Recht, Steuer & IT
24. Dezember 2016

Viele wollen bei Blockchain andocken

Blockchain greift um sich. Setzt sich die Datenbanktechnologie im Clearing und Settlement von Wertpapiere durch? Erobert sie auch den Zahlungsverkehr? Ja, sagen viele. Nein, hört man aber auch. Und was hat das mit den Regulierungsbehörden zu tun? Eine Spurensuche.

Haben Sie sich schon einmal mit dem Gedanken des lebens­langen Lernens beschäftigt? Dabei handelt es sich laut der Online-Enzyklo­pädie Wikipedia um ein Konzept, das Menschen befähigen soll, ­während ihrer gesamten Lebensspanne zu lernen. Dahinter steckt die ­Erkenntnis, dass das Wissen und die Fähigkeiten der Berufsausbildung immer seltener genügen, eine jahrzehntelange Berufslaufbahn zu bewältigen.
Im Asset Management sind lebenslanges Lernen und laufende Fortbildungsmaßnahmen erfolgskritisch. Denn einerseits nimmt die Zahl der Anlageklassen und der damit einhergehenden Opportunitäten immer weiter zu. Andererseits unterliegen auch die Rahmenbedingungen der Finanzbranche dem ständigen Wandel. Das zeigt sich beispielsweise an der Digitalisierung im Asset Management und in der Versicherungsbranche; wir haben darüberin der November-Ausgabe 2016 berichtet. Im Dunstkreis der Digitalisierung ­tauchen immer häufiger auch Kryptowährungen und die Datenbanktechnologie Blockchain auf. Grund genug, der Materie auf den Grund zu gehen. Sie wissen schon: lebenslanges Lernen!

Ende 2008 veröffentlichte ein bis heute unbekannter Tüftler unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto im Internet ein White Paper. ­Darin erläutert er die Eckpfeiler der Kryptowährung Bitcoin – und ist ­damit Erfinder einer der ersten virtuellen Währungen überhaupt. Wenn man einmal davon absieht, dass sich Experten darüber streiten, ob es sich beim Bitcoin ebenso wie bei den rund 700 anderen ­Kryptowährungen, die in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, tatsächlich um Währungen im eigentlichen Sinne handelt, hat der Gedanke von Bitcoin viele Akteure in ihren Bann gezogen: Über ein dezentrales Netzwerk lassen sich Geldtransfers zwischen anonymen Parteien abwickeln, ohne dass zentrale ­Intermediäre involviert wären. Schnell, einfach, günstig. Aber auch besser als die bestehende Technologie?

Im Internet erfreut sich die bislang erfolgreichste Kryptowährung Bitcoin bereits einer gewissen Beliebtheit: So kann man beispiels­weise der Enthüllungsplattform Wikileaks auf diesem Weg Spenden zukommen lassen oder beim US-Handelsriesen Overstock.com damit bezahlen. Eine nette Spielerei für IT-Freaks. Weil die Menge an ­Bitcoins technisch begrenzt ist, vermuten Beobachter, dass inzwischen auch Spekulanten auf den Zug aufgesprungen sind und sich Bitcoins zugelegt haben.
Die wachsende Nachfrage, auch getrieben durch kriminelle Naturen, die im Dark Net Bitcoins für illegale Käufe nutzen, hat den Kurs in den vergangenen drei Jahren um viele ­hundert Prozent nach oben getrieben. Mittlerweile sind Bitcoins im ­Wert von zwölf Milliarden US-Dollar im Umlauf (siehe Grafik). Gleichwohl wird die Kryptowährung von kritischen Beobachtern wie beispiels­weise der Europäischen Union bislang noch als nicht systemrelevant eingestuft.
Bundesbankvorstand Carl-Ludwig Thiele teilte diese Einschätzung im November 2016 im Interview mit der Börsen-­Zeitung. Darin ­zieht er einen Vergleich und argumentiert: „Allein in Deutschland werden mehr als 78 Millionen ­Überweisungen und Lastschriften im Volumen von täglich rund 226 Milliarden Euro abgewickelt. Das ist eine andere Dimension. Bitcoin hat global ein Transaktions­volumen von rund 280.000 Stück am Tag. Aus Sicht der Bundesbank ist Bitcoin deshalb ein Nischen­phänomen.“

Hinter dem Bitcoin und seinem wohl ärgsten Herausforderer ­namens Ripple steht die Technologie Blockchain. Sie stellt nichts ­anderes als ein Transaktionsregister dar, in dem die Daten über sämtliche Transaktionen dezentral gespeichert werden. Man spricht hier auch von einem Distributed Ledger, einem verteilten Register. ­Manche sprechen dagegen förmlicher von der Distributed Ledger Technology. Vereinfacht gesagt handelt es sich rein technisch um eine Kette von Transaktionen. Das können typischerweise Bitcoin-Transaktionen sein. Denkbar erscheinen noch unzählige weitere bilaterale ­Geschäfte. Vieles ist aber noch Zukunftsmusik.
Die Transaktionen werden in ­einzelnen Blöcken aneinandergereiht. Dabei gibt es einen Ursprungsblock. Er bildet den Anfang der Blockkette (Blockchain). Und jetzt wird es spannend: Jeder Akteur, der Zugang zu dieser Transaktionskette hat – dafür braucht man eine Software –, kann die Transaktionshistorie bis zum Anfang der Kette zurückverfolgen. Bei der Betrachtung der Einsatzmöglichkeiten unterscheidet man übrigens zwischen einer für jedermann zugänglichen Public Ledger, wie sie zum Beispiel Bitcoin oder Ripple nutzen, und einer Permissioned Ledger. Bei ­letzterem Transaktionsregister dürfen nur autorisierte Nutzer dem Netzwerk beitreten, zum Beispiel Bankkunden; die Identifizierung ­erfolgt einmalig über das jeweilige Bankhaus. Im Gegenzug erhält man einen persönlichen Zugangs-Code.

Die Blockchain-Technologie gilt als besonders sicher, weil bis­herige Transaktionen nachträglich nicht verändert und damit auch nicht manipuliert werden können. Aufgrund ihrer Sicherheits­architektur wurde die Blockchain-Technologie noch nicht von ­Hackern geknackt. Diese Eigenschaft und auch die Aussicht auf Kostenein­sparungen macht die Technologie für viele in der Finanzbranche ­äußerst interessant. Zum Beispiel für Allianz Global Investors (AGI). „Als Industrie stecken wir aber noch in den Kinderschuhen“, räumt Michael Weber ein. Weber ist als IT Enterprise Architekt verantwortlich für die Zielarchitektur der IT-Systeme für den Bereich Investments & Operations. Seine Aufgabe besteht unter anderem darin, kurz-, mittel- und langfristige Einflussfaktoren frühzeitig zu identifizieren und entsprechend zu bewerten.

Im Hinblick auf die bislang noch wenig erkundeten Anwendungsmöglichkeiten von Blockchain ist es nach Einschätzung von Michael Weber zum Beispiel denkbar, dass eine Fondsgesellschaft sich mit ­ihren Vertriebspartnern vernetzt. Jeder einzelne wäre dann ein ­Knotenpunkt, eine sogenannte Node, in dem Netzwerk. Der Clou: ­Alle Beteiligten verfügen über eine identische Übersicht aller unter­einander getätigten Transaktionen. Im Ergebnis könnten Finanz­geschäfte auf diese Weise manipulationssicher und unwiderruflich dokumentiert werden. Außerdem müssten die beteiligten Parteien nicht mehr einen Tag oder länger warten, bis die Transaktionen abgewickelt sind. Denn die Abwicklung geschieht unmittelbar.

Traditionell hält jedes Unternehmen verschiedene IT-Systeme für die Wertpapierabwicklung vor, insbesondere wenn es länderübergreifend tätig ist. Und auch die Prozesse variieren von Haus zu Haus. Dies kostet viel Geld! Und die damit einhergehende Komplexität durch fehlende Standardisierung vervielfältigt sich nach Einschätzung von Michael Weber global über das gesamte Universum von ­Finanzinstrumenten. Kann man das an sich vereinfachen? Man ­versucht es.

Um die bestehende Komplexität greifbar zu machen und mögliche Effizienzsteigerungen zu identifizieren, skizziert Michael Weber ein einfaches Beispiel am Primärmarkt: Ein Unternehmen möchte ­eine Anleihe begeben. Dazu wendet es sich an Investmentbanken, die wiederum auf Investoren zugehen. In die Emission werden zudem die Hausbanken der Investoren involviert, die schlussendlich die Transaktion über ­einen Zentralverwahrer abwickeln.
Die Finanzaufsicht überwacht die Geschäfte und muss über diese informiert werden. Alle ­Parteien nutzen eigene IT-Systeme, was einen Daten­abgleich unter­einander notwendig macht. Würde hier die Blockchain-Technologie genutzt, könnten alle beim Begebungsprozess Beteiligten ­statt verschiedener Systeme eine gemeinsame Infrastruktur nutzen. Vom Kauf bis zur Abwicklung. Eine Abstimmung aller Beteiligten unter­einander würde entfallen. Dies würde im Umkehrschluss zu einer Kostenreduzierung führen. So einfach ist es in der Theorie.

Wunsch und Wirklichkeit
Bevor die bestehenden, hoch regulierten und effizienten Wert­papiermärkte und die dazu aufgebaute Infrastruktur anhand der Blockchain-Technologie in die Zukunft geführt werden, müssen laut Weber aber viele Steine aus dem Weg geräumt werden: Zunächst ­einmal bedarf es einer Standardisierung zwischen den Marktteilnehmern und entsprechender Regulierungen seitens der Aufsichtsbehörden. Erst dann kann ein Netzwerk aufgebaut werden und seine ­Wirkung entfalten. Doch die Ausgangsbasis könnte kaum prekärer sein: Denn Europa ist im Vergleich mit den USA alles andere als ein Vorreiter in Sachen Standardisierung. Beispiel gefällig? In Europa kämpfen laut Michael Weber mehr als 20 zentrale Gegenparteien (CCPs) um Marktanteile, in den USA gibt es nur eine Handvoll ­Anbieter. In Europa wiederum tummeln sich mehr als 20 Zentralverwahrer, in den USA kümmert sich ausschließlich die Depository Trust Company um die Verwahrung von Wertpapieren.
Noch dazu gibt es diesseits des ­Atlantiks dutzende Börsen. Ungeachtet der bereits ­erfolgten Konso­lidierungswelle in der Börsenlandschaft ist der Markt fragmentiert. Daran anknüpfend schließt Michael Weber das Fazit: „Es ist für uns als Fondsgesellschaft äußerst interessant, zusammen mit unseren Service Providern und weiteren Marktteilnehmern ­Blockchain ­anzusehen. Wir stehen hier aber noch am Anfang. Uns ist es wichtig zu verfolgen, was auf globaler Ebene gemacht wird. Wir ­wollen den Denkprozess vorwärts dahin lenken, wo ein Window of Opportunity für die Fondsindustrie besteht. Doch da muss man ­strukturiert und nicht übereilt vorgehen!“ Interessanterweise gibt es inzwischen enorm viele kleine Blockchain-Start-ups in Europa, die ­allerdings ­keinem einheitlichen Standard folgen. Das Problem, das sich daraus ergibt: Jeder kocht sein eigenes Süppchen, und das führt zu noch mehr Nicht-Standardisierung, meint Weber. Und auch in der Bankenwelt tut sich was.

Euphorie und Misstrauen
In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt wies Bundesbankvorstandsmitglied Dr. Andreas Dombret schon im April 2016 darauf hin, dass neue Technologien nicht nur IT-Infrastrukturen revolutionieren, sondern auch den Börsenhandel oder bestimmte Finanzkontrakte. „Der Verwaltungs- und Abstimmungsaufwand würde dadurch enorm sinken. Nicht selten werden daher für den Einsatz der Blockchain allein­ im Bankensektor Einsparungen im zweistelligen Milliarden­bereich prophezeit“, schreibt Dombret und weist darauf hin, dass die Blockchain mit bestehenden Systemen von Kreditinstituten und Marktinfrastrukturen in Konkurrenz treten könnte. „Das Vertrauen in einwandfrei abgewickelte Transaktionen und eine korrekte Verwaltung vertraglicher Beziehungen wird derzeit noch durch eine Vielzahl von Instanzen in und außerhalb von Kreditinstituten sichergestellt.“

Bei einigen Akteuren herrscht also eine gewisse ­Euphorie angesichts scheinbar enormer Sparpotenziale. Andere wiederum stapeln tiefer und verweisen auf die nötigen Investitionskosten, denen letztlich vergleichsweise magere Einsparungen gegenüber stünden. Ein hochrangiger und in höchstem Maße vertrauenswürdiger Kenner der Bankenwelt, der seinen Namen nicht in die Öffentlichkeit tragen will, zeigt sich im Gespräch mit portfolio institutionell zwar interessiert, aber skeptisch: „Mein Eindruck ist, dass viele Blockchain noch nicht verstanden haben. Aber es klingt gut. ­Berater und Technologieanbieter verkaufen das jetzt als neuestes Ding. Dabei kann man noch gar nicht einordnen, wie gehaltvoll das Ganze ist.“ Man müsse das Thema eher nüchtern betrachten, argumentiert der Experte.

Die Nüchternheit bezieht er auf die unterschiedlichen Aktivitäten der Banken. Im Bereich Zahlungsverkehr sei man in der Gegenwart zurückhaltender als in der Wertpapierabwicklung. „Das liegt daran, dass man im Wertpapierbereich bestimmte Strukturen hat, bei denen man hofft, sie durch die Einführung neuer Technologien noch ­verbessern zu können.“ Denkbar sei etwa, dass man die Wertpapierabwicklung anhand der Blockchain-Technologie vornehmen kann. Jetzt das große Aber: Der Kritiker moniert, dass man nun hände­ringend für Blockchain nach Anwendungsmöglichkeiten und ­Problemstellungen suche, für die die Technologie eine Lösung sein könnte. Dieser Ansatz sei fragwürdig, argumentiert der anonyme ­Beobachter. Vielmehr ­sollte man Probleme identifizieren und darauf aufbauend nach Lösungen suchen. Nicht umgekehrt.
Nach ­Angaben von Carl-Ludwig Thiele wiederum beschäftigen sich viele Banken ­intensiv mit der Technologie. „Es wird erwartet“, erklärte der für den Zahlungsverkehr zuständige Bundesbankvorstand im November ­anlässlich des Frankfurter Finanzgipfels, „dass 80 Prozent aller ­Banken bis 2017 mindestens ein Blockchain-Projekt beginnen.“ Vor diesem Hintergrund streicht auch Thiele Vorteilen der Technologie ­heraus: Beispielsweise arbeiten alle in arbeitsteiligen Prozessen an ­einer einheitlichen Datenbasis. Dadurch entfielen Übermittlungs­fehler und nachträgliche Abstimmungsrunden. Und weil die Daten über ­alle Transaktionen bei allen oder vielen Teilnehmern gespeichert werden, gebe es außerdem mehr Absicherung gegen Datenverlust.

Noch steht der Nutzung der Blockchain-Technologie bei Zahlungen im Finanzsektor allerdings eine Reihe von Nachteilen im Weg. Um diese auszuräumen, muss ihre Basis­version, mit der bislang ausschließlich Bitcoins überwiesen werden, nach Einschätzung von Carl-Ludwig Thiele weiterentwickelt werden. So bereitet beispielsweise die Struktur der gegenwärtigen Blockchain-Version noch Probleme: Hier entscheidet praktisch die Mehrheit der Teilnehmer darüber, ob eine Transaktion bestätigt oder gar storniert wird. Dieses Vorgehen sei für Zahlungen im Finanzsektor nicht akzeptabel. Denn hierbei erwartet der Kunde, dass eine Überweisung an einen anderen nach der ­Abwicklung rechtsgültig ist, also final, und nicht storniert werden kann. Bereits die Kenntnis Dritter von der Überweisung sowie ihre Mitsprache bei der Gültigkeit einer Überweisung sei bei Zahlungen im Finanzsektor inakzeptabel. „Wir brauchen in der finanzwirtschaftlichen Realität verbindliche Rechts­sicherheit“, forderte Thiele.

Anlässlich des 6. Central Banking Workshop in Eltville betonte Thiele wenige Tage nach seiner Rede auf dem Frankfurter Finanzgipfel außerdem, dass man derzeit noch nicht sagen könne, ob die Blockchain als Form des Distributed Ledger bestehende Systeme ablösen könne. Da die Implikationen von Anwendungen auf Blockchain-Basis mit ihrer dezentralen Struktur noch unklar sind, seien insbesondere Zentralbanken und Regulatoren gefordert, die Risiken abzuklopfen. Nach Beobachtung Thieles sehen viele Marktteilnehmer aber Chancen für die Blockchain in den komplexen Prozessen von Settlement und Payment, da dort prinzipiell Intermediäre ausgelassen werden können.
Diese Aussage deckt sich mit den Ergebnissen einer aktuellen Umfrage der Deutschen Bank und FT Remark unter 200 ­internationalen Finanzmarktteilnehmern. Sie lässt erahnen, dass die Blockchain-Technologie den Markt für Wertpapierdienstleistungen radikal verändern wird. 87 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass dadurch völlig neue Abwicklungsmodelle für Wertpapiere ent­stehen. In der Folge wird das Clearing und Settlement von Wertpapieren effizienter, und die Kosten werden deutlich sinken. Fast zwei ­Drittel (62 Prozent) erwarten dadurch Einsparungen in Höhe von elf bis 25 Prozent. Nahezu die Hälfte (48 Prozent) geht davon aus, dass die ­Finanzbranche durch den Einsatz von Blockchain besser in der ­Lage sein wird, Risiken wie Systemausfälle und Marktstörungen zu bewältigen. Obwohl diese Technologie noch in den Kinderschuhen steckt, halten es 75 Prozent der Befragten für wahrscheinlich, dass sich Blockchain flächendeckend durchsetzen wird.

Vage neue Welt
Wenn man eine Infrastruktur, wie etwa in der Wertpapierabwicklung, bereits betreibt, besteht eine naheliegende Frage darin, wie man auf eine neue Infrastruktur umsattelt. Alle Parteien müssten sich ­darauf einigen und ab einem bestimmten Stichtag ausschließlich die neue Technologie nutzen. Würde man diese Vorgehensweise wählen, müssten sich alle Finanzintermediäre in diese neue Welt bewegen. ­Weniger ambitioniert wäre dagegen die Alternative, die bestehende Infrastruktur zunächst weiter zu nutzen und die neue Technologie zusätzlich einzuführen. Dann käme aber genau das zum Tragen, was man eigentlich verhindern will: Die Einführung der Blockchain soll die Kosten reduzieren.
Wenn aber zwei Systeme parallel laufen, ist an sinkende Transaktionskosten nicht zu denken. Der Argumentationskette weiter folgend müsste man das alte System also doch vom einen auf den anderen Tag abstellen und konsequent umsatteln. Damit ­verbunden sind enorme Infrastrukturinvestitionen, sagt der bereits erwähnte, ­öffentlichkeitsscheue Gesprächspartner und geht einen Schritt weiter: „Zwar wird am Markt immer wieder von sinkenden ­Betriebs- und Transaktionskosten geredet, aber von den Implementierungskosten für die Infrastruktur spricht fast niemand: Aber wie kommt man von der alten auf die neue Welt? Nur weil man eine neue Technologie nutzt, sei damit nicht automatisch Kostensenkungs­potenzial verbunden. Man müsse den gesamten Prozess analysieren, wenn man von Kostensenkungspotenzial sprechen möchte. „Und nur weil die Zahl der involvierten Parteien von zehn auf sagen wir acht ­reduziert wird, sind damit nicht automatisch niedrigere Kosten verbunden. Man muss das Gesamtsystem betrachten.“ Der Experte zieht das Fazit: „Wo es bestehende Infrastrukturen gibt, wird es aufgrund der Implementierungs- und Änderungskosten vermutlich keinen Umstieg auf eine Blockchain geben.“

Professor Dr. Erik Theissen von der Universität Mannheim argumentiert an dieser Stelle weniger restriktiv und betont, wie schwer es sei, heute schon abzuschätzen, welche Implikationen mit einer Blockchain verbunden sind. „Wenn wir in zehn Jahren noch einmal miteinander reden, dann wissen wir, ob sich die Technologie in bestimmten Bereichen durchgesetzt hat oder nicht.“ Ungeachtet der denkbaren und womöglich noch futuristischen Einsatzfelder der Blockchain-Technologie unter Abwägung von Kosten und Nutzen investiert eine Reihe von Börsenbetreibern Zeit und Geld.
Ein ­Beispiel ist die US-Techno­logiebörse Nasdaq. Sie hat inzwischen Wege ­gefunden, ­Blockchain in einem unregulierten Markt zu nutzen: Das kleine ­Unternehmen A geht an den Primärmarkt und offeriert ­beispielsweise 100.000 Wertpapier-Einheiten. Und die Anteile kann man über ­eine Blockchain kaufen. „Das gibt es schon und das funktioniert auch. Meiner Meinung nach ist das sinnvoll für kleine, nicht regulierte Märkte“, sagt Michael Weber von AGI und verweist noch im selben Atemzug auf regulierte Märkte und die umfangreichen Regularien der Asset-Management-Branche: „Bevor wir etwas Neues ­machen, müssen wir sicherstellen, inwiefern das neue Setup auch von allen unseren Aufsichtsbehörden akzeptiert wird.“ Bislang werden im ­Asset Management noch keine Assets für Kunden gehandelt. Es gebe zwar schon Regulierungsbehörden, wie die britische Finanzaufsicht FCA, die kleine, überwachte Blockchain-Live-Tests mit Kunden erlaubt. Mehr aber auch nicht.
Anders dagegen der börsennotierte Händler Overstock.com, der schon Erfahrungen mit Bitcoins gesammelt hat. Dort hat man ein System entwickelt, auf dem seit der späten Adventszeit 2016 die eigene Aktie gehandelt werden kann. Und zwar in Konkurrenz zur traditionellen Börsennotierung. Und dieses Handelssystem ist blockchainbasiert. 

Professor Theissen rückt die neue Welt ins rechte Licht: „Viele von denen, die derzeit an der Nutzung der Blockchain-Technologie arbeiten, wissen selbst noch nicht recht, was daraus wird. Aber sie wollen den Trend nicht verpassen, wenn er sich als erfolgreich erweist.“ Viele­ Intermediäre könnten es sich einfach nicht leisten, nicht dabei zu sein. „Wenn es eine allgemein akzeptierte Meinung wäre, dass die Kostenersparnisse in keinem Verhältnis zu den Investitionen stehen, warum sollten die Leute dann Geld in die Hand nehmen?“, fragt ­Theissen von der Uni Mannheim rhetorisch.

Geld in die Hand genommen haben auch die Deutsche Bundesbank und die Deutsche Börse. Sie haben gemeinsam einen Prototyp auf Blockchain-­Basis entwickelt, um damit neue Formen der Abwicklung von Wert­papiergeschäften zu testen. Mit dem Prototyp wollen die Partner die Technologie in dem Anwendungsfall „Geld-gegen-Wertpapiere“ zunächst einmal verstehen, sagen sie. Bundesbank-Vorstand Thiele und Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter haben ihre Konzeptstudie so aufgesetzt, dass sie im Gegensatz zu anderen Blockchain-Initiativen alle derzeitigen regulatorischen Rahmenbedingungen erfüllt. Von einer Anwendung sei man aber noch weit entfernt, man wolle aber zeigen, dass „wir uns frühzeitig damit beschäftigen“, und als Notenbank bei der weiteren Entwicklung vor der Kurve sein, sagte Carl-Ludwig Thiele der Börsen-Zeitung.

Buchstäblich vor der Kurve ist auch ein anderes deutsches ­Unternehmen: Siemens macht sich gerade auf den Weg, die Themen Blockchain und Energie miteinander zu verbinden. Dazu setzt man auf die Zusammenarbeit mit dem Startup-Unternehmen L03, das es den Teilnehmern ermöglicht, innerhalb eines dezentralen Netzwerks mit anderen Teilnehmern Strom zu handeln. Man darf nun gespannt sein, was man im Berufsleben noch so alles lernen wird.

Von Tobias Bürger

portfolio institutionell, Ausgabe 12/2016

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