Zwischen Modell und Realität: Was Risiko für institutionelle Anleger wirklich bedeutet

Risikomanagement zwischen Philosophie und ALM-Praxis ist immer auch eine Frage der Perspektive: Moderator Jens Kummer begrüßte zum Beispiel Marcus Wilhelm von Airbus. Bild: Alex Habermehl.
Risikomanagement gehört zum Standardrepertoire institutioneller Investoren. Doch was Risiko eigentlich ist, darüber herrscht keineswegs Einigkeit. Eine Diskussion mit Vertretern aus Unternehmen, Asset Management sowie Overlay- und ALM-Spezialisten zeigt: Die größten Risiken tauchen oft genau dort nicht auf, wo Investoren sie messen.
Ein prägnantes Beispiel für Risikomanagement lieferte die britische Gilt-Krise im Herbst 2022. Nach wirtschaftspolitischen Maßnahmen der damaligen Regierung gerieten Pfund und Staatsanleihen massiv unter Druck. In der Folge waren Pensionsfonds gezwungen, kurzfristig Liquidität zu beschaffen, um Besicherungsanforderungen zu erfüllen. Erst durch Interventionen der Bank of England konnte der Markt stabilisiert werden. Die Ereignisse verdeutlichen, wie unterschiedliche Risikodimensionen zusammenwirken – und insbesondere, welche zentrale Rolle Liquidität und Handlungsspielraum in Stressphasen spielen.
Risiko ist keine einheitliche Größe
Vor diesem Hintergrund wurde zu Beginn der Diskussion im Rahmen der Jahreskonferenz bewusst eine offene Frage gestellt: Was verstehen wir eigentlich unter Risiko? Die Antworten fielen unterschiedlich aus. Für einige ist es Volatilität, für andere ein Drawdown oder Value-at-Risk. Für Investoren mit langfristigen Verpflichtungen verschiebt sich der Fokus jedoch deutlich. Ein zentraler Gedanke war dabei: Risiko bedeutet nicht nur Schwankungen, sondern vor allem die Konsequenzen, die daraus entstehen können. Damit war die Leitlinie gesetzt: Risikomanagement ist keine rein technische Disziplin, sondern hängt wesentlich von Perspektive und Zielsetzung ab.
Risikobudget ist eine Funktion des Ausfinanzierungsgrads
Aus Unternehmenssicht wurde deutlich, wie stark sich das Risikoverständnis über die Zeit verändert. Marcus Wilhelm, Airbus Pension Trust, brachte dies prägnant auf den Punkt: „Wenn man einen sehr geringen Ausfinanzierungsgrad hat, hat man wenig Möglichkeiten, das Risiko zu managen.“ Mit zunehmender Ausfinanzierung verändert sich die Perspektive grundlegend: Risiken können aktiv reduziert werden – und werden damit zur strategischen Notwendigkeit. Die Entwicklung bei Airbus – von deutlicher Unterdeckung hin zu nahezu vollständiger Ausfinanzierung – zeigt diesen Wandel eindrücklich. Risiko ist hier kein abstraktes Maß, sondern eng mit der finanziellen Stabilität des Unternehmens verknüpft.
Eine weitere Perspektive brachte Dieter Schorr, ZF Pension Trust, ein. Sein Fokus lag weniger auf der Höhe von Risiken als auf deren Qualität: „Wir gehen viele Risiken ein, für die wir gar nicht bezahlt werden.“ Neben klassischen Markt- und Kreditrisiken nannte er insbesondere geopolitische und operative Risiken, die oft implizit im Portfolio enthalten sind. Schorr machte deutlich, dass Investoren viele dieser Risiken vermeiden möchten, auch wenn sie sich in der Praxis nicht vollständig eliminieren lassen. Seine Kernaussage: Risikomanagement bedeutet auch, unerwünschte Risiken zu erkennen – nicht nur, sie zu messen.

Ein methodisch zentraler Punkt kam von Victor Bemmann (Universal Investment). Er warnte vor der unreflektierten Anwendung klassischer Risikokennzahlen auf illiquide Anlagen: „Wenn Sie auf dieser Basis Volatilität berechnen und mit täglich bewerteten Assets vergleichen, dann ist das definitiv falsch angewandte Mathematik.“ Der Hintergrund: Private-Markets-Anlagen werden oft nur quartalsweise bewertet. Daraus resultieren künstlich niedrige Volatilitäten – und damit eine verzerrte Wahrnehmung von Risiko. Bemmanns Schlussfolgerung: Risikokennzahlen sind nur im Kontext ihrer Bewertungslogik sinnvoll interpretierbar.
Währungsrisiken: sichtbar erst im Rückspiegel
Achim Walde, FX-Spezialist bei Metzler Capital Markets, lenkte den Blick auf ein Risiko, das häufig unterschätzt wird: Währungen. Seine Beobachtung aus der Praxis: „Spätestens dann, wenn der Einfluss der Währungskomponente signifikant wird, wird das Thema erst sichtbar.“ Gerade in bestimmten Marktphasen könne der Beitrag der Währung zur Gesamtperformance dominierend sein – oft überraschend für Investoren. Extreme Bewegungen – wie beim Schweizer Franken – zeigen zudem, wie schnell vermeintliche Stabilität in Risiko umschlagen kann.
Eine klare Priorisierung nahm Alexander Kleinkauf (Insight Investment) vor. Für ihn liegt das zentrale Risiko nicht in der Volatilität selbst, sondern in deren Konsequenzen: „Das größte Risiko ist, in Stressphasen gezwungen zu sein, Assets zu verkaufen.“ Gerade institutionelle Investoren mit langfristigen Verpflichtungen sind darauf angewiesen, Marktschwankungen aushalten zu können – und sich nicht durch Liquiditätsengpässe zu prozyklischem Handeln drängen zu lassen. Kleinkauf betonte zudem den Zusammenhang zwischen Liquidität und Rendite: „Wenn ich Volatilität aushalten kann, bin ich auch in der Lage, Risiken einzugehen, die langfristig bezahlt werden.“ Die Erfahrungen aus der britischen Gilt-Krise 2022 zeigen, dass nicht primär Modelle versagen, sondern Liquidität und Prozesse darüber entscheiden, ob Investoren handlungsfähig bleiben.
Bei der Frage nach der Rolle von Modellen bestand weitgehend Einigkeit: Modelle sind notwendig – aber sie haben klare Grenzen. Marcus Wilhelm formulierte es zugespitzt: „Die Modelle werden nicht eintreten.“ Extreme Ereignisse treten häufiger auf, als es klassische Annahmen nahelegen. Die Herausforderung liegt daher weniger im Modell selbst, als im Umgang damit. Es brauche Verständnis der Annahmen, Ergänzung durch Szenarioanalysen sowie eine richtige Einordnung der Ergebnisse. Risikomanagement wird damit zur Frage von Erfahrung und Governance – nicht nur von Mathematik.
Im Ausblick wurden mehrere Themen identifiziert, die besondere Aufmerksamkeit erfordern. Dieter Schorr nannte unter anderem: „Japan, Ölpreis, Inflation – das sind Themen, die wir laufend diskutieren.“ Zugleich wurde deutlich, dass viele Einrichtungen vor einem strukturellen Wandel stehen – vom Aufbau hin zur Auszahlung. Damit rückt die Sicherstellung von Liquidität in den Mittelpunkt des Risikomanagements. Auch die Rolle von Staatsanleihen wurde kritisch hinterfragt. Ihre Funktion als risikofreier Anker wird differenzierter gesehen.
Die Diskussion zeigt: Risikomanagement lässt sich nicht auf eine Kennzahl reduzieren, sondern ist geprägt durch Verpflichtungsstrukturen, Liquiditätserfordernisse, die Qualität der Risiken und durch Entscheidungsprozesse. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Das entscheidende Risiko ist nicht die Schwankung an sich – sondern der Moment, in dem Investoren zum falschen Zeitpunkt handeln müssen.
Autoren: Jens KummerSchlagworte: Asset Liability Management (ALM) | LDI/CDI | Risikomanagement
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