Versicherungen
14. Dezember 2015

Wegen Solvency II und Niedrigzinsen: Die Gothaer sortiert sich neu

Mit Beitragseinnahmen von rund 4,5 Milliarden Euro pro Jahr ist der Gothaer-Konzern einer der größten deutschen Versicherer. Die Kapitalanlagen rangieren jenseits von 28 Milliarden Euro. Vor Journalisten hat die Führungsriege nun über die Geschäfte, die Assets und die Zukunft gesprochen.

Es hat schon Tradition in Köln: Kurz vor dem Jahreswechsel öffnet der Gothaer-Konzern seine Bücher und gibt Einblick in die anstehenden Geschäftsergebnisse. Bei den gebuchten Bruttobeiträgen hat sich auf Konzernebene gegenüber 2014 im Grunde genommen nichts verändert. Die Gothaer wird bis Jahresultimo voraussichtlich erneut 4,51 Milliarden Euro an Beiträgen einsammeln. Ein Blick in die einzelnen Segmente zeigt allerdings eine divergierende Entwicklung: So wird der größte der insgesamt drei Konzern-Sparten „Schaden, Haftpflicht, Unfall“ im laufenden Jahr bei den Bruttobeiträgen um etwa 2,9 Prozent auf 2,14 Milliarden Euro wachsen. 
Beispielsweise floriert das Geschäft im Bereich Erneuerbarer Energien. Die Gothaer ist schon seit Jahren Marktführer als Versicherer von Windkraftanlagen und konnte diese Marktstellung 2015 weiter ausbauen. Heute versichert sie weltweit etwa 16.000 Windkraftanlagen, vor Jahresfrist waren es etwa 2.000 weniger; das treibt die Beitragseinnahmen. Auch die Geschäfte im Segment „Krankenversicherung“ mit einem voraussichtlichen Wachstum von 4,4 Prozent auf dann 0,94 Milliarden Euro florieren. Im Gegensatz dazu präsentiert sich die Lebensversicherungssparte im Gothaer-Konzern mit einem Rückgang bei den Beiträgen um 6,9 Prozent auf nur noch 1,42 Milliarden Euro von ihrer schwachen Seite. 
Wie der Vorstand erläuterte, werde das Geschäft mit Blick auf das niedrige Zinsniveau, Solvency II und das facettenreiche Lebensversicherungsreformgesetz gezielt konsolidiert, transformiert und umgebaut. In diesem Zusammenhang hat sich das Unternehmen unter anderem zum Ziel gesetzt, im Bereich des Einmalbeitragsgeschäfts künftig viel selektiver vorgehen zu wollen und beispielsweise die Höhe der Einmalzahlungen zu deckeln. Dazu seien die Annahmerichtlinien verschärft worden. Daneben will die Gothaer im Bereich der Garantieprodukte neue Modelle auf den Markt bringen. Einerseits diskutiert man intern über Produkte mit endfälliger Garantie, wobei die Kundengelder im Sicherungsvermögen angelegt werden. Andererseits steht ein fondsbasiertes Produkt zur Debatte, wobei nur ein Teil der Kundengelder ins Sicherungsvermögen fließt.
Oberstes Ziel sei es, die Gesellschaften in ihrer Risikotragfähigkeit und in ihrer Substanz zu stärken. So will man den Herausforderungen, die sich aus dem wahrscheinlich noch lange andauernden Niedrigzinsumfeld und Solvency II ergeben, begegnen. Die Gothaer muss aufgrund ihres nennenswerten Bestands an Garantieprodukten in diesem Jahr steigende Zuführung zur Zinszusatzreserve vornehmen. Hier ist die Rede von 200 Millionen Euro. 
Die Bilanz nach IFRS wiederum dürfte unter dem Strich recht ordentlich ausfallen; die Gothaer profitiert, ebenso wie andere deutsche Versicherer davon, dass besonders schadensträchtige Wetterkapriolen in diesem Jahr (bis jetzt) ausgeblieben sind. Der Konzernjahresüberschuss wird bei 140 Millionen Euro veranschlagt. Das wären stolze 19,1 Prozent mehr, als am Schluss des Vorjahres unter dem Strich verdient wurden. Parallel dazu geht die Vorstandsriege davon aus, dass das Konzerneigenkapital um ein gutes Prozent auf dann 1.800 Millionen Euro steigt. Mit Beginn des neuen Jahres reduziert die Gothaer die laufende Gesamtverzinsung bestehender Verträge anhand des im Branchenvergleich zugrundeliegenden Modellkunden von 3,1 auf 2,5 Prozent. Inklusive der derzeit geltenden Beteiligung der Kunden an Bewertungsreserven und weiterer Gewinnanteile beträgt die Gesamtverzinsung 3,4 Prozent, nach 4,0 Prozent vor Jahresfrist.  Mit dieser Absenkung will der Vorstand das Signal geben, „maximal nachhaltig und seriös“ zu agieren. 
Kapitalanlagen werden umgebaut 
Auch das Ergebnis aus Kapitalanlagen kann sich sehen lassen. Die Gothaer wird 2015 an dieser Stelle geschätzte 1,2 Milliarden Euro verdienen. Das wären 8,5 Prozent mehr als vor einem Jahr. Per Jahresultimo dürften sich die Kapitalanlagen auf 28,3 Milliarden Euro summieren. Die Konzern-Nettorendite nach IFRS wird demnach voraussichtlich bei 4,3 Prozent liegen. 
In den Zahlen verarbeitet ist unter anderem ein 100-Millionen-Euro schwerer positiver Sondereffekt, der sich aus dem Verkauf und der anschließenden Rückvermietung („Sale and lease back“) des Firmen-Campus in Köln ergibt. Ein israelisches Family Office und eine israelische Versicherung hatten der Gothaer das Objekt 2015 abgekauft und vermieten es ihr nun. 
„Unsere wesentlichen Veränderungen in der Kapitalanlage 2015 liegen in der Erhöhung der Aktienquote bei der Gothaer Allgemeinen auf jetzt fünf Prozent und den Ausbau des Portefeuilles in den Asset-Klassen Immobilien und Erneuerbare Energien“, fasst Harald Epple, Vorstand für Kapitalanlage im Gothaer-Konzern zusammen. Das Unternehmen liegt nach eigener Darstellung im deutschen Versicherungsmarkt bei Investitionen in Erneuerbare Energien in Relation zum verfügbaren Anlagevolumen weit vorn. Derzeit investiert der Konzern 674 Millionen Euro in Erneuerbare Energien und greift dabei auf Kooperationspartner zurück, die sich um den Bau und den Betrieb der Anlagen kümmern. Bis 2016 sollen hier insgesamt eine Milliarde Euro investiert sein. Das entspricht dann rund vier Prozent des gesamten Kapitalanlagevolumens. Bei der Suche nach Neuinvestments gebe es auch heute noch Assets, die ein attraktiveres Rendite-Risiko-Profil als festverzinsliche Wertpapiere versprächen, so Epple, auch wenn die Renditen gerade im Bereich Erneuerbarer Energien gesunken seien. (Lesen Sie mehr dazu in der Dezember-Ausgabe von portfolio institutionell, die am 18.12.2015 erscheint) 
Innerhalb der Asset-Klasse Immobilien wird die Gothaer künftig im Bereich Health Care investieren. Geplant sei die Übernahme eines Portfolios von zwölf Pflegeheimen mit einem Investitionsvolumen von rund 140 Millionen Euro. Das Investment dient nach Angaben des Kapitalanlagechefs Harald Epple zur Diversifizierung der Immobilienanlagen. Die Gothaer legt zudem Wert auf die Feststellung, dass sie in der Kapitalanlage nicht nach höheren Renditen jagt und entsprechend keine höheren Risiken eingeht, wie andere Häuser das täten. Und auch die Qualität der Zinsanlagen sinke nicht, wie das bei anderen Versicherungshäusern der Fall sei. Vielmehr habe man die im Jahresverlauf weiter eingeengten Spreads bei PIIS-Staatsanleihen (Portugal, Italien, Irland und Spanien) genutzt, um Anleihen zu verkaufen. Auf dem Einkaufszettel wiederum stünden heute Anleihen von US-Gebietskörperschaften (US Municipal Bonds). Mit ihren langen Laufzeiten und sehr guten Ratings passten diese ins Portfolio der Lebensversicherung. Im Fixed-Income-Bereich strebt die Gothaer eine noch breitere geografische Diversifikation und eine weitere Ausweitung des Emittentenspektrums an, wobei das Währungsrisiko immer gehedgt werde. 
Per 31. Oktober bestand das Portfolio konzernübergreifend zu 85,7 Prozent aus liquiden Assets, dabei entfielen 56,5 Prozent (31. Dezember 2014: 59,7 Prozent) auf Zinsinstrumente. Auf Credit-Instrumente basierten zuletzt 24,5 Prozent der Gesamtanlage (24,2 Prozent) sowie Cash 3,5 Prozent (1,2 Prozent). Aktien standen für 1,2 Prozent (0,6 Prozent ) der Kapitalanlagen. Bei den illiquiden Anlagen macht sich der geplante Ausbau der Immobilienquote bemerkbar. Ende Oktober lag der Anteil von Immobilien bereits wieder bei 8,2 Prozent nach 7,9 Prozent am Ende des Vorjahres. 2012 lag der Anteil übrigens schon einmal bei neun Prozent. Alternative Investments, darunter fallen die vollständig zum Verkauf ausgeschriebenen Hedgefonds sowie die Erneuerbaren Energien, mit zusammen 2,9 Prozent (3,2 Prozent). Die Finanzbeteiligungen liegen unverändert bei 3,2 Prozent. 
Mit Blick auf Solvency II gab der Vorstand zu bedenken, dass die Kennzahl „Return on Solvency Capital“ an Bedeutung gewinne und nun bei großen Neuanlagen als eine von mehreren Kennziffern berücksichtigt werde. An der Entscheidung vor nunmehr drei Jahren, kein internes Modell für Solvency II aufzubauen, hat die Gothaer nicht gerüttelt. Man habe das Standardmodell der Aufsicht im Griff, so der Vorstand. Ein internes Modell hätte eine Verfünffachung des internen Aufwands zur Folge gehabt. Aber anders als beispielsweise die Axa und die Alte Leipziger greift die Gothaer bei Solvency II zunächst auf die von der Aufsicht gestatteten Übergangsregeln zurück; das heißt, wenn die Versicherungsunternehmen im Laufe des nächsten Jahres die mit Solvency II einhergehenden Berichtspflichten erfüllen und Kennzahlen zur Solvenz veröffentlichen, muss man hier im Branchenvergleich Vorsicht walten lassen. 
portfolio institutionell newsflash 11.12.2015/Tobias Bürger
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