Wenn Zahnärzte zu Wagniskapitalisten werden

Der frühere VZB-Direktor Ralf Wohltmann hatte versucht, sich gerichtlich zurück ins Amt zu klagen, scheiterte jedoch vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Bild: Deutsche Apotheker- und Ärztebank (2019).
Akteure, Netzwerke und das Versagen beim Zahnärzte-Versorgungswerk in Berlin. Wie eine Geldvernichtung in Milliardenhöhe verschleiert werden konnte.
Vor einem Jahr beschwichtigt das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB) in einem internen Schreiben seine rund 11.000 Mitglieder, es stehe „in keiner Weise zur Diskussion“, Rentenansprüche zu kürzen, und erklärt zugleich, es liege kein versicherungsmathematisches Problem vor. Hinter den Kulissen jedoch tobt zu diesem Zeitpunkt bereits eine finanzielle Katastrophe biblischen Ausmaßes.
Mit riskanten Investments in Start-ups, Luxushotels und obskure Projekte hat das VZB bis zu 1,1 Milliarden Euro – etwa die Hälfte seines Vermögens – verspielt. Es ist der wohl größte Skandal in der Geschichte deutscher Versorgungswerke. Dieser Enthüllungsbericht zeichnet die Verflechtungen der Verantwortlichen in einigen Fällen nach, beleuchtet ihr Versagen in Aufsicht und Kontrolle und zeigt, wie das Umfeld half, eine beispiellose Milliardenvernichtung zu verschleiern – bis alles zusammenbrach.
„Unübliche, hochriskante und überproportionale Investments“ – so nennt der neue VZB-Verwaltungschef Thomas Schieritz rückblickend die Anlagepolitik der letzten Jahre. Tatsächlich steckte das VZB seine Pflichtbeiträge – eigentlich für sichere Renten gedacht – in Unternehmen, die eher ins Portfolio von Wagniskapitalfonds passen: ein Insurtech-Start-up in Berlin, eine digitale Spedition in Hamburg, Luxus-Resorts unter anderem auf Ibiza und Sardinien, eine Garnelen-Farm in Schleswig-Holstein und sogar eine unausgereifte Recycling-Fabrik in Kalifornien.
Viele dieser Abenteuer endeten im Desaster. Insolvenzen und drastische Abschreibungen summierten sich auf Hunderte Millionen Euro; allein 2022 und 2023 mussten zusammen rund 110 Millionen Euro abgeschrieben werden. Doch wer hatte diese fragwürdigen Deals eingefädelt – und warum hat niemand sie gestoppt?
Element Insurance AG: Absturz eines „Versicherungs-Start-ups“
Ein zentrales Kapitel ist die Element Insurance AG, ein Berliner Versicherungs-Start-up (Insurtech). Einst als hoffnungsvoller Digitalversicherer gestartet, ist Element heute insolvent – und das VZB sein größter Gläubiger. Mitten in der Niedrigzinsphase witterte das Versorgungswerk offenbar Renditechancen und stieg 2017 bei Element ein.
In mehreren Finanzierungsrunden erhöhte das VZB seinen Anteil immer weiter – zuletzt hielt es über 80 Prozent der Aktien. Um den Jahreswechsel 2024/25 zeichnete das VZB sogar neue Element-Aktien. Wie sich herausstellte, im Alleingang: Die einzige andere Investorin, ein spanischer Insurtech-Fonds, sprang offenbar ab, sodass erneut nahezu allein das Geld der Berliner Zahnärzte das chronisch defizitäre Start-up stützte.
Die Geschäftsberichte zeichneten derweil ein düsteres Bild: Selbst 2023 schrieb Element – nach Rückversicherungs-Effekten – fast 20 Millionen Euro Verlust. Doch anstatt endlich die Reißleine zu ziehen, investierte das VZB immer weiter, getrieben von der Hoffnung auf Wachstum „um jeden Preis“. Ende 2024 dann der Schock: Die Finanzaufsicht Bafin untersagte der Element Insurance AG wegen Kapitalmangels das Neugeschäft. Kurz darauf, am 8. Januar 2025, eröffnete das Amtsgericht Charlottenburg ein vorläufiges Insolvenzverfahren.
Pikant: In einem Mitgliederbrief vom 10. Januar 2025 verschwieg das VZB die Pleite. Stattdessen betonte man beschwichtigend, das Geschäftsmodell habe sich „positiv entwickelt“ und die Prämieneinnahmen seien gestiegen. Erst durch Presseberichte erfuhren viele Mitglieder vom wahren Ausmaß des Debakels.
Für das VZB bedeutet die Element-Pleite einen möglichen Verlust von bis zu 100 Millionen Euro – so viel „stehe im Feuer“, berichtete der Tagesspiegel im Januar 2025. Tatsächlich war das Versorgungswerk zu diesem Zeitpunkt schon mit rund 62 Millionen Euro an Element beteiligt (Anschaffungswert). Nach Insolvenzeröffnung dürfte dieser Betrag größtenteils verloren sein.
Tatsache ist: VZB-Direktor Ralf Wohltmann, der all diese Investments zu verantworten hatte, fungierte gleichzeitig als Aufsichtsratschef der Element Insurance AG. Dieses Doppelmandat wirft Fragen auf: Konnte Wohltmann die Risiken unvoreingenommen beurteilen, wenn er als Element-Kontrollrat selbst an das Geschäftsmodell glaubte? Sicher ist: Wohltmann und das VZB-Management hielten viel zu lange an Element fest – bis am Ende über drei Viertel der Firma in den Händen der Berliner Zahnärzte lagen und das Projekt dann scheiterte.
Cargonexx: Millionen in den Sand gesetzt
Auch in Hamburg investierte das VZB massiv in ein Start-up – mit ähnlichem Ausgang. Cargonexx, eine digitale Spedition („KI-Spediteur“), galt einst als Hoffnungsträger, geriet jedoch 2019 in Schieflage: Der größte Anteilseigner Robin Frenzel (ein ehemaliger MPC-Manager) hielt fast die Hälfte der Anteile, weitere Investoren sprangen ab, und niemand war mehr bereit, frisches Kapital nachzuschießen. In dieser Lage tauchte überraschend das VZB als Retter auf. Am 20. Dezember 2019 – kurz vor Jahresschluss – gewährte das Versorgungswerk Cargonexx ein Wandeldarlehen über zwölf Millionen Euro zu acht Prozent Zinsen, unterschrieben vom damaligen VZB-Verwaltungsratschef Dr. Ingo Rellermeier persönlich.
Vertraulichen Unterlagen zufolge nutzte Cargonexx dieses Geld umgehend, um Altschulden bei bestehenden Investoren abzulösen: 4,5 Millionen Euro wurden sofort abgerufen, davon flossen drei Millionen Euro an Altgläubiger zur Tilgung ihrer Darlehen – darunter mindestens 1,5 Millionen Euro an Frenzels eigene Beteiligungsgesellschaft, wie aus den Dokumenten hervorgeht. Mit anderen Worten: Das Geld der Zahnärzte diente dazu, die bisherigen privaten Investoren auszuzahlen und das Start-up mit VZB-Mitteln schuldenfrei zu machen.
Dennoch war Cargonexx zu diesem Zeitpunkt formal überschuldet; erst als das VZB und die Altgesellschafter 2019 freiwillig auf Rückzahlungsansprüche in Höhe von insgesamt 5,6 Millionen Euro verzichteten, konnte die Überschuldung buchhalterisch bereinigt werden. Faktisch hatte die Rentenkasse also bereits beim Einstieg einen Teil der Verluste übernommen.
Warum stieg das VZB überhaupt ein? Bis Ende 2019 bestand keinerlei Beziehung zwischen dem Versorgungswerk und Cargonexx – weder hielt man Anteile, noch hatte man Darlehen gewährt. Es muss also externe Vermittler gegeben haben. Ein Blick ins dahinterstehende Netzwerk liefert Indizien: Größter Cargonexx-Eigentümer war, wie erwähnt, Robin Frenzel. Einer der ersten Geldgeber war zudem die Engel & Völkers Resorts GmbH, die ebenfalls rund zehn Prozent der Anteile hielt. Dieses Unternehmen durfte damals im Rahmen einer Markennutzungslizenz den Namen Engel & Völkers nutzen – und genau dort ergibt sich ein erstaunlicher Schulterschluss zu anderen VZB-Investments
Fest steht: Die Hamburger Connection um Frenzel stellte offenbar den Kontakt zum Versorgungswerk her. Frenzels Partner Ulrich Oldehaver (Ex-MPC-Vorstand) investierte über seine Firma Schickler Beteiligungs GmbH, die anfänglich 90 Prozent von Cargonexx hielt, und Mitgründer Rolf-Dieter Lafrenz hielt über die Schickler Beratung die restlichen zehn Prozent. Man kann also von einem „Start-up“ im Dunstkreis etablierter Hamburger Finanzakteure sprechen.
Mit dem frischen VZB-Geld versuchte Cargonexx ab 2020 einen Neuanfang. Das Zwölf-Millionen-Darlehen war so bemessen, dass es theoretisch in 24 Prozent der Firmenanteile hätte gewandelt werden können – basierend auf einer äußerst optimistischen Firmenbewertung von 50 Millionen Euro (zum Vergleich: Ein Jahr zuvor lag die Bewertung bei maximal 30 Millionen Euro).
Praktisch blieb das VZB zunächst Gläubiger: Bis Ende 2020 hatte Cargonexx weitere fünf Millionen Euro aus dem Wandeldarlehen abgerufen, sodass zu diesem Zeitpunkt 9,5 Millionen Euro Schulden an das VZB in den Büchern standen. Anstatt jedoch frisches Privatkapital zu finden, musste erneut das VZB aushelfen: Zusätzlich finanzierte das Versorgungswerk 2020 indirekt einen Anteilszukauf Frenzels mit weiteren fünf Millionen Euro. Insgesamt erhöhte sich das Engagement des VZB damit – inklusive weiterer Hilfen über Frenzels Firmen und Anschlusstranchen bis 2023 – auf mindestens 23 Millionen Euro. Diese Summe droht, vollständig verloren zu sein. Denn Cargonexx meldete im Juli 2025 überraschend Insolvenz an. Die Vision vom „KI-Spediteur“ zerplatzte – und mit ihr wohl auch die Millionen der Berliner Zahnärzte.
Luxushotels, 12.18.-Gruppe und Engel & Völkers: Ein komplexes Beziehungsgeflecht
Nicht nur Start-ups, auch Immobilienprojekte zogen das VZB in ihren Bann. Besonders verstrickt ist das Versorgungswerk mit der Düsseldorfer Unternehmensgruppe 12.18. des Duos Jörg Lindner und Kai Richter. Die 12.18.-Gruppe (benannt nach den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen – L = 12., R = 18. Buchstabe im Alphabet) entwickelt und betreibt Premium-Hotels und Resorts, etwa das Luxus-Feriendorf 7Pines Resort Ibiza sowie ähnliche Objekte auf Sardinien und in Schottland. Das VZB stieg schon vor Jahren als strategischer Partner und Mitgesellschafter bei 12.18. ein.
2019 prahlte Dr. Ingo Rellermeier – damals Vorsitzender des VZB-Verwaltungsausschusses – öffentlich mit der „erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen 12.18. und dem VZB“. Er selbst saß zu dieser Zeit im Beirat der 12.18. Investment Management GmbH, welche zahlreiche Hotelprojekte steuerte. VZB-Direktor Ralf Wohltmann ging sogar noch weiter: Nach dem plötzlichen Tod von Kai Richter im April 2020 übernahm Wohltmann dessen Platz und wurde geschäftsführender Gesellschafter bei 12.18. Investment Management. Man muss sich das klarmachen: Der hauptamtliche Geschäftsführer des Versorgungswerkes war gleichzeitig Co-Chef eines privaten Hotelentwicklers, in den das Versorgungswerk zig Millionen investierte – ein Interessenkonflikt par excellence.
Unter Lindner, Richter und Wohltmann baute die 12.18.-Gruppe ein Geflecht immer neuer Projekte und Zweckgesellschaften auf, an denen häufig auch VZB-Gelder beteiligt waren. Ein Beispiel ist die Castlewood-Gruppe des Hotelunternehmers Martin Smura. Smura, ein ehemaliger Kempinski-CEO, betrieb über die Castlewood Hotels & Resorts AG (Sitz: Nidwalden, Schweiz) mehrere Luxusresorts. Im Frühjahr 2020 – zeitgleich mit Richters Tod – geriet Castlewood in Turbulenzen. Noch im Mai 2020 stieg die 12.18.-Gruppe ein: Es wurde die 12.18. Castlewood Hotels GmbH gegründet, an der sich auch das VZB beteiligte. Diese Gesellschaft kaufte für 7,5 Millionen Euro Anteile an Smuras Schweizer Castlewood-Gruppe. Kurz darauf wurde bekannt, dass Kateryna Smura, die Ehefrau von Martin Smura, drei Castlewood-Firmen an eine dubiose US-Briefkastenfirma verkauft hatte – ein Strohmann-Geschäft, das für einen Skandal sorgte. Für das VZB bedeutete dies, dass sein Investment in Castlewood plötzlich extrem unsicher war.
Bemerkenswert ist die Rolle von Dr. Ingo Rellermeier in diesen Geflechten. Rellermeier, seit 2007 Mitglied und ab 2013 Vorsitzender des VZB-Verwaltungsausschusses, war in mehreren zentralen Transaktionen federführend beteiligt. Gleichzeitig unterhält der Berliner Zahnarzt enge private und geschäftliche Verbindungen zum Aufsichtsorgan: Er führt seit vielen Jahren gemeinsam mit Dr. Karsten Heegewaldt – dem Präsidenten der Zahnärztekammer Berlin – eine Zahnarztpraxis. 2019 gründeten Rellermeier und Heegewaldt sogar zusammen eine Immobilien-Beteiligungsgesellschaft, die in den folgenden Jahren ein Anlagevermögen von über 13 Millionen Euro aufbaute. Finanziert wurde dies wesentlich durch gemeinsame Darlehen der beiden Gesellschafter. Diese personelle Achse zwischen VZB-Spitze und Kammerführung gibt Anlass zu Fragen – zumal Heegewaldt als Kammerpräsident über sein Amt Einfluss auf das Versorgungswerk hat.
Auffällig sind auch die Ausschüttungstricks bei einigen Investments, durch die private Partner Gewinne abschöpften, während das VZB das wirtschaftliche Risiko trug. Ein besonders drastischer Fall spielte sich 2018 bei der Engel & Völkers Capital (EVC) AG ab, ebenfalls ein unabhängiger Lizenznehmer der Marke Engel & Völkers. Hier wurden VZB-Anteile auch durch eine Optionsvereinbarung gezielt so verschoben, dass Dividenden fast ausschließlich an zwei Mitinvestoren flossen: Das VZB hielt zwar 20 Prozent des Kapitals, erhielt aber lediglich etwa 0,9 Prozent der Dividende.
Konkret wurden von insgesamt 18 Millionen Euro Dividendensumme nur 155.000 Euro an das VZB ausgeschüttet, während Jörn Reineckes FOX Beteiligungen GmbH und Robin Frenzels Frenzel Beteiligungen GmbH über 99 Prozent kassierten. Möglich machte dies eine kurz zuvor geänderte Satzung der EVC, die dem VZB in dieser Ausschüttung einen Nachteil von rund 3,45 Millionen Euro bescherte. Reinecke und Frenzel hatten ihre EVC-Anteile erst kurz vor Jahresende 2018 für 31,50 Euro je Aktie übernommen – finanziert faktisch durch die Dividende, die sie wenige Wochen später ausschütteten.
Nach Begleichung der Kaufpreise für die Aktien blieb für die beiden ein Überschuss von zusammen rund 5,3 Millionen Euro übrig. Brisant: Das VZB selbst hatte maßgeblich zu dem außergewöhnlichen Gewinn der EVC AG beigetragen, indem es kurz vor dem Jahreswechsel 2018 der EVC eine Tochtergesellschaft (EV Digital Invest) für drei Millionen Euro abkaufte. Mit anderen Worten: Das Versorgungswerk hebelte den Erfolg der EVC, ging bei der Dividendenausschüttung dann aber fast leer aus.
Ähnlich benachteiligt wurde das VZB beim Düsseldorfer Projektentwickler MAGNA Real Estate AG. Hier kam es 2018 zu einer selektiven Dividendenauskehr in Höhe von zwei Millionen Euro, die ausschließlich an die beiden Hauptgesellschafter – Reineckes FOX Immobilien und David Liebigs Lonepike GmbH – floss. Das VZB, das soeben erst gut 1,1 Millionen Euro frisches Kapital eingelegt und zehn Prozent der Anteile übernommen hatte, ging leer aus. Darüber hinaus war im Beteiligungsvertrag eine Klausel verankert, die den Privatinvestoren wenig später eine weitere Millionen-Prämie sicherte: Sobald ein externer Investor eine Unternehmensbewertung von mindestens 150 Millionen Euro zugrunde legte, musste das VZB den beiden Verkäufern (FOX und Lonepike) nachträglich jeweils drei Millionen Euro zahlen. Tatsächlich meldeten Reinecke und Liebig im Juni 2018, dass die Bedingungen erfüllt seien – und kassierten die vereinbarten sechs Millionen Euro „Earn-out“-Bonus. Für die Zahnärzte bedeutete dies: Man investierte in Magna, erhielt selbst keinerlei Gewinn, zahlte aber den Partnern zusätzliche Prämien aus.
Diese Beispiele verdeutlichen, wie engmaschig das Netzwerk zwischen dem VZB und privaten Investmentpartnern gestrickt war – und wie sehr einige wenige Akteure davon profitierten. Frenzel etwa, der auf Seiten des Fonds- und Beteiligungsmanagements agierte, stand in enger Beziehung zum VZB über den Verkauf von E&V Capital und die gemeinsame Fondskooperation. Lindner und Richter traten zwar im VZB selbst nicht in Erscheinung, waren aber als Empfänger von VZB-Investments über ihre Firmen mit dem Versorgungswerk verflochten. Wohltmann und Rellermeier wiederum handelten quasi in Doppelrolle: als Verantwortliche im VZB und zugleich als Aufsichts- beziehungsweise Beiräte in den Beteiligungsfirmen. So erklärt sich, warum kritische Stimmen lange ausblieben – das Kontrollgremium war mit ins System eingebunden.
Aufarbeitung eines Skandals: „Größter Schaden der Nachkriegszeit“
Mittlerweile hat ein personeller Neuanfang eingesetzt. Die alte Führungsspitze des VZB wurde komplett ausgetauscht: Bereits im Frühjahr 2025 enthob die Vertreterversammlung drei Mitglieder des Verwaltungsausschusses ihres Amtes, zwei weitere traten zurück. Im Juli 2025 folgten zwei weitere Abberufungen. Der einstige Verwaltungsausschuss-Vorsitzende Dr. Ingo Rellermeier und VZB-Direktor Wohltmann sind nicht mehr im Amt – letzterer versuchte zwar, sich gerichtlich zurück ins Amt zu klagen, scheiterte jedoch vor dem Verwaltungsgericht Berlin.
Neuer starker Mann ist der bereits erwähnte Thomas Schieritz, der im November 2023 zum Vorsitzenden des Verwaltungsausschusses gewählt wurde. Unter Schieritz und einem ebenfalls erneuerten Aufsichtsausschuss (geleitet von Dr. Andreas Vocks seit Ende 2023) verspricht das VZB nun lückenlose Aufklärung.
Parallel dazu sind juristische Schritte angelaufen. Ende 2025 reichte das VZB eine Feststellungsklage beim Kammergericht ein, um Schadenersatzansprüche gegen zwölf Beteiligte geltend zu machen. Darunter sind neun frühere Verantwortliche des VZB (aus Verwaltungs- und Aufsichtsausschuss), außerdem die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (Apo-Bank), die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars – sowie das Land Berlin als Aufsichtsbehörde. Der Vorwurf: Sie alle hätten durch Fehlberatung, Prüfungsversagen oder Aufsichtsmängel dazu beigetragen, dass über eine Milliarde Euro Verlust entstand.
Konkret beziffert eine interne Analyse insolvenzbedingte Verluste auf 274 Millionen Euro und Abschreibungen auf die zwölf größten Beteiligungen auf 791 Millionen Euro. Man spricht bereits vom schwerwiegendsten Fall dieser Art in Deutschland. Gegenüber dem Handelsblatt wies die Apo-Bank die Vorwürfe zurück, dass man für etwaige Verluste des VZB verantwortlich sei. Generell gesprochen scheint hier, wie bei Ratingagenturen, einiges auf die grundsätzliche Problematik in der institutionellen Kapitalanlage hinzudeuten, dass vom Auftraggeber bezahlte Dienstleister nun einmal nicht völlig objektiv sein können.
Auch strafrechtlich wird inzwischen ermittelt: Gegen einzelne Ex-Verantwortliche besteht der Verdacht untreuer Geschäftsführung. Es steht im Raum, dass sich einzelne Personen persönliche Vorteile von Investmentpartnern verschafft haben; so heißt es in einem Bericht, Ex-VZB-Chef Wohltmann habe sich bei privaten Geschäften mit einem VZB-Partner persönliche Vorteile verschafft. Die endgültige Aufarbeitung dieses Skandals wird Jahre dauern – und sein gesamtes Ausmaß ist bislang nicht absehbar.
Für die VZB-Mitglieder – die Zahnärztinnen und Zahnärzte aus Berlin, Brandenburg und Bremen – heißt das derweil banges Warten. Laut Geschäftsbericht 2023 musste das Versorgungswerk allein in diesem Jahr 84 Millionen Euro aus der Überschussrückstellung entnehmen, um laufende Verluste auszugleichen. Ob und in welcher Form die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden können, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Besonders schwer wiegt jedoch, dass sich die Geschichte offenbar wiederholt: Bereits vor rund zwanzig Jahren kam es beim damaligen Versorgungswerk der Zahnärzte Berlin-Brandenburg zu einer Veruntreuung von Geldern, die in einer Kürzung der Anwartschaften um 16 Prozent mündete. Dass Ralf Wohltmann bereits damals Direktor war und diese Funktion von Januar 2000 bis September 2025 innehatte, verleiht dem aktuellen Milliarden-Desaster den Charakter eines institutionellen Déjà-vus. Fest steht: Ein derartiger Vertrauensbruch und finanzieller Schaden sind beispiellos – und werden die Zahnärzte-Altersvorsorgeeinrichtung und aber auch die berufsständische Altersversorgung generell noch lange belasten.
Hinweis: Um 10.42 Uhr haben wir eine Korrektur bezüglich der Lizenzrechte der Engel & Völkers Resorts vorgenommen
Autoren: Jens KummerSchlagworte: Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB)
In Verbindung stehende Artikel:


Toller Artikel, Herr Kummer, Gratulation