Schwarzer Schwan
23. August 2013

Zombie-Comeback

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler ist im Wahlkampfendspurt und braucht offenbar noch etwas Aufmerksamkeit. Da aber niemand auf das Akronym „Frag Doch Philipp“ (FDP) zurückkommt, zwangsbeglückt Rösler die Republik nun ungefragt mit einer Idee, bei der besonders die institutionellen Anleger die Ohren anlegen dürften.

Der vielleicht nicht verdiente, aber doch gediente ehemalige Bundeswehr-Sanitätsoffizier in der Funktion eines Truppenarztes will das Börsensegment „Neuer Markt“ reanimieren. Eben jenes Segment, das für die (geplatzte) Technologie-Bubble, Insolvenzen und Betrugsfälle stand, 2003 eingestellt werden musste und gebeutelte VAG-Anleger bis heute zu Aktienmuffeln macht. 
Mit dem Vorschlag zielt die Klientelpartei FDP wohl auf den Bundesverband Deutsche Startups ab – und dessen Chef Florian Nöll. Dieser umriss im Interview mit dem Handelsblatt die Zielgruppe des, wenn man so will, neuen Neuen Marktes so: „institutionelle Investoren, etwa Versicherer, nicht Privatanleger. Wir wollen nicht die Fehler des Neuen Marktes wiederholen.“ Der Start-up-Spezialist hofft, dass das neue Börsensegment bereits „Mitte 2014 starten könnte“. Bei aller Vorfreude sollten die Versicherer dann aber bitte nicht vergessen, den Sicherungsfonds Protektor höher zu dotieren. 
Entgangen ist Rösler bei seinem Vorschlag, dass der Neue Markt in den neuen Mittelstandsanleihen-Börsensegmenten bereits seinen Wiedergänger gefunden hat. In der Rolle des charismatischen Unternehmenslenkers, die damals Thomas Haffa von EM.TV auf den Leib geschneidert war, brilliert heute Willi Balz von der Windreich GmbH. Mag sein, dass ihm die jüngste Kurserholung seiner eben noch kollabierenden Anleihen neuen Mut verliehen hat. 
Die Gigabell AG brauchte am Neuen Markt übrigens nur 13 Monate von der Emission bis zur Insolvenz, muss sich aber nun der im Mittelstandssegment gelisteten Siag Schaaf geschlagen geben, die nur ein knappes Jahr von der Anleihenemission bis zur Pleite benötigte. Mit einem Pendant für den damaligen Neuen-Markt-Bösewicht Bodo Schnabel von Comroad, der fast den kompletten Umsatz erfunden hatte, können die Emittenten von Mittelstandsanleihen aber (noch nicht) dienen.  
Trotz dieser Vorzeichen kann der neue Neue Markt aber ein Erfolg werden. Als Verfechter der freien Marktwirtschaft ist sich die FDP nämlich nie zu schade, für die nötigen steuerlichen Anreize zu sorgen. Seien Sie also bitte nicht überrascht, wenn Zahnärzte oder Hoteliers den Kauf von Aktien am Neuen Markt als außergewöhnliche Belastung auf ihre Einkommensteuer anrechnen dürfen.  
Die portfolio-Redaktion wünscht Ihnen noch einen schönen Wahlkampf.
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