Strategien
18. November 2016

Vorsicht vor zu viel Mathe bei Smart Beta

Nicht alles, was mathematisch nachweisbar ist, sollte kausal interpretiert werden. Statt 240 Faktoren reduziert Alexander Raviol das Universum auf nur zwei echte Risikoprämien. Dies und mehr aus dem Investmentfokus 2017 von Lupus Alpha.

Passive Smart-Beta-Strategien haben in jüngster Zeit große Zuflüsse verzeichnet. Bis zum Ende des dritten Quartals 2016 flossen 5,7 Milliarden Euro in Smart-Beta-ETF, wie aus aggregierten Daten des ETF-Anbieters Amundi zum europäischen ETF-Markt hervorgeht. Doch wie smart sind diese Strategien wirklich? Dieser Frage ging Alexander Raviol, Partner und Leiter Portfoliomanagement bei Lupus Alpha, auf dem Investmentfokus 2017 von Lupus Alpha am Donnerstag auf den Grund. In seinem Vortrag warnte der studierte Physiker vor einer Übermathematisierung. Zu viele Zusammenhänge würden kausal interpretiert. Als Beispiel führte er einen sogenannten ISIN-Faktor an, sprich die Kennnummern von Aktien. Mathematisch lasse sich nachweisen, dass die geraden ISIN in der Vergangenheit besser abschnitten als die ungeraden. „Dass das Quatsch ist, erschließt sich jedem“, so Raviol.
In seinem Vortrag kritisierte Raviol die wundersame Faktorvermehrung in den vergangenen Jahren. Mittlerweile seien es gut 240 Faktoren, von denen die meisten falsch sind. Raviol fordert das Auditorium auf, den gesunden Menschenverstand nicht auszuschalten und ökonomisch zu überlegen, was eine Risikoprämie ist. Es ist die Entschädigung für die Übernahme eines ökonomischen Risikos. „Aus ökonomischer Sicht bleiben nur zwei Faktoren übrig: die Size-Prämie und Low-Beta- Prämie. Dort lässt sich eine Risikoprämie nachweisen“, merkte Raviol an. Abgesehen vom Size-Faktor reduziere sich das Universum auf einen interessanten Faktor. In den solle man auch investieren, was bereits geschehe. Raviol warnt hierbei allerdings zur Vorsicht: „Wenn viele das Gleiche tun, kann es gefährlich werden. Stichwort: Crowding.“ Als ein Fan von Smart Beta zeigte sich auf der Lupus-Alpha-Konferenz Dr. Gerhard Ebinger, der als Vice President Asset Management bei der BASF rund 19 Milliarden Euro managt. „Wir haben eine Aktienquote von 25 bis 30 Prozent und nutzen auch Smart Beta“, verriet er auf einer Podiumsdiskussion. Für 2017 hat er sich vorgenommen, Smart Beta auch auf den Rentenbereich zu erweitern. 
Der Entzug wird schwer
Europas konjunkturelle Entwicklung ist unverändert fragil. Sollen die Staaten jetzt mit noch mehr Schulden einspringen? Dieser Frage ging eine andere Podiumsdiskussion auf der Lupus-Alpha-Konferenz nach. Dass der Chefökonom der Tschechischen Bank, Dr. Thomas Sedlacek, das Debt-finanzierte Wachstum äußerst skeptisch ist, darin ließ er keinen Zweifel. Aus vier Dollar Schulden entstehe ein Dollar BIP-Wachstum. „Wenn wir mit dem schuldengetriebenen BIP-Growth so weiter machen, wird Griechenland nicht mehr hinter uns liegen, sondern vor uns“, so Sedlacek. In der Vergangenheit sei darüber debattiert worden, ob man der Wirtschaft Drogen geben soll, so das Wording von Sedlacek, der wegen der Folgeschäden eine Analogie zwischen Krediten und Drogen ausmacht. Heute sei die Debatte eine komplett andere. „Die Drogen gehen uns aus. Was werden wir machen, wenn wir nicht länger null Zinsen vortäuschen?“, fragte der Ökonom auf der Konferenz. Zur bildhaften Veranschaulichung zog er eine berühmte Trickfilmfigur heran. „Donald Duck ist innen reich, agiert nach außen jedoch arm. Wir machen das Gegenteil, wenngleich wir innen nicht unbedingt arm sind, aber wir geben uns nach außen reich“, so Sedlacek. Für ihn ist die Fiskalpolitik wie Alkohol. „Nehmen wir an, dass wir Freitagabend zu einer Party gehen. Zwei Uhr morgens fühle ich mich längst nicht müde – ich singe und tanze. Der Alkohol gibt mir die nötige Energie, aber er nimmt diese Energie vom Samstagvormittag. Wenn ich die Frau meines Lebens an diesem Freitagabend getroffen habe, war es eine gute Investition, ansonsten habe ich am Samstag nur einen Kater“, erläuterte der Tscheche.
Weniger plakativ brachte Professor Dr. Clemens Fuest, Präsident vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, seine Besorgnis zum Ausdruck. In Europa habe in vielen Ländern ein „Debt Shift“ vom privaten auf den öffentlichen Sektor stattgefunden. „Doch es ist einfacher, privates Debt neu zu strukturieren als öffentliche Schulden“, so Fuest. Er sieht keinen einfachen Weg raus aus diesem Problem. „Der Schlüssel ist Restrukturierung des Debt.“ 
portfolio institutionell newsflash 18.11.2016/Kerstin Bendix

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