Titel-Stories
6. März 2026

Zu Land, zu Wasser und in der Luft

Die Kapitalanleger im Berliner Zahnärzte-Versorgungswerk hatten ein breites Tätigkeitsspektrum. Dieses erstreckte sich bis hin zu Crowdfunding, Kunst-Investments und einem Yacht-Verleih sowie regional bis Kalifornien, Südafrika und Ibiza. Um all dem nachzukommen, braucht es Fokus und Teamarbeit.

Um das Binnenklima bei Berliner Zahnärzten ist es schon seit Jahren schlecht bestellt. Dies lässt sich auch verschiedenen Schreiben entnehmen, in denen sich die „sehr geehrten Kollegen“ wie die Kesselflicker streiten. Mal wird vom Brieffreund Dr. Ingo Rellermeier ein „Mindestmaß an Redlichkeit und Ernsthaftigkeit erwartet“, mal diagnostiziert dieser wiederum beim Dentisten-Kollegen ein „populistisches und die Wahrheit verdrehendes Statement“, „Phrasen“ und ein „schmollendes Kindergartenkind“.

In dem Briefwechsel ging es 2018 übrigens um die Veruntreuung von Geldern in einem Berliner Zahnärzte-Fortbildungsinstitut sowie damit verbunden die Vorenthaltung von Daten und den Vorwurf, dass Angaben unzutreffend seien. Solche Vorwürfe sind auch aus einer anderen Tätigkeit Rellermeiers nicht unbekannt. Er war von 2013 bis 2025 Vorsitzender des Verwaltungsausschusses des Versorgungswerks. Dieses Gremium kümmert sich um die Veranlagung der Altersvorsorgegelder der Zahnärzte. Fast schon hellseherisch steht in dem Schreiben vor acht Jahren an Rellermeier auch: „Bei der Lektüre ihres gehässigen Kommentars stellte sich mir spontan die Frage, wie sie ein Kontrollversagen im Versorgungswerk gehandhabt hätten?“

Ableiten lässt sich aus diesen Schreiben noch ein anderer Sachverhalt: Zahnarzt Rellermeier tanzte auf vielen Hochzeiten. Voll ausgelastet war immer auch der Direktor des Versorgungswerks, Ralf Wohltmann, bei dem es sich laut Wirtschaftswoche um ein Organisationsgenie handeln muss. Wohltmann saß nicht nur ausweislich seines Linkedin-Profils in 13 Aufsichts- und Beiräten. Unter seiner Ägide war das Versorgungswerk zudem sehr intensiv auf Einzeltitel-Ebene unterwegs – auch wenn dies für die breite Zahnärzteschaft nicht immer nachvollziehbar war.

Information oft erst dann, „wenn es bereits zu spät ist“

So vergab das VZB über eine ihrer Vermögensverwaltungsgesellschaften mehrere Crowdfunding-Darlehen über insgesamt einen einstelligen Millionenbetrag, die teils schnell wieder abgeschrieben werden mussten. Vermittelt und vorgeprüft wurden diese Darlehen von der Plattform Kapilendo, einer Beteiligung des VZB. Die Abschreiber erfolgten allerdings nur in der Vermögensverwaltungsgesellschaft. Auf Ebene des Versorgungswerks kam es dagegen zu Abgängen – ohne dass der Wirtschaftsprüfer erläuterte, ob daraus ein Gewinn oder Verlust resultierte.

Akribisch zusammengestellt und moniert hat diese Intransparenz ein Mitglied der Vertreterversammlung des VZB. „Über einen Teil der Details erfahren wir erst dann, wenn es bereits zu spät ist“, kritisierte der Zahnarzt. Immerhin wurde man im Jahr 2023 über eine Abschreibung an Kapilendo in Höhe von 15 Millionen Euro informiert.

Fast schon vorbildlich agierte das VZB bezüglich einer globalen Diversifikation und der kostenbewussten Vermeidung hoher Fondsgebühren. Weitere Beteiligungen des Versorgungswerks außerhalb Europas betrafen nämlich ein Recycling-Unternehmen in Kalifornien, einen Asset Manager in New York oder ein Grundstück in Südafrika. Von dem Recycling-Unternehmen, an dem das VZB gemeinsam mit Oaktree beteiligt war, ist bekannt, dass es im September 2025 seinen Geschäftsbetrieb einstellte.

Mit Einzel-„Assets“ beschäftigte sich das VZB laut den portfolio institutionell vorliegenden Dokumenten auch schon in den Vorjahren. 2017 wurden Kunstgemälde und Kunstdrucke in Höhe von 1,8 Millionen Euro erworben. Verkäufer war die Quantum Immobilien Kapitalverwaltungsgesellschaft, damals Dienstleister für den Immobilien-Masterfonds des VZB.

Überraschend wäre, dass die anspruchsberechtigten Zahnärzte von der Sammlung der Werke der Künstlerin Seo nichts gewusst haben sollten. „Je nach Werk könnte die Menge der erworbenen Kunstgegenstände bei Anschaffungskosten in Höhe von rund 1,8 Millionen Euro entsprechend groß sein“, notierte das Mitglied der Vertreterversammlung. Von Geldern des VZB profitierten auch Ballkünstler.

Vergleichsweise seriöse Kreditnehmer fanden die Kapitalanleger in der HSV Fußball AG und im 1. Fußballclub Heidenheim 1846 e.V. Die Schuldscheindarlehen verzinsen die Clubs mit fünf Prozent, der HSV für fünf Jahre, die kurz vor dem finanziell belastenden Abstieg in die zweite Bundesliga stehenden Kicker aus Heidenheim für zwölf Jahre. Der Nennwert der beiden Darlehen beläuft sich auf insgesamt etwa 14,2 Millionen Euro.

Ende Januar bewertete das Arbeitsgericht Berlin zumindest die ordentliche Kündigung von Wohltmann seitens des Versorgungswerks, für das Wohltmann mehr als 25 Jahre tätig war, für wirksam. Diese sei wegen Interessenkonflikten mit Blick auf die Mitgliedschaften in Gremien mehrerer Beteiligungsunternehmen des VZB berechtigt.

Zurück zu Ingo Rellermeier: Er hatte zwar neben seinem Hauptjob kein Dutzend Aufsichts- und Beiräte. Neben seinem Ehrenamt als Vorsitzender des Anlageausschusses kümmerte er sich aber auch um die Rellermeier Heegewaldt Immobilien Beteiligungsgesellschaft, die 2021 eine Bilanzsumme von 13,4 Millionen Euro auswies. Mit Dr. Karsten Heegewaldt, langjähriger Präsident der Zahnärztekammer Berlin, betreibt Rellermeier auch gemeinsam eine Zahnärztepraxis.

Weiter widmete er sich seit 2018 mit seiner Rellermeier GmbH & Co KG dem Abschluss von Leasing- und Charterverträgen von Booten und Wasserfahrzeugen in Spanien. Konkret geht es um einen Yacht-Verleih auf Ibiza, der ihm 2018 vom damaligen 12.18.-Geschäftsführer Kai Richter angeboten worden sei. Das VZB war Mitgesellschafter und wichtiger Kreditgeber des Immobilienspezialisten. Vermietet werden konnte die Motoryacht, die etwa eine Million Euro kostete, laut den Unterlagen an das 7Pines Resort auf Ibiza, in dem Rellermeier zuvor zwei Wohnungen erworben hatte. Wohl nur ein Zufall war, dass dieses Resort seit 2015 ein Objekt der 12.18.-Gruppe ist.

Zum Einstieg von 12.18. sagte Rellermeier: „Das neue 7Pines Kempinski Manhattan ist Symbol für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen 12.18. und dem VZB und legt den Grundstein für die Expansion in weiteren hochklassigen Tourismus-Destinationen.“ Spätestens mit dem Yacht-Verleih war dann wohl auch die Zusammenarbeit zwischen 12.18. und Rellermeier selbst erfolgreich.

Honorig war jedoch von Rellermeier, dass er – seiner Erinnerung nach –, seinen Verwaltungsausschuss von der Yacht in Kenntnis setzte. Dieser habe das Boot jedoch als Privatsache befunden. Somit bestand keine Notwendigkeit, den Aufsichtsausschuss mit dem Yacht-Verleih zu behelligen. Ebenfalls honorig war 2025, dass „er die Zusammenarbeit mit dem Resort beenden“ wolle, da „wir die privaten Dinge nicht mit dem Geschäftlichen verquicken wollen“.

Anders als der Verwaltungsausschuss scheint die Staatsanwaltschaft den Yacht-Verleih zu sehen. Wie RBB 24 im Januar berichtete, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Vorteilsannahme im Amt. Hierzu verwies Rellermeier gegenüber RBB 24 auf sein transparentes Handeln und sagte: „Unabhängig davon ist mir bis heute kein Schaden benannt oder geltend gemacht worden, der hieraus resultiert sein soll. Vorwürfe dazu sind als politisch zu betrachten.“

Vielfältige Tätigkeiten gebieten es, Prioritäten zu setzen. Geschäftspolitik der VZB-Verantwortlichen war darum immer, sich auf interne Themen zu fokussieren. Wie auch schon dieses Medium erfahren hat, kommuniziert man „nicht mit Dritten über unsere Interna und beantwortet somit grundsätzlich keine Anfragen dieser Art“. Priorität liege darin, primär den Informationsbedarf der Mitglieder zu decken. Diese hätten sich allerdings auch mehr und vor allem bessere Informationen gewünscht. Mitgeteilt wurde beispielsweise noch im Januar 2025, dass das VZB kein versicherungsmathematisches Problem hat.

Ein so vielfältiges und auch internationales Tätigkeitsspektrum erfordert gut aufgestellte Dienstleister. Selbstredend, dass so erfolgreiche Immobilienmanager wie die der 12.18.-Gruppe, mit der das VZB außer auf Ibiza unter anderem auch in Schottland und auf Sardinien in gehobene Hotellerie investierte, ein eigenes Geschäftsflugzeug benötigten. Gemäß Recherchen eines Berliner Zahnarztes handelte es sich um eine Pilatus PC-12, die in der von 12.18. gewählten Luxusvariante 4,5 Millionen Euro kostet und etwa fünf Jahre für den Asset Manager im Einsatz war. Diverse Flugbewegungen, so formuliert es der Zahnarzt, deuten darauf hin, dass man auch beim wichtigsten Geldgeber von 12.18., dem VZB, frühzeitig vom Erwerb des Fliegers wusste.

Mehr Kollegialität, Lösungsorientierung und Transparenz

Zu personellen Änderungen kam es jüngst nicht nur im Versorgungswerk, sondern auch in der Zahnärztekammer Berlin. Dieses wählte im Januar Dr. Bianca Göpner-Fleige zur neuen Präsidentin. Symptomatisch für die Probleme in der Berliner Zahnärzteschaft war deren Statement zum Amtsantritt: „Ich möchte alle Kolleginnen und Kollegen vertreten, unabhängig von politischen Zugehörigkeiten, Strömungen und vergangenen Mehrheiten. Ich wünsche mir eine Kammerarbeit, die offen ist für Beteiligung, kollegiale und lösungsorientierte Zusammenarbeit. Dazu gehören insbesondere Transparenz und nachvollziehbare Entscheidungen.“

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