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29. Juni 2015

Volkswagen: ein Manager von Managern

Das Bauen von Autos ist eine kapitalintensive Tätigkeit. Die liquiden Mittel von VW werden im Group Treasury, das Dr. Jörg Boche leitet, gemanagt. Etwa die Hälfte ist über Spezialfonds im Kapitalmarkt investiert. Auf Direktinvestments verzichtet Boche bewusst, wie er im Interview erklärte.

Die Nettoliquidität betrug Ende des ersten Quartals rund 20 Milliarden Euro. Das erscheint auf den ersten Blick recht viel. 
Auf den ersten Blick erscheint das den meisten Leuten viel. Wenn Sie sich diese Summe aber im Verhältnis zum Umsatz ansehen, den wir allein im Automotive-Bereich innerhalb eines Jahres generieren, kommen sie auf etwas über zehn Prozent. Zehn Prozent Nettoliquidität als Anteil vom Umsatz ist nicht übertrieben. Wenn Sie das in die Bilanzlogik einordnen, muss man ganz klar sagen: Das passt zu unserem Rating von Single-A. 
Sie legen Ihre liquiden Mittel am Kapitalmarkt ausschließlich indirekt über Fonds an. Haben Sie darüber nachgedacht, einen Teil der Gelder direkt zu investieren; Stichwort „Insourcing“, um womöglich kostenseitig bei den Gebühren zu sparen? 
Ja, darüber haben wir nachgedacht. Und die Entscheidung ist gegen eine Direktanlage ausgefallen. Warum? Für Direktanlagen brauchen Sie eine sehr umfangreiche Abteilung mit Mitarbeitern, die die Wertpapiere analysieren und das Management betreiben. Das sehen wir für uns als Industrie-Treasury nicht als Kernkompetenz. Der Personalaufwand wäre viel zu hoch. Wir sind personell relativ schlank aufgestellt, und das können wir nur sein, weil wir nicht direkt die Wertpapieranlage betreiben. Wir konzentrieren uns darauf, ein Manager von Managern zu sein und das Ganze als Fund-of-Funds-Konzept zu managen. 
50 Prozent der liquiden Mittel sind am Kapitalmarkt investiert. Das war vor drei Jahren noch anders. Damals waren es zehn bis 20 Prozent. Ist diese Veränderung dem Niedrigzinsumfeld geschuldet? 
Ja. Denn der Rest der Bruttoliquidität, den wir nicht im Kapitalmarkt angelegt haben, sind Zahlungsmittel oder Zahlungsmitteläquivalente – auf gut Deutsch: Bankdepots. Mit Blick auf den permanenten Verfall der Renditen am Geldmarkt bis hin zu negativen Zinsen mussten wir diesen Teil minimieren und den Teil im Kapitalmarkt erhöhen.
Welche Anlageziele verfolgen Sie mit Ihren liquiden Mitteln, die im Kapitalmarkt investiert sind? 
Unser Ertragsziel ist Euribor plus 200 Basispunkte. Das haben wir in den vergangenen sechs Jahren auch immer geschafft. Aber es ist natürlich so, dass es im Grunde ein Ersatz für Bankdepots ist. Das heißt, dieses Geld muss immer verfügbar sein. Unsere Risikoneigung ist dementsprechend extrem niedrig. Wir akzeptieren höchstens eine Volatilität von 150 Basispunkten und einen maximalen Verlust in einem Jahr von fünf Prozent. Den wollen wir zwar nicht, aber den lassen wir zu.
Die Situation am Kapitalmarkt ist schwierig, die Volatilität hat sich stark erhöht. Wie sorgenvoll schauen Sie auf die Märkte? 
Die Märkte sind meines Erachtens sehr, sehr gefährlich. Warum? Dafür gibt es drei Gründe. Erstens: Sie werden fast ausschließlich von der Politik einiger weniger Zentralbanken getrieben. Das heißt, die Märkte sind am Ende des Tages politische Märkte. Zweitens: Wenn Sie sich die Bewertungen auf den Aktienmärkten anschauen, müssen Sie eigentlich zu dem Schluss kommen, dass in den meisten Märkten schon eine sehr gute Gewinnentwicklung eingepreist ist. Die Gewinne müssten sich noch einmal signifikant erhöhen, um die aktuell hohen Bewertungslevels zu rechtfertigen. Im Moment sieht man allerdings eher eine gewisse Stagnation der Gewinnentwicklung. Drittens: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in dem jetzigen Wirtschaftszyklus schon ziemlich weit fortgeschritten sind. Wir haben im Grunde genommen seit mehr als fünf Jahren eine Hausse an den Aktienmärkten. 
Meiner Meinung nach müssen wir damit rechnen, dass wir innerhalb der nächsten 24 oder 36 Monate wieder eine Rezession bekommen. Die Märkte werden das irgendwann einpreisen. Insofern muss man davon ausgehen, dass die wesentlichen Gewinne in diesem Wirtschaftszyklus schon gemacht worden sind.
Was heißt das für Ihre Anlagestrategie? 
Ich denke, man muss sehr nah an den Märkten sein. Man muss darauf gefasst sein, dass die Märkte schnell kippen. Wenn sie korrigieren, dann werden sie das schnell tun. Das heißt, es ist ein sehr enges Risikomanagement angebracht, die Risikoneigung sollte runtergefahren und wahrscheinlich auch die Aktienquote reduziert werden. 
Worauf Dr. Jörg Boche, Leiter Konzern-Treasury bei Volkswagen, bei der Managerselektion achtet und wie sich das Pensionsmanagement von der Anlagestrategie der liquiden Mitteln unterscheidet, können Sie im vollständigen Interview in der Juni-Ausgabe von portfolio institutionell lesen, die am 26. Juni erschienen ist.   
portfolio institutionell newsflash 29.06.2015/Kerstin Bendix
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