Investoren
23. Mai 2022

„Wir sollten auf alle Eventualitäten vorbereitet sein“

Dr. Andreas Billmeyer ist Leiter Risikomanagement der Lebensversicherung von 1871 a. G. München. Hier spricht er über 20 Jahre institutionelles Asset Management und wie es damit weitergehen könnte.

Herr Dr. Billmeyer, welche beruflichen Erinnerungen haben Sie persönlich an das Jahr 2002?      

Damals war ich noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg tätig, aber durchaus schon intensiv am Finanzmarkt interessiert. Es lag gerade 9/11 hinter uns und die Dotcom-Blase war geplatzt: Eine gewisse Wiederbesinnung auf Value und Profitabilität lag in der Luft.

Welche wesentlichen Veränderungen in den vergangenen zwei Dekaden gab es aus Ihrer Sicht im Bereich der institutionellen Kapitalanlage?     

Man kann durchaus von einer deutlichen Professionalisierung sprechen, insbesondere auch bei den mittelständischen Anbietern, die seitdem deutlich auch gegenüber den großen Häusern aufgeholt haben, gerade was die Themen Aktiv-Passiv-Steuerung und Diversifikation der Kapitalanlage angeht. Man ist heute sehr vielfältiger unterwegs, was die investierten Asset-Klassen angeht. Das gegenseitige Verständnis zwischen Aktuaren, Risikomanagement und Kapitalanlage ist gewachsen. Man war aber natürlich auch gezwungen, sich mit völlig neuen Realitäten am Zinsmarkt abzufinden, die vor 20 Jahren kaum vorstellbar schienen. Damit meine ich insbesondere die Negativzinsen.

Wie stark hat die Komplexität im Tagesgeschäft zugenommen?  

Vor allem aus der Regulierung von Solvency II heraus hat die Komplexität des Anspruchs zugenommen, was man alles modellhaft abbilden sollte. Die Wechselwirkungen zwischen Bilanzierung, Mindestzuführung und stochastischer Simulation sind sehr vielfältig. Dem muss man durch intensive Kenntnisse um die Sensitivität des eigenen Geschäftsmodells begegnen. Die Freiheit eines nicht mehr durch die Anlageverordnung eingeschränkten Investment-Universums bezahlt man durch umfangreiche Anforderungen an Dokumentation. Das betrifft mitunter auch Randthemen, die wenig mit der Wertgenerierung zu tun haben.

Und wie hat man damals Nachhaltigkeit gesehen?   

Grundsätzlich nicht so sehr unterschiedlich: Es war für ein Unternehmen, in das man entweder in Form von Aktien oder Anleihen investiert, schon immer wichtig, dass sein Geschäftsmodell nachhaltig funktioniert. Governance im Sinne des Einhaltens von geschriebenen und ungeschriebenen Regeln oder ein gedeihliches Miteinander mit den Mitarbeitern als wertvollstes Gut einer Unternehmung im Wissenszeitalter war damals schon ein Erfolgsfaktor für die Wertentwicklung von Assets aus Investorensicht. Geändert hat sich sicher die verstärkte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und die Bestrebung, die externen Umwelt-Effekte auch monetär zu internalisieren.

Kommt jetzt der große Regimewechsel? Nämlich Anstieg der Zinsen, Kapitalflüsse zurück in Anleihen, steigende Anforderungen der Stakeholder, der Bedeutung der Geopolitik?     

Ob der Regimewechsel schon eingetreten ist bei immerhin schon fast zwei Prozent Zinsanstieg seit den Tiefpunkten Ende 2020 oder noch fortschreiten wird, vermag ich leider nicht zu sagen. Wir sollten grundsätzlich auf alle Eventualitäten vorbereitet sein und diese überleben können, statt nur auf ein Pferd zu setzen. Es gibt allerdings schon fundamentale Hinweise darauf, dass die stetigen Kostenvorteile der Internationalisierung an ihre Grenzen kommen, dass sich aufgrund des demographischen Wandels das Angebot an Arbeitskräften verknappt und somit Inflation ein wichtigerer Faktor wird – auch und gerade im Hinblick auf den notwendigen Umbau der Energiesysteme hin zu Dekarbonisierung. Geopolitisch sind die Herausforderungen für die freien westlichen Gesellschaften offensichtlich.

Was erwarten Sie für die nächsten 20 Jahre im Kontext der institutionellen Kapitalanlage?     

Ich fürchte einerseits, nach der Krise wird stetig vor der Krise sein: Verschuldung und die Herausforderungen des Umbaus der Wirtschaft werden auch Begehrlichkeiten wecken in Richtung der institutionellen Kapitalanleger, gegebenenfalls nicht immer marktgerechte Renditen in Kauf zu nehmen. Alte Grundsätze beziehungsweise Weisheiten in der Kapitalanlage werden jedoch sicherlich weiterhin Bestand haben. Hier denke ich zum Beispiel an eine vernünftige Diversifikation der Anlagen.

Ich sehe weiterhin die Herausforderung beziehungsweise Gefahr, dass Regulierung überhandnimmt. Ich hoffe aber durchaus, dass auch die Wahrnehmung der Leistung institutioneller Kapitalanleger, dem Endkunden einen Mix an Assets zur Verfügung zu stellen, zu dem er ansonsten keinen Zugang hätte, wieder stärker in den Fokus gerät.

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