Traditionelle Anlagen
13. Februar 2026

Wie Zinsanleger die Kurve kriegen

Nach der Versteilerung der Euro-Zinskurve in 2025 rücken nun Strategien zur effizienten Nutzung des aktuellen Renditeumfelds in den Vordergrund. Statt Spreads werden Carry und Rolldown wichtiger und auch EM Bonds könnten stärker in den Fokus treten.

Investoren müssen sich an geopolitische Unsicherheit als neue Normalität gewöhnen. Zuletzt katapultierte der Streit um Grönland mit neuen Zolldrohungen die Spannung auf ein neues Niveau. Doch wie es auch in diesem Streit weitergeht: Negative Schocks mit weitreichenden Auswirkungen auf Aktien und Anleihen scheinen mit dieser US-Führung jederzeit möglich. Mittelfristig versuchen Anleger ihre Zinsstrategie auf die neuen Realitäten einzustellen.

Ohnehin sind viele Investoren schon seit einiger Zeit tendenziell zurückhaltender bei Credit-Risiken und der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte bereits vor Monaten vor den strapazierten Bewertungen bei Unternehmensanleihen und an den privaten Kreditmärkten. Die Hoffnung der Anleger auf weiter sinkende Credit-Spreads weicht der Sorge, dass sich die Risikoprämien auch einmal in die andere Richtung entwickeln könnten.

Dabei bleibt Fixed Income bei den meisten Investoren der Fokus ihrer Strategischen Asset-Allokation (SAA): Anleger im Euroraum bauten seit der Zinswende 2022 vor allem Bestände in Euro-Unternehmensanleihen aus und vergrößern ihren Direktbestand vielfach noch immer weiter. Dabei profitieren sie vom Euro-Renditeniveau, das für langfristig orientierte Anleger weit über dem Rechnungszins liegt. 2025 hat sich die Zinskurve deutlich weiter versteilert: Dazu trugen die Zinssenkungen der EZB auf aktuell zwei Prozent bei, aber auch der Anstieg der Bund-Renditen auf zuletzt 2,83 Prozent für zehn Jahre und 3,44 Prozent bei 30 Jahren.

2026 bringen die großen Eurostaaten Rekordsummen auf den Markt. Allein die deutsche Finanzagentur plant für dieses Jahr Emissionen von 494 Milliarden Euro, und dies bei Tilgungen von nur 309 Milliarden Euro. 2025 betrugen die Bund-Emissionen noch 367 Milliarden Euro, bei Tilgungen von 299 Milliarden Euro. Trotzdem greifen die Anleger bei neuen Euro-Emissionen weiter kräftig zu. So verbuchte Frankreichs Finanzagentur trotz rasanter Defizitentwicklung für eine Neuemission 20-jähriger OATs im Volumen von zehn Milliarden Euro kürzlich Kaufaufträge über mehr als 100 Milliarden Euro. Überzeichnungen mit dem Faktor zehn und mehr waren bei den jüngsten staatlichen Euro-Neuemissionen die Regel. „Eine kursbelastende Wirkung durch die rekordhohe Beanspruchung des Primärmarkts für Euro-Staatstitel im laufenden Jahr ist nicht vom Tisch“, sagt LBBW-Experte Elmar Völker: „Die sehr robuste Anlegernachfrage nimmt der Emissionswelle aber einen Teil ihres Schreckens.“ Kaum Bewegung erwarten Experten am kurzen Ende: Die EZB dürfte die Leitzinsen in diesem Jahr auf dem aktuellen Niveau von zwei Prozent halten, erste mögliche Zinserhöhungen erwarten die Terminmärkte gegen Ende 2026.

Rolldown auf Euro-Zinskurve

Das hat Folgen für die Anleihenstrategie: „Nach der spürbaren Versteilerung der Zinskurven rücken Strategien zur effizienten Nutzung des aktuellen Renditeumfelds in den Vordergrund“, erklärt John Petersen, Portfoliomanager bei Eyb & Wallwitz. Sorgten die steigenden Langfristrenditen 2025 in der Eurozone noch für Gegenwind bei der Performance, so könnte dieses Jahr einen attraktiven Rolldown bringen, während Anleihen sich der Fälligkeit nähern. „Gerade im mittleren Laufzeitensegment können Anleger davon profitieren“, sagt Ercan Demircan, Portfoliomanager bei Bantleon. Die gestiegene Laufzeitprämie sieht man bei Bantleon als gutes Argument für das Eingehen von Laufzeitrisiken. Zu stark sollten Anleger aber nicht auf Duration setzen, denn ein weiterer Anstieg am langen Ende auf rund drei Prozent ist nicht ausgeschlossen. Bewegung könnte es auch zwischen den Euro-Staaten geben. In Frankreich stehen 2026 zwar nur Kommunalwahlen Mitte März auf der Agenda, die Präsidentschaftswahlen folgen erst 2027. Doch die politische Situation bleibt mit der niedrigen Zustimmung für Präsident Emmanuel Macron anfällig.

Hoch bewertete Unternehmens-Bonds

Bei Unternehmensanleihen gehen die Meinungen auseinander: „Unternehmensanleihen profitieren von hohen laufenden Erträgen, verbesserter Kreditqualität und einem robusten globalen Konjunkturumfeld“, sagt Bantleon-Portfoliomanager Ercan Demircan. Trotz enger Risikoaufschläge gegenüber Bundesanleihen seien sie im Vergleich zum Swap-Markt noch attraktiv bewertet. Konstruktiv ist auch Steven Oh, Co-Leiter Leveraged Finance bei Pinebridge, für Unternehmensanleihen. Er glaubt zudem nicht, dass die jüngsten vereinzelten Insolvenzen auf den Banken- und Kreditmärkten auf ein systemisches Problem hindeuten. „Wir halten eine Explosion des Kreditzyklus für höchst unwahrscheinlich, sofern es nicht zu einem größeren wirtschaftlichen Abschwung kommt.“

Dagegen sagt Charudatta Shende, Fixed-Income-Stratege bei Candriam: „Die Zinsprämien signalisieren klar, dass Unternehmensanleihen nicht günstig sind.“ Inzwischen zahlen einige Konzerne für ihre Emissionen Zinsen, die auf oder sogar unter dem Renditeniveau der Staatsanleihen ihrer jeweiligen Heimatstaaten liegen. Als Beispiele nennt Shende Microsoft und US-Treasuries oder den Pariser Pharmahersteller Sanofi, dessen Anleihen teils sogar unter französischen Staatsanleihen rentieren. Die historisch geringen Spreads und hohe Mittelzuflüsse hält er für Warnsignale. Angesichts der komprimierten Zinsprämien seien Unternehmensanleihen im Fall externer Schocks grundsätzlich anfälliger, so Shende.

Und noch eines bereitet ihm Sorgen: Viele Emittenten bewegen sich auf die sogenannte „Maturity Wall“ zu. Sie hatten zwar die Niedrigzinsphase genutzt, um sich langfristig günstig zu refinanzieren. Diese Anleihen müssen sie in den kommenden Jahren aber bei deutlich höheren Marktzinsen refinanzieren. Ab 2026 steigt der Refinanzierungsbedarf deutlich – die Refinanzierungswelle dürfte für viele Firmen teuer werden. Bereits für dieses Jahr geht Shende davon aus, dass die gegenwärtig noch geringe Zahl an Downgrades aus dem Investment-Grade- in den High-Yield-Bereich – die sogenannten „Fallen Angels“ – zunehmen wird, während immer weniger „Rising Stars“ den Sprung in das konservativere Investment-Grade-Segment schaffen. Mehrere große US-Schuldner wie Boeing mit 60 Milliarden Dollar oder Ford mit 80 Milliarden Dollar an ausstehenden Anleihen liegen mit BBB-Rating gerade noch im Investment-Grade-Bereich und nur eine Stufe über High Yield.

„Spielraum nach unten sehen wir kaum noch“, heißt es auch bei der LBBW zu den Risikoprämien. Für 2026 erwarten die LBBW-Experten eine leichte Ausweitung. Setzt die US-Regierung Zollandrohungen um, könnte der Rückschlag weit größer ausfallen, glaubt Edgar Walk, Chefvolkswirt Metzler Asset Management: Betroffen seien von potenziellen Zusatzzöllen die ohnehin angeschlagenen Branchen Automobilindustrie und Maschinenbau. „Es besteht das Risiko von Unternehmensinsolvenzen und Ketteneffekten bei Zulieferern.“ Die meisten Experten setzen aber auf ein Basisszenario ohne weitere Eskalation. Und da glaubt Eyb & Wallwitz-Portfoliomanager John Petersen: „Das laufende Jahr dürfte vor allem ein Carry- und – dank der steilen Zinskurven – auch ein Rolldown-Jahr werden.“ Dazu trete die Selektion stärker in den Fokus.

KI-Emissionswelle

Noch ein Trend dürfte die Credit-Märkte dieses Jahr in Atem halten: Die Emissionen der KI-Konzerne. Während die großen Tech-Werte ihre Investitionen lange aus dem internen Cashflow finanzierten, wenden sie sich zunehmend an den Kapitalmarkt. In den vergangenen Monaten brachten KI-Emittenten mehrere große Anleihetransaktionen, so etwa Meta mit einer Emission von 30 Milliarden Dollar in sechs Tranchen. KI-bezogene Emissionen machten nach Angaben von Christian Hantel, Leiter Global Corporate Bonds bei Vontobel Fixed Income, im Jahr 2025 etwa 30 Prozent der gesamten US-Dollar-Nettoemissionen an Investment-Grade-Anleihen aus.

Der Trend setzt sich fort: 2026 dürften Unternehmensanleihen im Volumen von rund 300 Milliarden Dollar mit Bezug zu KI oder Rechenzentren folgen, die sich in den nächsten fünf Jahren auf etwa 1,5 Billionen summieren. „Damit würde das KI-bezogene Segment 15 bis 20 Prozent der meisten Unternehmensanleihen-Indizes repräsentieren“, so Hantel. Robert Ostrowski, CIO bei Federated Hermes, berichtet bereits von leichten Ausweitungen der historisch niedrigen Risikoaufschläge bei US-Unternehmensanleihen. Er warnt vor zu viel Optimismus. Wesentlich bleibe, Zinskurve und Durationsrisiken sorgfältig zu steuern und Wertpotenziale in einem Finanzmarkt zu identifizieren, der in vielen Bereichen nahezu für Perfektion gepreist ist. Auf einen weiteren Aspekt verweist Steven Oh von Pinebridge: Aufgrund der Konzentration der KI-Investitionen sieht er ein zunehmendes Korrelationsrisiko bei Aktien und Corporate Bonds. „Wir gehen davon aus, dass dieses Thema an Bedeutung gewinnen wird, da Technologie einen immer größeren Teil des US-IG-Index ausmacht“, sagt er.

Ein Segment, in dem Anlageexperten weiter Chancen sehen, sind die Schwellenländer. So sagt Reinhard Pfingsten, Anlagechef der Apo-Asset: „Während wir Unternehmensanleihen aufgrund enger Spreads und hohem Finanzierungsbedarf neutral bewerten, sind wir in Schwellenländeranleihen übergewichtet: Sie profitieren von sinkenden Zinsen, einem schwächeren US-Dollar und hohen laufenden Renditen.“ Tatsächlich performten Hartwährungs-EM-Bonds bereits 2025 deutlich besser als Unternehmensanleihen.

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