftliche Bindung, die bis 2014 zurückreicht. Bruno Geiger, im Jahr 2020 noch Geschäftsführer des Versorgungswerks, sagte damals, er wolle seine Organisation in Zukunft „noch mehr und vor allem langfristig in die Geschäfte des Unternehmens einbringen“. Vor diesem Hintergrund muss man die Beteiligung betrachten. Es ist eben mehr als nur ein weiteres von vielen Investments, sondern auch ein Zugangsweg zu Immobilien.

Verschiedene Interessen stehen bei strategischen Beteiligungen im Mittelpunkt

Bei strategischen Beteiligungen wie in diesem Beispiel stehen geschäftspolitische Ziele, die damit verfolgt werden sollen, im Mittelpunkt. Das unterscheidet sie von rein finanziell getriebenen Investitionen und Beteiligungen, bei denen der Renditeaspekt im Vordergrund steht. Die Übergänge sind fließend. Heißt: Beide Bereiche sollte man nicht pauschal separat betrachten.

Beteiligungen eines institutionellen Anlegers haben für den Geldgeber mehrere Vorteile: Er ist nicht nur am Jahreserfolg beteiligt, sondern kann auf Anlageprojekte aus erster Hand zugreifen.

Erfahrungen mit illiquiden Beteiligungen haben die Zahnärzte Schleswig-Holsteins schon vor Evoreal gesammelt. 2017 beteiligten sie sich an der Fortis Real Estate Investment GmbH, einem auf Wohnimmobilien spezialisierten Projektentwickler.

Strategische Beteiligungen hält auch das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB). Die Zahnärzte aus der Bundeshautstadt sind seit dem Jahr 2018 Gesellschafter des Düsseldorfer Projektentwicklers 12.18. Investment Management. Damals erwarben die Berliner neun Prozent der GmbH-Anteile.

Auch hier gibt es eine Vorgeschichte. Die beiden arbeiten nach Angaben von 12.18. schon seit 2014 zusammen. Erstes gemeinsames Investment war der Erwerb des ehemaligen „Land Fleesensee“, einer 550 Hektar großen Anlage mit Hotels, Golfclub und nicht weniger als fünf Golfplätzen. Es folgten weitere Projekte, darunter die Yachthafenresorts „Maremüritz“ und „Weiße Wiek Boltenhagen“ in Mecklenburg-Vorpommern.

VZB-Direktor Ralf Wohltmann erklärte damals, Ziel sei es, „unser Portfolio mit zukunftsweisenden Produkten stabil und nachhaltig zu erweitern. Dazu zählen auch Unternehmensbeteiligungen.“ Der Tourismus sei aktuell der am stärksten wachsende Wirtschaftszweig weltweit, sagte Wohltmann im Herbst 2018. „Daher lag eine Beteiligung an einem Projektentwickler nahe, der sich auf den Erwerb und Betrieb erstklassiger touristischer Destinationen spezialisiert hat. In der 12.18. Investment Management GmbH haben wir hier den idealen Partner gefunden.“

Versorgungswerk baut Start-up auf

Das Versorgungswerk Ärzteversorgung Thüringen (ÄVT) investiert seit mehr als elf Jahren einen Teil seiner Kapitalanlage in nachhaltige Energieprojekte und leistet so einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels. Im Rahmen der sehr langfristigen Anlagestrategie beteiligte sich die ÄVT mit Sitz in Jena zunächst nur an Erneuerbare-Energie-Fonds, später kamen auch Einzelprojekte hinzu. Das Versorgungswerk treibt nach Angaben seines Geschäftsführers Daniel Kropp aktiv die Energiewende voran. Diplom-Kaufmann Kropp ist überzeugt, dass die Stromgewinnung mittels Photovoltaikanlagen eine der attraktivsten und nachhaltigsten Möglichkeiten ist.

Die Beteiligung am Wiener PV-Spezialisten CCE eröffnet Daniel Kropp von der Ärzteversorgung Thüringen den Zugang zu Finanzierungen.

 

Vor diesem Hintergrund haben die Ärzte im vergangenen Jahr gemeinsam mit Partnern die CCE Holding, einen PV-Spezialisten mit Sitz in Wien, gegründet. CCE steht für Clean Capital Energy. Die Thüringer halten 20 Prozent an der CCE, die Photovoltaikprojekte in sechs europäischen Ländern und Chile vorantreibt. Kropp sagt, im weltweiten Vergleich sei Chile eines der idealsten Länder, wenn es um die Effizienz von PV-Kraftwerken geht. Für die Jenaer war es die erste derartige Beteiligung. Neben der Aussicht auf die jährliche Gewinnausschüttung des PV-Spezialisten bietet sie den Medizinern exklusiven Zugang zur Projekt-Pipeline bis hin zu Finanzierungsopportunitäten. Vom Start weg als Gesellschafter an Bord zu sein, statt erst später einzusteigen, ist eine besonders reizvolle Lösung.

Bei strategischen Beteiligungen muss auch die Chemie stimmen

Doch wie findet man Unternehmen, die mehr sind als eine reine Finanzbeteiligung? Als institutioneller Anleger ist man Teil eines riesigen Netzwerks aus Anbietern, Beratern und Gleichgesinnten. Hier gibt es immer wieder Gelegenheiten, junge Unternehmen mit Startkapital zu versorgen und sie auf ihrem Wachstumspfad zu begleiten. Auch Investment-Banken sind natürlich ein Ansprechpartner für Kapital, das nach Beteiligungen sucht. Daher lautet die wichtigere Frage, wie man sicherstellt, dass die Chemie stimmt und man gemeinsam mit den Führungskräften des (Start-up-)Unternehmens am selben Strang zieht? „Eine wichtige Voraussetzung ist, dass man zuvor bereits lange Zeit erfolgreich mit den Protagonisten, die man hier auf der Eigenkapitalseite unterstützt, zusammengearbeitet hat“, sagt Daniel Kropp.

Im Gespräch mit unserer Redaktion erläutert der ÄVT-Geschäftsführer, der auch das Portfoliomanagement der Kapitalanlagen im Wert von etwa zweieinhalb Milliarden Euro verantwortet, was für ihn an der Beteiligung an der CCE so interessant ist. „Die Idee dahinter ist auch, dass wir uns attraktive Investitionsmöglichkeiten auf der Fremdkapitalseite sichern.“ Berührungsängste zu dem Start-up hatte er keine. CCE-Holding-Geschäftsführer Martin Dürnberger und das Versorgungswerk aus der Optik-Metropole Jena arbeiten seit vielen Jahren zusammen. „Nachdem das bisherige Set-up im Laufe der Jahre zu klein geworden war, kamen wir gemeinsam zu der Erkenntnis, dass man einen größeren Marktteilnehmer aufbauen muss“, umreißt Kropp die Vergangenheit.

Mit strategischen Beteiligungen zu mehr Dealflow

Heute ist die ÄVT eine von insgesamt sechs Gründungsgesellschafterinnen der CCE Holding. „Wenn die Gesellschaft sich erfolgreich entwickelt, erhalten wir entsprechend der Beteiligungsquote 20 Prozent des jährlichen Gewinns der Gesellschaft“, sagt Daniel Kropp. „Und daneben haben wir die Möglichkeit, Darlehen auf Ebene der Projektgesellschaften zu vergeben. Das ist für uns als Versorgungswerk auch sehr interessant. Bevor jemand anderes die Projekte zu Gesicht bekommt, haben wir sie schon lange gesehen.“ Und erst dann, wenn sich herausstellt, dass die Thüringer ein sich bietendes Finanzierungsvorhaben nicht selbst aufgreifen möchten, werden dritte Marktteilnehmer angesprochen. Die Beteiligung auf der Equity-Seite gibt den Thüringer Medizinern folglich die Möglichkeit, renditearme Anleihen und Darlehen in der Direktanlage zu ersetzen.

Wenn institutionelle Investoren an der Gründung eines Start-ups beteiligt sind, können sie auch das Vertragswerk mitgestalten. Aspekte, die dabei eine Rolle spielen, betreffen beispielsweise die Gestaltung der Geschäftsführung, den Investmentumfang, Fremdfinanzierungsmöglichkeiten bis hin zu regionalen Bewirtschaftungsplänen für das aufzubauende Geschäft. Ferner kann man als engagierter Geldgeber bei dieser Form der Beteiligung den Zweck, die Ziele und die Vision der Gesellschaft mit entwickeln. Als Minderheitsgesellschafter kann man freilich keine Veto-Position einnehmen oder die Gesellschaft als Ganzes weiterveräußern. Gleichwohl partizipiert man am Unternehmenserfolg und dem Dealflow, den man sich einkauft.

Strategische Beteiligungen in der Versicherungslandschaft

Auch Versicherungen suchen in der Kapitalanlage nach Dealflow. Im Februar vergangenen Jahres wurde bekannt, dass sich der Konzern Versicherungskammer im Rahmen einer Kapitalerhöhung mit 9,76 Prozent der Unternehmensanteile am Immobilien- und Investmenthaus Domicil Real Estate AG beteiligt. Deren Kerngeschäft ist der An- und Verkauf von Wohnimmobilien.

Der Konzern Versicherungskammer ist der siebtgrößte Erstversicherer in Deutschland mit Kapitalanlagen in einer Größenordnung von rund 70 Milliarden Euro. Im Jahr davor erwarb bereits die Versicherung „Die Bayerische“ 5,4 Prozent der Anteile an Domicil. Die Bayerische und die Versicherungskammer sind nicht gesellschaftsrechtlich verbunden. Aber die Beteiligung zeigt, dass das Modell für beide interessant ist.

Versicherungskammer und Domicil Real Estate haben eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Diese sieht eine Zusammenarbeit beim Immobilieneinkauf und bei der Finanzierung von Transaktionen vor. Domicil erhält zugleich die Möglichkeit, neue Ankäufe über die Versicherungskammer zu finanzieren. Eine klassische Win-win-Situation. Die Beteiligung der Versicherungskammer an der Domicil Real Estate zeigt, „dass wir uns einen guten Ruf innerhalb der Branche und Investorenwelt erarbeitet haben“, sagt Khaled Kaissar, Vorstandsvorsitzender der Domicil. „Nicht zuletzt durch die Corona-Krise werden Wohnimmobilien als sicheres Investment immer wichtiger für institutionelle Investoren. Somit rücken spezialisierte Immobilienunternehmen verstärkt in den Fokus einer Beteiligung.“

Immobilien, Projektentwicklungen, Sonne und Wind

Ein Jahr vor ihrem Einstieg bei der Domicil ist die Versicherungskammer mit Partnern bei der Baywa renewable energy (Baywa r.e.) an Bord gegangen. Baywa r.e. verfügt über eine prall gefüllte Pipeline aus Photovoltaik- und Onshore-Windkraft-Projekten mit einer Kapazität von 13 Gigawatt. Diese Beteiligung hat der Versicherer in der Asset-Klasse Infrastruktur einsortiert. Schon seit einiger Zeit erweitert die Versicherungskammer ihr Anlageuniversum um die Nachhaltigkeit. „Wir investieren hier ganz bewusst unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten“, erläutert Gregor Farnschläder, Leiter der Hauptabteilung Anlagestrategie und Beteiligung im Konzern Versicherungskammer. Und dazu gehöre auch das Thema Baywa r.e., betont er.

Immobilien, Projektentwicklungen, Sonne und Wind – wer im Rennen um die besten Assets mithalten will, muss sich einerseits weiterbilden und Know-how aufbauen. Andererseits benötigt man als ambitionierter Mitspieler auch einen Erfahrungsschatz, einen Track Record, um ernstgenommen zu werden. Wenn beides passt, eröffnet man sich Zugang zu interessanten Opportunitäten und Dealflows. Gregor Farnschläder sieht die Sache so: „Sie müssen sich im Markt einen Namen machen und nachweisen können, dass Sie unterschiedliche Arten von Beteiligungen in einem vertretbaren Zeitrahmen eingehen können. Und zwar sowohl in finanzieller als auch in regulatorischer Hinsicht bis hin zum technischen Know-how.“

Jede strategische Beteiligung ist anders. Das macht sie im Vergleich zur reinen Finanzbeteiligung (insbesondere zu den hochliquiden Investments am Aktienmarkt) zur echten Herausforderung. Und zwar im Erwerbsprozess sowie der laufenden Betreuung und Verwaltung. Auch hier punktet, wer neben Expertise über Geduld und Einfühlungsvermögen verfügt.

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